# taz.de -- Klebrige Kulturvorschau: Aus Liebe zum Schleim
       
       > Das Theater für Niedersachsen beendet die Coronapause mit Tromas „Toxic
       > Avenger“. Egal, ob's gut wird: Mit Schleim anzufangen, war schon mal
       > richtig.
       
 (IMG) Bild: Schlittert auf Schleim aus Film und Fernsehen rüber ins Theater: Tromas „Toxic Avenger“
       
       Blut! Sperma! Und [1][Schleim]! Na, zieht Sie so was gleich so richtig tief
       rein in einen Text? Das ist gut. Und ein bisschen ist’s auch Glück für Sie,
       weil hier drin eine wirklich fantastische Nachricht schlummert. Die ist
       toll. Und drumherum schleicht noch eine etwas kompliziertere Überlegung,
       die den albernen Einstieg erklärt.
       
       Sie haben’s schon gemerkt: Das ist ein kleines Spiel mit der Hermetik von
       Texten, aber auch jener von Körpern, subkulturellen Szenen – und der des
       Theaterbetriebs. Nichts davon steht Ihnen einfach so offen, es braucht Zu-
       und vielleicht wichtiger noch: Übergänge. Womit wir beim Schleim wären.
       
       Oft ist der nämlich ausgesprochen hilfreich da, wo es irgendwo reingehen
       soll, oder raus. Meistens harmlos und höchstens ein bisschen ekelig ist zum
       Beispiel das, was als Schnodder via Schleim aus der Nase kommt. Man sollte
       froh sein, dass es rausflutscht und einen nicht von Innen weiter plagt.
       
       Wenn Sie dieses Thema in der Frühstückszeitung stört, tut mir das leid,
       aber es lässt sich auch nicht ändern. Denn fast immer gilt: Wo Schleim
       blubbert, sind Scham und Tabu nicht weit. Das gilt besonders für jene
       Körpergrenzen weiter unterhalb der Nase. Der [2][Menstruationszyklus] etwa
       zieht auf Schleim seine Kreise durchs Unbewusste – und dann irgendwann auch
       unten raus aus dem Körper. Auch Samenzellen kommen nur anständig
       eingeschleimt voran.
       
       Jetzt die versprochene Nachricht: Nach Coronapause und Wasserschaden nimmt
       das [3][Theater für Niedersachsen in Hildesheim seinen Spielbetrieb wieder
       auf]. Gegeben wird „The Toxic Avenger – der Rächer der Verstrahlten“,
       80er-Jahre-Trash-Film aus dem [4][Troma-Kollektiv], als vermutlich nicht
       weniger beknacktes Musical. Da geht’s auch um Schleim.
       
       Toxi, eine eher traurige Nerdgestalt und Putzkraft in der Muckibude, stürzt
       in einen Bottich grün blubbernden Schleims (Atommüll) und wird zu einem
       vage als Superheld gelabelten Monster. Satire auf Körperkult, Kostüme, FSK
       18 … Sie ahnen, wo die Reise hinführt. Denken Sie dazu an die 80er, wo
       Schleim derart ikonisch für Comic-Kinder-Konsumwelten stand, dass er im
       Spielwarenhandel dosenweise käuflich zu erwerben war.
       
       Besser lässt sich der kaltgestellte Kulturbetrieb kaum wieder lostreten.
       Nicht nur wegen der Urschleim-Metapher, sondern weil’s richtig lustig ist
       und es zuletzt nur wenig zu Lachen gab.
       
       Aber kurz noch mal zum grünen Schleim, der ein ganz besonderer unter den
       Schleimen ist: Wenn Sie ihn etwa aushusten, ist das eine schlechte
       Nachricht. Im Qualitäts-TV, hier bei Troma eben, aber auch bei Ninja
       Turtles, Ghostbusters oder Batman ist der grüne Schleim vor allem auch
       Transgressionsmedium: Die meist unfreiwillig Eingeschleimten verändern sich
       nicht nur selbst, sondern bügeln gleich alle Kategorien derart
       grundsätzlich platt, dass ihre private Verwandlung die gesamte
       Gesellschaftsordnung mit ihrem Anhang aus Race, Class, Gender und so weiter
       infrage stellt. Und das ist doch toll, oder nicht? Neben „Hihi“, „Haha“ und
       „Hoho“ wäre das bereits der vierte Grund, sich auf und über Hildesheim zu
       freuen.
       
       30 May 2021
       
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