# taz.de -- Kolonialverbrechen an Herero und Nama: Scharfer Protest
       
       > Deutschland erkennt den Völkermord an Herero und Nama an und spricht von
       > einer Einigung mit Namibia. Herero-Führer lehnen die Vereinbarung ab.
       
 (IMG) Bild: „Paramount Chief“ der Herero, Vekuii Rukoro, bei einem „Reparation Walk“ in Swakopmund, 2019
       
       Berlin taz | Die Bundesrepublik Deutschland erkennt erstmals offiziell den
       Völkermord an, den deutsche Truppen ab 1904 im heutigen Namibia an den
       Völkern der Herero und Nama begangen hatten, um einen Aufstand gegen die
       Kolonialherrschaft im damaligen Deutsch-Südwestafrika niederzuschlagen.
       „Wir werden diese Ereignisse jetzt auch offiziell als das bezeichnen, was
       sie aus heutiger Perspektive waren: ein Völkermord“, erklärte das
       Auswärtige Amt in Berlin am Freitag. „Im Lichte der historischen und
       moralischen Verantwortung Deutschlands werden wir Namibia und die
       Nachkommen der Opfer um Vergebung bitten.“
       
       Aus deutscher Sicht sind damit die mehr als fünfjährigen Verhandlungen
       zwischen Deutschland und Namibia über eine Anerkennung des ersten
       Völkermords des 20. Jahrhunderts und dessen Konsequenzen zu einem guten
       Ende gekommen. Man habe eine „Einigung über den gemeinsamen Umgang mit dem
       dunkelsten Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte“ erzielt, führt das
       Auswärtige Amt aus.
       
       Zum Inhalt der Einigung heißt es: „Als Geste der Anerkennung des
       unermesslichen Leids, das den Opfern zugefügt wurde, wollen wir Namibia und
       die Nachkommen der Opfer mit einem substanziellen Programm in Höhe von 1,1
       Milliarden Euro zum Wiederaufbau und zur Entwicklung unterstützen. Bei
       dessen Gestaltung und der Umsetzung werden die vom Völkermord betroffenen
       Gemeinschaften eine entscheidende Rolle einnehmen. [1][Rechtliche Ansprüche
       auf Entschädigung] lassen sich daraus nicht ableiten.“
       
       Bereits vergangene Woche hatte der deutsche Verhandlungsführer Rupert
       Polenz (CDU) erklärt, man habe sich geeinigt. Worauf genau, sagte er aber
       nicht, und die getroffene Vereinbarung ist nach wie vor nicht
       veröffentlicht. Nach namibischen Berichten wurde die Einigung am 15. Mai
       erzielt, zum Abschluss der neunten deutsch-namibischen Verhandlungsrunde.
       
       ## Erster Schritt
       
       In Namibia sind die Reaktionen zurückhaltend bis ablehnend, und von einer
       endgültigen Einigung ist nicht die Rede. Von einem „ersten Schritt“ sprach
       Alfredo Hengari, Sprecher von Namibias Präsident Hage Geingob.
       
       Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP sage Hengari am Freitag: „Die
       Anerkennung Deutschlands, dass ein Völkermord begangen wurde, ist der erste
       Schritt in die richtige Richtung“. Zwei Tage zuvor hatten ihn lokale Medien
       mit der Mitteilung zitiert, die „Sache“ sei im Kabinett behandelt worden
       und „der Präsident wird über die erste Phase des Prozesses Bericht
       erstatten und mit den betroffenen Gemeinschaften Schritte diskutieren“.
       
       Die betroffenen Gemeinschaften – [2][Namibias Herero und Nama, also die
       Nachkommen der Überlebenden des Völkermords] – lehnen das bisherige
       Verhandlungsergebnis scharf ab und haben Proteste im Parlament angekündigt,
       sollte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Namibia reisen, um das
       Abkommen zu unterzeichnen.
       
       „Deutsches Völkermordangebot, eine Beleidigung'“ titelte am Freitag
       Namibias führende unabhängige Tageszeitung Namibian. Laut namibischen
       Presseberichten sollen die 1,1 Milliarden Euro aus Deutschland über 30
       Jahre gestreckt werden und lediglich in bereits bestehende staatliche
       Entwicklungspläne der namibischen Regierung einfließen.
       
       ## Nicht von der Regierung vertreten
       
       Hauptproblem ist, dass wichtige Führungspersönlichkeiten der Herero und
       Nama, die in Namibia der politischen Opposition zuneigen, sich nicht von
       der namibischen Regierung vertreten sehen und sich von den Verhandlungen
       mit Deutschland ausgeschlossen fühlen. Das Auswärtige Amt sagt, „Vertreter
       der Gemeinschaften der Herero und Nama waren auf namibischer Seite in die
       Verhandlungen eng eingebunden“. Wie Kritiker anmerken, heißt „eingebunden“
       allerdings nicht, dass sie auch mit dem Ergebnis „einverstanden“ waren.
       
       Die beiden Dachverbände der traditionellen Herero- und Nama-Führer, die
       Ovaherero Traditional Authority (OTA) und die Nama Traditional Leaders
       Association (NTLA), lehnten das Verhandlungsergebnis bereits am Mittwoch
       auf einer Pressekonferenz ab, da es lediglich eine Versöhnung zwischen zwei
       Regierungen darstelle, aber nicht die betroffenen Gemeinschaften
       einschließe und keine Reparationen beinhalte. „Dies genügt nicht für das
       Blut unserer Ahnen“, sagte der „Paramount Chief“ der Herero, Vekuii Rukoro.
       „Wir werden bis zur Hölle gehen und wieder zurück, um zu kämpfen.“
       
       Rukoro war 2015 nach Deutschland gereist, um seine Forderung nach
       Entschädigung offiziell zu präsentieren, war aber nicht offiziell empfangen
       worden. Die Bundesregierung hat Direktgespräche mit den betroffenen
       Gemeinschaften immer abgelehnt und gesagt, ihr Verhandlungspartner sei
       Namibias Regierung. Sie hat auch immer wieder darauf geachtet, dass aus
       einer Anerkennung des Völkermordes keine „Rechtsfolgen“ entstehen, also
       juristische Ansprüche auf Entschädigung.
       
       Aus Angst vor solchen finanziellen Konsequenzen hatte sich bis jetzt die
       Bundesregierung vor einer offiziellen Anerkennung gedrückt. 2004 hatte die
       damalige Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) als
       erstes deutsches Regierungsmitglied überhaupt bei einem Namibia-Besuch das
       Wort „Völkermord“ für die Ereignisse von 1904 verwendet, was dann aber
       folgenlos blieb.
       
       ## Position unverändert
       
       Zed Ngavirue, der Verhandlungsführer der namibischen Regierung bei den
       Gesprächen mit Deutschland, wies die Herero-Vorwürfe zurück. Es sei immer
       klar gewesen, dass Deutschland „nicht in der Lage ist, unsere Verluste
       wiedergutzumachen“, sagte er laut namibischen Presseberichten. „Die
       Deutschen haben auf das reagiert, was wir auf den Tisch gelegt haben.“
       
       Präsidentensprecher Hengari sagte, die offizielle Position Namibias bleibe
       unverändert: „Deutschland muss anerkennen, dass ein Völkermord stattfand,
       danach muss es eine Entschuldigung geben, und dann Reparationen für die
       betroffenen Gemeinschaften.“
       
       In Deutschland erklärte die Aktivistenvereinigung „Berlin Postkolonial“,
       die sich für die Aufarbeitung deutscher Kolonialverbrechen einsetzt, die
       Vereinbarung werde keine Versöhnung stiften, sondern „Frustration und
       Unfrieden“. Nach wie vor erkenne Deutschland den Völkermord in Namibia
       nicht völkerrechtlich – also mit einer Wiedergutmachungspflicht – an,
       „vielmehr stellt es seine Leistungen gegenüber Namibia als freiwillige
       Hilfsaktion dar“.
       
       28 May 2021
       
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