# taz.de -- Kameramann Hans Rombach im Porträt: Immer ohne Drehbuch
       
       > Das Leben eines Kameramanns ist reich an Geschichten. Hört man Hans
       > Rombach zu, gibt es allerdings nur wenige, auf die es wirklich ankommt.
       
 (IMG) Bild: Liebe zum Fliegen, aber nicht für die Vogelperspektive: Kamermann Hans Rombach
       
       Es gibt einen Satz, der immer dann fällt, wenn Hans Rombach etwas nicht
       erzählen will: „Aber das ist langweilig!“ Dann allerdings erzählt er doch,
       erzählt, wie er mit der Kamera am Hochhaus hing und wie unten auf der
       Straße die Menschen so klein waren, als säße er im Flugzeug. Und wie er
       sich vorher nicht traute, in den Fahrstuhl zu steigen, und deshalb alle
       Treppen zum Dach des Hochhauses zu Fuß nahm. Weil er einmal mit einem
       Fahrstuhl abgestürzt war.
       
       Oder wie er, bei den Dreharbeiten zu den „Helicops“, mit dem EC 135 über
       dem Flughafen von Tempelhof kreiste und wie sie einen Helikopterzweikampf
       über dem Reichstag drehten. Oder wie das Filmteam im Kosovo auf einen
       US-Stützpunkt vorfuhr, und wie jeder der Insassen im Jeep plötzlich den
       roten Punkt eines Leuchtpunktvisiers auf der Stirn hatte. Fünf Minuten lang
       waren sie im Visier der Scharfschützen, eine falsche Bewegung hätte die
       Katastrophe auslösen können. Alles langweilig.
       
       Abgesehen vielleicht von dem Flug mit der Britten-Norman Islander, das war
       einen Moment lang wirklich ziemlich spannend. Es war der erste
       British-Airways-Flug von Berlin nach Helgoland. Und Hans Rombach durfte
       vorne sitzen, neben dem Piloten, mit der Kamera in der Hand, weil die
       Berliner „Abendschau“ über den Jungfernflug berichten wollte. Aber es war
       trüb und neblig und die Sicht auf dem winzigen Flugplatz von Helgoland
       miserabel.
       
       Deshalb hatte sich schon der Abflug verzögert. Als Helgoland in Sicht
       kommen sollte, sah man nichts, zudem war die Landebahn vom Regen
       verschlammt.
       
       Es rumpelte besorgniserregend, als der Flieger aufsetzte, Hans Rombach
       hatte Probleme, die Kamera zu halten, und dann plötzlich der Schwenk zur
       Hand des Piloten, der die Notbremsung einleitete – das Flugzeug rutschte in
       die Düne, „die Nase war weg, ein Triebwerk war abgefallen. Vorne im Cockpit
       hatten wir keine Ahnung, ob hinten noch alles dran war. Aber als wir uns
       umdrehten, saßen alle noch da, kreidebleich und in Schockstarre. Dann
       beobachtete ich durchs Cockpitfenster, wie zwei Männer aus dem Tower
       kletterten und fünf Minuten später ein Feuerwehrauto um die Ecke kam. Die
       beiden Männer waren das komplette Flughafenpersonal von Helgoland.“
       
       ## Liebe, Tod, Verbrechen
       
       Das mit dem Erzählen begann bei Hans Rombach schon als Junge in Wyhlen,
       Mitte der Sechzigerjahre, in diesem Dorf an der Schweizer Grenze, wo er zu
       schreiben und zu fotografieren begann, mit der Praktica, die er sich
       zusammengespart hatte. „Ich fotografierte Wald, Wiese, Stadt.“ Basel zum
       Beispiel. Da saß eine alte Frau auf der Bank, oder ein junges Paar küsste
       sich, während ein alter Mann hinter einem Baum stand und zusah. Das sind
       die Geschichten, die er erzählen möchte. Geschichten, für die man nur ein
       Bild braucht. Ein winziger Moment, kurz skizziert, doch darin steckt ein
       ganzes Leben.
       
       An Filme dachte der Vierzehnjährige da noch nicht, obwohl gleich neben
       seinem Zimmer das Dorfkino lag und obwohl er jeden Abend die Stimmen der
       Schauspieler hörte, er den Dialogen folgte, in denen es um die großen
       Themen ging, Liebe, Tod, Verbrechen, „in diesen warmen Sommernächten mit
       offenen Fenstern, wenn der Wind die Vorhänge aufblähte“.
       
       Hans Rombach wollte fotografieren. Und fliegen. Nach Paris, New York,
       Moskau. Mit der Caravelle, die fast senkrecht in den Himmel zu steigen
       schien, „das schönste Flugzeug der Welt“. Mit der Boeing 727 oder der
       Comet. Als er klein war, kannte er jedes Flugzeug am Himmel, niemals hätte
       der Junge sich mit der Rolle des Co-Piloten wie auf dem Flug nach Helgoland
       abspeisen lassen. Er wollte Kapitän sein. Aber es wurde keiner aus ihm.
       
       Stattdessen kam er zum Film. Er zeigte irgendwann seine Schwarz-Weiß-Fotos
       und seine kleinen Texte einigen Leuten vom Südwestfunk. Zwei Jahre dauerte
       das Praktikum, und er war überall, in allen Abteilungen. Zum Abschluss der
       Ausbildung musste er einen 30 Meter langen Streifen abgeben, der beweisen
       sollte, dass er es verstand, mit der Scharfeinstellung und dem Blendenring
       umzugehen. Rombach lieferte einen Kurzfilm ab von einem Priester und einem
       Selbstmörder. Man war ein bisschen irritiert von dem zweiminütigen
       Kunstwerk, aber dann lief der kleine Streifen im Kommunalen Kino in
       Frankfurt am Main als Vorfilm. „Ich wollte eben Geschichten erzählen.“
       
       Dennoch landete er nicht in München-Geiselgasteig oder bei Taunusfilm, wo
       man in Westdeutschland damals die fantastischsten Geschichten verfilmen
       konnte, sondern beim Sender Freies Berlin. Mit einer Wohnung in Neukölln
       mit Toilette im Treppenhaus und alten Frauen, die davon erzählten, dass
       hier einmal ein Puff neben dem anderen war. Eigentlich wollte er gleich
       wieder zurück zum Südwestfunk. Hans Rombach ist einer der seltenen
       Kreuzberger, denen es im zerbombten Westberlin erst einmal nicht gefiel.
       
       ## Absurde Höhenzulagen
       
       Aber dann erhielt er diese Stelle als Kameraassistent. Lernte das Handwerk.
       Filmte für die „Abendschau“, die „Tagesschau“, drehte Reportagen und
       Dokumentationen. Lernte Stadt und Leute kennen, die Berlinale, die
       Berühmtheiten, die Politiker. Auch wenn das wieder nur langweilige
       Geschichten waren – wie ihm Melina Mercouri beim „Lindenstraßen“-Wirt fast
       die Augen auskratzte, oder wie sich 1982 der Berlinale-Vorhang öffnete und
       Oscarpreisträger James Stewart tatsächlich vor versammeltem Publikum diesen
       kleinen Satz sagte: „I want to greet my old friend Helmut.“ Den hatten sie
       ihm vorher zugesteckt. Helmut war der Mann hinter dem Filmprojektor und ein
       echter Stewart-Fan.
       
       Hans Rombach blieb ewig Kameramann beim Sender Freies Berlin. „Ich hätte
       nur noch ein bisschen warten müssen, ich hatte den goldenen Löffel schon an
       den Lippen und so gut wie ausgesorgt. Es gab da ein Regal bis unter die
       Decke voll mit Formularen nur für die Sonderzahlungen. Da konnte man schon
       eine Höhenzulage beantragen, wenn man auf einen Turm steigen musste.“ Aber
       irgendwann war ihm das alles wieder zu langweilig.
       
       Rombach kündigte. Und drehte Filme. Dokumentarfilme. Da war er ein gutes
       Stück näher dran an seinen Geschichten, seinen Momentaufnahmen, wie jene
       von der alten Frau am Chamissoplatz in Berlin, die noch in den
       Achtzigerjahren Holz sammeln ging, als wäre der Krieg nicht längst aus.
       
       Spielfilme waren ihm zu langwierig. Zu kompliziert. Diese ewigen
       Vorbereitungszeiten, und dann diese gekünstelten Dialoge, diese
       Schauspieler und diese unmöglichen Drehorte. Und alles steht vorher fest.
       Selbst das Wetter. Beim Dokumentarfilm gibt es kein Drehbuch, in dem steht,
       dass die Sonne scheint. „Wenn es regnet, dann regnet es eben!“
       
       Ihm gefalle zwar auch die Fiktion, sagt er, „aber sie muss klein und
       überschaubar bleiben“. Nicht ständig diese Vogelperspektive, die alles aus
       der Distanz erfasst. „Bei der Doku trifft man sich erst mal ohne Kamera und
       lernt sich kennen. Man erzählt. Man verbringt Zeit miteinander, so viel,
       bis man zusammenwächst. Bei den Spielfilmen gibt es am Schluss eine Fete,
       und dann geht alles wieder auseinander.“
       
       Sieben Jahre lang hat er mit Andres Veiel junge Menschen beobachtet, die
       Schauspieler werden wollten. Sie begleiteten [1][„Die Spielwütigen“] – so
       der Titel des Filmes – in die Ernst-Busch-Schule, besuchten sie zu Hause,
       bei den Dreharbeiten, im Alltag, sieben Jahre lang. Für die „Spielwütigen“
       erhielten sie den bayerischen Filmpreis.
       
       Für [2][„Der tödliche Schuss“], die Geschichte mit der Polizistin, gab es
       keinen Preis. Drei Monate begleitete er sie auf Streife, saß stundenlang
       mit ihr und den Kollegen im Auto. Es gab keinen Unterschied mehr zwischen
       dem Mann hinter der Kamera und der Frau vor der Kamera.
       
       ## Verfolgungsjagd wie im Film
       
       Er konnte am Ende des Drehs verstehen, weshalb sie ihre Uniform für immer
       an den Nagel hängte. Auch die Zuschauer konnten es verstehen, nach dieser
       Geschichte: Es war ein Tag wie jeder andere, langweilig, nichts passierte.
       Dann plötzlich ein Bankraub, ein Fluchtwagen, ein Nummernschild. Und dann
       entdeckt diese Streife tatsächlich dieses Auto mit dem Nummernschild am
       Straßenrand. Die Polizisten fahren weiter, rufen Verstärkung, parken
       irgendwo ein paar Meter weiter. „Das ist im wahren Leben dann eben doch ein
       bisschen anders als im,Tatort'“, sagt Rombach.
       
       Aber dann fährt das Auto los. Die Streife muss hinterher, es wird eine
       „Verfolgungsjagd wie im Film“, bis der Bankräuber plötzlich stoppt. Es
       kommt zum Schusswechsel. Und dann ist der Mann plötzlich weg, spurlos
       verschwunden. Am nächsten Tag entdeckt ihn eine alte Frau tot in einem
       Gebüsch, sitzend, die Pistole in der Hand. Gestorben ist er durch die Kugel
       der Polizistin. Sie gibt am Ende des Filmes ihre Waffe ab. Für immer.
       
       Eigentlich will Rombach diese Geschichten nicht wieder erzählen. Und
       erzählt sie doch. Weil er weiß, dass sie wichtig sind. Dabei würde er
       lieber von der alten Frau auf der Parkbank erzählen, die er schon als
       kleiner Junge fotografiert hat. Oder von der Kreuzbergerin, die auch
       dreißig Jahre nach dem Krieg noch Holz sammelte. Er hätte gerne mehr über
       sie erfahren, aber er war „zu schüchtern“. Viele Kameraleute sind
       aufdringlich, respektlos. Hans Rombach nicht. Er wahrt Abstand. Deshalb
       gibt es auch kein Bild von der Holzsammlerin. Nur seine Erinnerung.
       Vielleicht ließe sich ein Spielfilm daraus machen. Eine Fiktion.
       
       Aber das ist ihm zu langwierig. Also hat Hans Rombach die Kamera, die ihn
       so viele Jahre begleitete, gegen einen kleinen Schreibblock eingetauscht.
       Und wieder zu schreiben begonnen. So wie am Anfang.
       
       22 Mar 2021
       
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