# taz.de -- US-Grenzkontrolle bei El Paso: Der Traum vom besseren Leben
       
       > Die Grenze von Mexiko zu den Vereinigten Staaten ist seit Beginn der
       > Coronapandemie geschlossen. Dennoch suchen Zehntausende Menschen in den
       > USA eine neue Heimat.
       
 (IMG) Bild: Die Menschen begeben sich auf die beschwerliche Reise in Richtung USA; El Paso, 11. Mai
       
       El Paso taz | „Es ist oft traurig und herzzerreißend“, sagt
       US-Border-Patrol-Agentin Valeria Morales über den nicht abreißenden Strom
       von [1][Migrant*innen an der Grenze von Mexiko] zu den USA. „Leider
       erleben wir dies fast tagtäglich. Es ist nun einmal Teil unserer Arbeit.
       Und dazu gehört nicht nur der Schutz der Grenze, sondern auch jeden
       Menschen mit Würde zu behandeln.“
       
       Morales ist eine von mehr als 2.000 Grenzschützer*innen, die im
       El-Paso-Sektor tätig sind. Die im Westen von Texas gelegene Stadt liegt
       direkt an der Grenze. Zusammen mit dem mexikanischen Ciudad Juárez am
       anderen Ufer des Rio Grande bilden beide Städte eine Metropolregion mit
       zusammen mehr als 2,7 Millionen Einwohnern.
       
       Die US-Grenzschutzbehörde hat die mehr als 3.000 Kilometer lange Südgrenze
       des Landes in neun Abschnitte unterteilt. Der El-Paso-Sektor gehört mit zu
       den Abschnitten, in denen besonders viele illegale Grenzübertretungen
       registriert werden. Zwischen Oktober 2020 und Mai 2021 waren es dort mehr
       als 113.000. Dies entspricht einem Anstieg von mehr als 267 Prozent
       gegenüber dem Vorjahr. Entlang der gesamten Grenze stieg die Zahl der
       Aufgegriffenen sogar um mehr als 291 Prozent auf über 897.000 an.
       
       Jeden Tag verlassen Hunderte von Menschen aus Mittel- und Südamerika ihre
       Heimat und begeben sich auf eine ungewisse Reise. Ihr Ziel sind die USA.
       Für die Regierung von US-Präsident Joe Biden ist es eines der größten
       innenpolitischen Probleme. Für die Menschen, die sich oft aus schierer
       Verzweiflung auf die beschwerliche Reise begeben, ist es der Traum eines
       besseren Lebens in den Vereinigten Staaten.
       
       ## 20.000 Männer und Frauen überwachen die Grenze
       
       Dieser Traum ist jedoch oft schnell ausgeträumt. Das gilt selbst für
       diejenigen, die es tatsächlich bis zur Südgrenze der USA schaffen. Diese
       Grenze ist jedoch seit Beginn der Coronapandemie geschlossen. Wer keinen
       dringenden Grund für eine Einreise in die USA vorweisen kann, wird
       abgewiesen.
       
       Asylbewerber*innen mussten bis Juni in Mexiko ausharren, bis die
       US-Behörden eine Entscheidung über ihren Antrag gefällt hatten. Die einzige
       Ausnahme zu dieser von Ex-Präsident Donald Trump erlassen Regelung waren
       Minderjährige, die ohne Begleitung versuchten, in die USA zu gelangen.
       Diese wurden in US-Grenzeinrichtungen oder temporären Auffanglagern
       untergebracht.
       
       Für US-Grenzschützer*innen stellt die aktuelle Situation eine große
       Herausforderung dar. Die Aufgabe der Behörde ist zwar klar definiert –
       Grenzsicherung zum Schutz der US-Bevölkerung. Doch die Einzelschicksale der
       Menschen aus Süd- und Mittelamerika lassen auch die mehr als 20.000
       uniformierten Männer und Frauen der US-Grenzschutzbehörde CBP (Custom and
       Border Protection) nicht immer kalt.
       
       Bereits im März warnte US-Heimatschutzsekretär Alejandro Mayorkas davor,
       dass die Zahl von Begegnungen zwischen Migrant*innen und
       US-Border-Agenten*innen an der Südgrenze einen Wert erreichen könnte, den
       es seit 20 Jahren nicht mehr gegeben hat.
       
       Die Gründe sind vielfältig, doch wie Border Patrol Agent Ricardo Barragan
       in El Paso erklärt, tragen die sich verschlechternden Zustände in den
       Herkunftsländern der Migrant*innen ihren Teil dazu bei. „Hungersnöte
       sowie Verunsicherung und Gewalt sind treibende Kräfte“, sagt er.
       
       Auch kriminelle Organisationen, Drogenkartelle und Schmugglernetzwerke
       tragen laut Grenzschutzbehörde maßgeblich zur akuten Situation bei. „Für
       die ist es nicht mehr als eine weitere Einnahmequelle“, sagt Barragen, der
       wie Morales bei sengender Hitze in der für Grenzschutzbeamte üblichen
       grünen Uniform erscheint. „Kriminelle Organisationen wie Drogenkartelle
       haben begriffen, wie lukrativ der Menschenschmuggel sein kann. Bei manchen
       stellt sich mittlerweile die Frage, ob sie mehr Geld mit Drogen- oder
       Menschenschmuggel verdienen.“
       
       Ein Fall, der in diesem Jahr für Aufsehen sorgte, ereignete sich in der
       Nähe des Grenzübergangs Santa Teresa im US-Bundesstaat New Mexico. Die
       etwas mehr als 20 Kilometer nordöstlich von El Paso gelegene Kleinstadt
       befindet sich in einem kargen Wüstengebiet.
       
       Genau dort wurden zwei junge ecuadorianische Mädchen im Alter von drei und
       fünf Jahren mitten in der Nacht von Schmuggler*innen über die mehr als
       vier Meter hohe Grenzbefestigung gehoben und dann einfach fallen gelassen.
       In der Nacht wimmelt es dort von Kojoten und Klapperschlangen. Auch wenn
       die nächste Ortschaft Sunland Park nur etwas mehr als einen Kilometer
       entfernt liegt, kann dies für zwei kleine Kinder in der Dunkelheit ein
       todbringendes Hindernis darstellen. Glücklicherweise wurden die beiden
       Mädchen wenig später unverletzt von US-Grenzschützer*innen aufgefunden.
       
       „Die meisten unserer Agenten sind selbst Eltern“, sagt Morales. „Ich habe
       mit eigenen Augen gesehen, wie meine Kollegen weinende Babys versorgen und
       ihnen sogar die Windeln gewechselt haben. Wir versuchen alles, um
       sicherzustellen, dass diese Kinder bestmöglich versorgt werden“.
       
       ## Kinder und Jugendliche in Auffanglagern
       
       Dass das Wohl der Kinder allerdings nicht immer oberste Priorität genießt,
       zeigte sich vor vier Jahren. „Kinder und Jugendliche in Käfigen“ lauteten
       damals die Schlagzeilen, nach dem Bilder veröffentlicht wurden, die die
       teils desaströsen Zustände in den Grenzeinrichtungen und Auffanglagern
       zeigten. Ex-Präsident Trump verschlimmerte mit seiner „Null
       Toleranz“-Migrationspolitik eine Situation, die sich schon vor dessen
       Regierungszeit zugespitzt hatte.
       
       Unter Joe Biden hat sich die Lage für minderjährige [2][Migrant*innen
       zwar verbessert], doch noch immer müssen viele von ihnen Tage und Wochen in
       schlecht ausgestatteten Unterkünften verbringen, bevor die US-Behörden
       einen Beschluss über Verbleib oder Abschiebung fällen.
       
       „Wir haben in den letzten fünf Monaten Fortschritte gemacht, doch es gibt
       noch immer viel Arbeit“, sagte US-Vizepräsidentin Kamala Harris am Rande
       eines Besuchs von Grenzeinrichtungen in El Paso im vergangenen Monat. Die
       ehemalige kalifornische Senatorin wurde von Joe Biden damit beauftragt, die
       Grenzsituation zu verbessern und die Ursachen für den nicht abreißenden
       Strom von Migrant*innen zu bekämpfen.
       
       Die Zahl der Aufgriffe von Minderjährigen ohne Begleitung hat sich zwischen
       Oktober und Mai um mehr als 297 Prozent auf mehr als 78.500 erhöht. Im
       El-Paso-Sektor waren es im gleichen Zeitraum mehr als 13.600 und damit fast
       so viele wie im gesamten Haushaltsjahr 2019.
       
       ## Drogenschmuggel über die Grenze
       
       Neben den rein monetären Aspekten – Migrant*innen zahlen Schmugglern
       oftmals mehrere tausend US-Dollar – ziehen Drogenkartelle auch andere
       Vorteile aus dem Ansturm von Migrant*innen. „Kriminelle Organisationen
       nutzen vor allem Minderjährige als taktisches Manöver“, sagt
       Grenzschutzbeamtin Morales. „Sie wissen, dass die Rettung von Kindern und
       auch Erwachsenen absolute Priorität für uns hat. Aus diesem Grund versuchen
       sie unsere Agenten mit humanitären Notfällen in einem Bereich zu binden, um
       gleichzeitig an einem anderen Ort Drogen und andere Betäubungsmittel ins
       Land zu schmuggeln. Es ist eine sehr finstere Taktik.“
       
       Die Menge an sichergestellten Drogen war über die vergangene Zeit hinweg
       ziemlich stabil und beläuft sich auf mehr als 400.000 Kilogramm pro Jahr.
       Auch in diesem Jahr scheint sich dieser Trend fortzusetzen. Laut
       Border-Protection-Pressesprecher Landon Hutchens geschieht es auch, dass
       Minderjährige als Drogenkuriere missbraucht werden, da das Strafmaß für
       diese weitaus geringer ist als für Erwachsene.
       
       Und dann sind da noch die vielen Rettungsaktionen und die Todesfällen, die
       den Alltag an der Grenze prägen. Allein im Mai verzeichnete die
       Grenzschutzbehörde mehr 7.000 Rettungsaktionen. Im El-Paso-Sektor gehören
       Rettungen aus dem Grenzfluss Rio Grande oder Notsituationen in der Wüste
       zum Berufsalltag der CBP-Agenten. Schmuggler*innen versuchen mit selbst
       gebauten Leitern aus Draht und Holz oder mithilfe einfacher Seile, die bis
       zu acht Meter hohe Grenzbefestigung zu überwinden. Verletzungen durch
       Stürze kommen dabei immer wieder vor.
       
       Für andere endet der Traum vom Leben in den USA mit dem Tod. Im Juni fanden
       US-Border-Agenten*innen im El-Paso-Sektor die Leiche eines Migranten. Die
       Person starb nur knapp eine Meile von der Grenze entfernt vermutlich an
       einem Hitzschlag. Im Jahr 2019 starben insgesamt 300 Menschen entlang der
       Grenze. Diese Zahl beinhaltet allerdings nur die von
       Grenzschützern*innen aufgefundenen Opfer. Die Dunkelziffer dürfte
       weitaus höher liegen.
       
       Gemeinnützige Organisationen und Aktivist*innen setzten sich entlang
       der Grenze für die Belange von Migrant*innen ein. Die meisten dieser
       Organisationen sind auf finanzielle sowie Sachspenden angewiesen.
       
       Am Ende bedarf es jedoch eines überarbeiteten Einwanderungsgesetzes, um die
       menschlichen Tragödien im Grenzgebiet zu verhindern, sagt Juan Ortiz, ein
       in El Paso geborener Aktivist, der sich besonders für minderjährige
       Migrant*innen aus der Schwulen-, Lesben- und Trans-Szene einsetzt.
       
       „Unsere Regierung hat Einwanderung kriminalisiert“, so Ortiz. „Ohne eine
       drakonische Einwanderungsreform wird sich an der aktuellen Situation leider
       nichts ändern.“ Die Regierung Biden plant eine Überarbeitung der
       US-Einwanderungsgesetze, doch ohne republikanische Unterstützung im
       Kongress stehen die Erfolgsaussichten schlecht.
       
       „Ich glaube, die meisten Politiker in Washington habe keine Ahnung über die
       Situation hier an der Grenze“, sagt Melissa Lopez, die Direktorin einer
       religiösen Flüchtlingshilfe in El Paso.
       
       Und dann sagt sie: „Ich höre immer dieselbe Frage: ‚Wie können Eltern ihren
       Kindern das antun?‘ Doch ich glaube, die eigentliche Frage sollte lauten,
       ‚Wie können sie es nicht tun?‘ Ein Kind, das nicht regelmäßig zu essen
       bekommt, welches das Haus nicht verlassen kann, weil es vielleicht entführt
       oder umgebracht werden könnte. Ein Kind, das aufgrund der hohen Gewalt im
       Land sein 18. Lebensjahr wahrscheinlich nicht erreichen wird. Unter diesen
       Umständen ist die Entscheidung, dass Kind alleine in die USA zu schicken,
       viel leichter, als sich die meisten das vorstellen können“.
       
       14 Jul 2021
       
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