# taz.de -- Korruption in der Türkei: Mafioso bringt AKP ins Wanken
       
       > Weitere Enthüllungen über höchste Regierungskreise zeigen Wirkung. Laut
       > Umfragen wenden sich viele Wähler von Erdoğans Partei ab.
       
 (IMG) Bild: Mafia-Boss Sedat Peker im Jahr 2014
       
       Istanbul taz | Was der Opposition in der Türkei bislang nicht gelang,
       vollbringt nun der [1][flüchtige Mafia-Boss Sedat Peker]. Mit Enthüllungen
       über kriminelle Machenschaften und Korruption rund um die Regierung bringt
       er einen erheblichen Teil der Wählerschaft von Präsident Recep Tayyip
       Erdoğan und dessen AK-Partei ins Grübeln. Laut einer Umfrage des
       Meinungsforschungsinstituts Avrasya Polling, würden 20 Prozent der
       bisherigen AKP-Wähler mit Verweis auf Pekers Enthüllungen, der Partei
       künftig nicht mehr ihre Stimme geben.
       
       Erreicht hat Peker das mit Videobotschaften aus seinem Exil in Dubai. Der
       Mann, der lange mit der AKP liiert war und nach eigener Aussage vor allem
       mit Innenminister Süleyman Soylu zusammengearbeitet hat, fühlt sich von
       Erdoğan und seiner Regierung verraten und wäscht seit Anfang Mai öffentlich
       schmutzige Wäsche. Jeden Sonntagmorgen geht er auf Sendung. Um 7.30 Uhr
       hatten sich am letzten Sonntag bereits 5 Millionen Menschen [2][auf
       Youtube] eingeklinkt. Innerhalb einer Stunde waren es doppelt so viele.
       Insgesamt mehr als 100 Millionen haben die bislang acht Videos von Peker
       gesehen.
       
       Dabei ist der Mann als Krimineller bekannt. Trotzdem glauben ihm die
       meisten Zuschauer, wie die Avrasya-Umfrage ergab. Denn [3][Pekers Vorwürfe]
       bestätigen, wovon viele schon lange ausgehen. Es geht um [4][Korruption und
       Bereicherung mit kriminellen Methoden]. Das betrifft vor allem Kinder
       hochrangiger Parteimitglieder, die ihre Kontakte zur kriminellen
       Bereicherung nutzen sollen.
       
       So hatte Peker behauptet, der Sohn des Ex-Ministerpräsidenten Binali
       Yıldırım sei führend am Drogenschmuggel aus Venezuela beteiligt. Deswegen
       sei er im Januar und Februar dieses Jahres zwei Mal in dem
       südamerikanischen Land gewesen. Sein Vater erklärte, sein Sohn sei zum
       fraglichen Zeitpunkt in Venezuela gewesen, aber um Schutzmasken und
       Testkits zu verteilen. Nachforschungen beim Zoll ergaben, dass in der Zeit
       weder Schutzmasken noch Testkits aus der Türkei ausgeführt worden waren.
       
       ## Sprengmeister auf Sendung
       
       In die Enge getrieben behauptete Binali Yıldırım, sein Sohn habe so viele
       Masken wie möglich im Koffer mitgenommen. Nicht mal eingefleischte
       AKP-Wähler nehmen ihm das noch ab. Dasselbe gilt für Pekers Behauptung über
       illegale Waffenlieferungen an Islamisten in Syrien.
       
       Weil sie die Vorwürfe nicht widerlegen können, gehen die
       Regierungspropagandisten in die Offensive. İsmail Kılıçarslan, einer der
       wichtigsten AKP-Journalisten, schrieb in der der Partei nahestehenden Yeni
       Şafak: „Selbst wenn die Türkei Waffen an al-Nusra geliefert hätte, wen
       störte das?“ Einen guten Muslim nicht, wollte er wohl sagen.
       
       Doch laut Umfrage wenden sich auch immer mehr Muslime von der Regierung ab.
       „Peker ist dabei, den Palast (Erdoğans Regierung, Anm. d. Red.) von innen
       zu sprengen“, schrieb Celal Başlangıç, ein kaltgestellter Journalist in
       Artı Gerçek. Nächsten Sonntag geht der Sprengmeister wieder auf Sendung.
       
       3 Jun 2021
       
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 (DIR) Jürgen Gottschlich
       
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