# taz.de -- Afghanistan, Pressefreiheit und Klima: Seehofer hat's endlich kapiert
       
       > Die Welt schaut auf Afghanistan, währenddessen uns weiterhin die Debatten
       > um die Erderwärmung umtreiben. Und nebenbei erzielen andere einen Rekord.
       
 (IMG) Bild: Klimaaktivistin Greta Thunberg warnt uns ja schon lange, vor den Folgen der Erderwärmung
       
       taz: Frau Herrmann, was war schlecht vergangene Woche? 
       
       Ulrike Herrmann: Die Taliban haben Kabul erreicht.
       
       Und was wird besser in dieser? 
       
       Afghanen in Deutschland werden nicht mehr nach Afghanistan abgeschoben.
       Sogar Seehofer hat jetzt verstanden, dass dort Bürgerkrieg herrscht.
       
       Bund und Länder haben diese Woche beschlossen: Ab Oktober wird es [1][keine
       kostenlosen Corona-Bürgertests] mehr geben. Ist das eine gute Entscheidung? 
       
       Ja. Ausnahmsweise spart der Staat nicht an der falschen Stelle. Die
       kostenlosen Tests haben Milliarden gekostet. Das war nötig, solange es
       keine Impfungen gab. Aber jetzt sollte es kostenlose Tests nur noch geben,
       wo nicht geimpft werden kann – zum Beispiel in Schulen. Der Staat ist kein
       Selbstbedienungsladen für Impfgegner.
       
       Wie hat Ihnen der SPD-Wahlkampfspot gefallen, in dem Armin Laschet als
       Matroschka-Figur auftritt? Und bedauern Sie es, dass der Spot nun nicht
       mehr zum Wahlkampfeinsatz kommen soll? 
       
       Der Spot war überflüssig, denn die Realität ist besser: Laschet macht
       ständig Fehler – und wird weitere machen. Die CDU hat ein absurdes
       Wahlprogramm, das nur die Reichen beschenken will. Die SPD kann sich also
       an die Fakten halten, [2][um Laschet zu demontieren]. Da muss man nicht
       irgendwelches Geraune über den Opus Dei starten.
       
       Seit Frühjahr 2021 schätzt der Verfassungsschutz die Thüringer AfD als
       rechtsextremistisch ein. Jetzt hat der Thüringer Polizei-Vizechef seine
       Polizeibeamt:innen, die zum Teil AfD-Mitglieder sind, in einem internen
       Schreiben zur Verfassungstreue ermahnt. Ist die Demokratie damit gerettet? 
       
       Nein. [3][Die Polizist:innen halten sich doch an die Verfassung], wenn
       sie der AfD beitreten. Die Partei ist bekanntlich nicht verboten. Das
       eigentliche Problem ist, dass etwa 11 Prozent der Deutschen bei der
       Bundestagswahl für die AfD stimmen wollen – obwohl die Partei
       rechtsradikal ist. In Thüringen hat sie bei der letzten Landtagswahl sogar
       23,4 Prozent geholt.
       
       Apropos Demokratie: Polen hat ein Mediengesetz verabschiedet, das
       nichteuropäische Firmen die Mehrheitsbeteiligung an Radio- und
       Fernsehsendern verbietet. Welche Pressefreiheits-Alarmstufe sehen Sie in
       unserem Nachbarland leuchten? 
       
       Gelb-Rot.
       
       Der neue Weltklimabericht prophezeit: Schon 2030 wird sich die Erde um 1,5
       Grad erwärmt haben. Setzt noch die Panik ein, die Greta Thunberg uns
       angeraten hat? 
       
       Von Panik ist bisher nichts zu sehen. Das ist auch besser so. Denn Panik
       ist noch kein Konzept, und das fehlt bisher. Niemand hat eine Idee, wie man
       aus dem dynamisch wachsenden Kapitalismus aussteigen soll, ohne dass es zu
       einer schweren Krise und massenhafter Arbeitslosigkeit kommt. Corona war da
       lehrreich: Kaum stockte der Absatz, hat der deutsche Staat 400 Milliarden
       Euro in die Wirtschaft gepumpt. Das Dilemma zwischen Kapitalismus und
       Klimaschutz wird momentan so gelöst, dass alle Parteien vom „grünen
       Wachstum“ träumen und auf Technik setzen. Dieser Ansatz wird scheitern,
       weil die Ökoenergie gar nicht reichen wird. Eigentlich ist „grünes
       Schrumpfen“ angesagt, aber damit gewinnt man keine Wahlen. Meine
       Privatmeinung ist, dass wir das Klima nur retten können, wenn wir demnächst
       in eine Art Kriegswirtschaft wechseln und mit der Rationierung anfangen.
       Und zwar von allem: Fleisch, Flüge, Wohnraum.
       
       Diese Woche haben Lokführer der Gewerkschaft GDL gestreikt. Ist ihr
       Arbeitskampf „völlig überzogen“, wie die Deutsche Bahn es behauptet? 
       
       Wo die Bahn recht hat: Es ist Quatsch, dass es zwei konkurrierende
       Gewerkschaften in einem Betrieb gibt. Das ist so, als würde Bayern München
       bei einem Fußballspiel mit zwei Mannschaften auflaufen statt mit einer.
       
       Tiktok ist die meistheruntergeladene App 2020. Swipen Sie sich auch gerne
       mal durch die chinesische Videopattform? 
       
       Mir reicht schon Twitter.
       
       Am Freitag jährte sich der Bau der Berliner Mauer zum sechzigsten Mal. Nur
       ein historisches Datum – oder steckt da auch eine Lektion für uns Heutige
       drin? 
       
       Die Mauer ist ein Symbol für die Vergeblichkeit von Diktaturen. Die SED
       wollte ihre Macht festigen und hat sie am Ende doch verloren.
       
       Und was machen wir jetzt mit unserem Geld? 
       
       Was immer Sie machen: Folgen Sie bloß nicht den Aktienanalysen in der ARD.
       
       Fragen: waam, Emelie Glaser 
       
       Ulrike Herrmann ist Autorin und Wirtschaftsredakteurin der taz und schreibt
       gerade ein Buch über das „Ende des Kapitalismus“. Sie ist die
       Urlaubsvertretung von Friedrich Küppersbusch.
       
       15 Aug 2021
       
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