# taz.de -- Gewalt gegen Frauen in Osnabrück: „Viel Arbeit vor uns“
       
       > Führt der Lockdown zu einer Zunahme von Gewalt gegen Frauen? In Osnabrück
       > drängt eine Ratsinitiative auf bessere Prävention und Intervention.
       
 (IMG) Bild: Ein gewaltfreies Leben ist für viele Frauen keine Selbstverständlichkeit: Aktivistin 2020 in Berlin
       
       Osnabrück taz | Augenblicke wie dieser sind selten in Kommunalparlamenten:
       Wenn am 9. März, einen Tag nach dem [1][Internationalen Frauentag], im Rat
       der Stadt Osnabrück Tagesordnungspunkt 4. 7. aufgerufen wird – „Gewalt
       gegen Frauen verhindern. Istanbul-Konvention in Osnabrück umsetzen“ –
       werden sich alle einig sein. Eine Lehrstunde gegen die
       Politikverdrossenheit.
       
       Die Architektin dieser seltenen Einigkeit ist Diana Häs, die frauen- und
       gleichstellungspolitische Sprecherin der Ratsfraktion der Grünen. Wenige
       Stunden nur, dann waren sie alle mit im Boot, für einen interfraktionellen
       Antrag: CDU und FDP, die Linke und die SPD, die Piraten, die Wählergruppe
       UWG/UFO/bus. „Das setzt ein starkes Zeichen der Gemeinsamkeit“, sagt Häs.
       „Da geht es nicht um Parteipolitik.“
       
       Ihr Vorstoß, zu prüfen, „welche zusätzlichen Maßnahmen der Prävention und
       Intervention zur besseren Vermeidung von Gewalt gegen Frauen beschlossen
       werden können“, hat einen alarmierenden Hintergrund: 2020 haben 507 Frauen
       in der Osnabrücker Frauenberatungsstelle angerufen, um in einer Krise Hilfe
       zu finden; 2019 waren es nur 82. Häs ist sicher: „Corona hat die Lage
       drastisch verschärft.“
       
       „Jetzt müssen der Absichtsbekundung Maßnahmen folgen“, sagt Maria Meyer,
       Traumaberaterin und Psychosoziale Prozessbegleiterin bei der
       Frauenberatungsstelle. An 86 Hochrisikofällen hat die Beratungsstelle 2020
       mitgearbeitet. „86 von Tötung bedrohte Frauen! Und das ist nur das
       Hellfeld“, sagt Meyer. Dass die Zahl der Telefonkontakte so stark gestiegen
       ist, sei eine Folge des Lockdowns, sagt sie. „Einfach aus dem Haus gehen
       und persönlich zu uns kommen, ist ja jetzt schwer. Die Kids sind zu Hause,
       der Mann vielleicht auch …“
       
       ## Mehr Opferberatung benötigt
       
       Meyer hat klare Wünsche an die Politik. Einer davon: Kapazitätsausbau. Die
       Umsetzung der Istanbul-Konvention beinhalte das Recht auf Opferberatung.
       „Dieses Recht kann nur umgesetzt werden, wenn die Einrichtungen zur
       Frauenunterstützung vor Ort ausreichend räumlich und personell ausgestattet
       werden.“ Man brauche mehr Präventionsprojekte zu sexueller Belästigung im
       öffentlichen Raum, die Fortbildung von MultiplikatorInnen zum Thema Gewalt
       gegen Frauen. Dass die Frauenberatungsstelle Frauen abweisen muss, an
       andere Stellen vermitteln, ist keine Seltenheit.
       
       Das Autonome Frauenhaus Osnabrück, das jährlich rund 100 Frauen und Kinder
       aufnimmt, gleichzeitig aber 250 ablehnen muss, sieht „dringenden Bedarf in
       der Eröffnung eines autonomen Frauenhauses im Südkreis des Osnabrücker
       Landes“, so Marion Kuhlmann, „da hier die laut Istanbul-Konvention
       vorzuhaltenden Plätze nicht ausreichen“. Die Osnabrücker Politik müsse
       zudem verstehen, „dass ein Rechtsanspruch auf einen Frauenhausplatz
       kontraproduktiv ist, da die Frauen die erlebte Gewalt beweisen müssten, um
       den Anspruch zu begründen“.
       
       An der örtlichen Kriminalstatistik lässt sich die Größe des Problems nur
       bedingt ablesen. Stadt und Landkreis Osnabrück zusammengenommen, steigen
       die Zahlen der „häuslichen Gewalt“ zwar seit Jahren, von 915 in 2015 bis
       1.244 in 2019 – in rund 80 Prozent der Fälle sind die Opfer Frauen. „Das
       heißt nicht unbedingt, dass auch die Zahl der Taten steigt“, sagt Maike
       Ahlrichs, Opferschutzbeauftragte der Polizeiinspektion Osnabrück und
       Leiterin des „Osnabrücker Fallmanagements bei Hochrisikofällen häuslicher
       Gewalt“. „Aber in den letzten Jahren hat die Sensibilisierung stark
       zugenommen.“
       
       Die Zahlen für 2020 liegen noch nicht vor. Aber es könnte sein, dass der
       Lockdown sie nicht signifikant erhöht. Nicht, weil nichts passiert. „Aber
       womöglich greift in Zeiten der gesamtgesellschaftlichen Krise das alte
       Familienmodell wieder stärker“, sagt Ahlrichs. „Die Leidensfähigkeit der
       Frauen steigt. Man holt sich keine Hilfe, obwohl man sie braucht.“
       
       Die Konferenzen ihres „Fallmanagements“ sind etwas Besonderes in Osnabrücks
       Hilfs-Infrastruktur. Institutionen vom Jugendamt über den Weißen Ring bis
       zur Staatsanwaltschaft konzentrieren sich hier. Das führt, sagt Ahlrichs,
       zu „kurzen Wegen, weil jeder jeden kennt“.
       
       Der 9. März ist ein Tag, der „sichtbar macht“, sagt Diana Häs. „Aber die
       eigentliche Arbeit folgt erst danach.“
       
       9 Mar 2021
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Harff-Peter Schönherr
       
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