# taz.de -- Göttingens Polizeichef gefeuert: Zu viel des Schlechten
       
       > Göttingens Polizeipräsident Uwe Lührig gab regelmäßig Anlass zur Kritik.
       > Auf ihn folgt nun Gwendolin von der Osten als erste Frau auf dem Posten.
       
 (IMG) Bild: Früher Rentner als gedacht: Uwe Lührig ist nicht mehr Göttingens Polizeipräsident
       
       Göttingen taz | Die Meldung kam überraschend: Göttingens bisheriger
       Polizeipräsident Uwe Lührig wurde gefeuert, oder, weil es freundlicher
       klingt: vom niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius (SPD) „in den
       vorzeitigen Ruhestand versetzt“. Pistorius hatte dem 63-Jährigen die
       Botschaft am Dienstagmorgen telefonisch übermittelt. Wenig später wurde der
       Vorgang durch eine dünne Pressemitteilung öffentlich: „Minister Pistorius
       hat sich für die geleisteten Dienste bedankt und Herrn Lührig für die
       Zukunft alles Gute gewünscht“, hieß es da. Lührigs Nachfolgerin an der
       Spitze der Polizeidirektion Göttingen – und damit erste Göttinger
       Polizeipräsidentin überhaupt – soll Gwendolin von der Osten werden. Die
       Volljuristin ist seit 18 Jahren im niedersächsischen Polizeidienst
       beschäftigt.
       
       Lührig kam 2015 als Nachfolger von Robert Kruse nach Göttingen. Über die
       Gründe für seinen Rauswurf könne er nur mutmaßen, sagte Lührig dem
       Göttinger Tageblatt: „Vielleicht war mein Verhältnis zum Minister nicht
       immer ganz unproblematisch.“ Als politischer Beamter könne er ohne Angabe
       von Gründen seines Amtes enthoben werden. Auch das Innenministerium äußerte
       sich nicht zu den Gründen für die Entlassung.
       
       Vermutlich gab es mehrere Vorgänge, die Pistorius zu seiner Entscheidung
       bewogen. Zum einen war da das krasse Versagen der Lührig unterstellten
       Polizeiinspektion Northeim, die einem Hinweis des dortigen Jugendamtes auf
       sexuellen Missbrauch im Frühjahr 2019 zunächst nicht nachgegangen war. Bei
       den Ermittlungen ging es um zwei Männer, die in Verbindung zum Haupttäter
       der Missbrauchsserie auf dem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde
       standen. Zur Festnahme eines der Beschuldigten kam es erst ein Jahr später.
       
       In Lührigs Amtszeit fielen auch etliche, von Beobachtern als äußerst ruppig
       kritisierte Einsätze gegen Demonstranten, die anlässlich von Abschiebungen
       oder Aufmärschen rechter Gruppen in Göttingen protestierten. Im Dezember
       2017 misshandelten Beamte bei einer Demo gegen die G20-Razzien einen von
       den Veranstaltern benannten und gekennzeichneten Ordner.
       
       Eine schlechte Figur gab Lührig schließlich im Fall einer Datensammlung des
       Göttinger Staatsschutzkommissariats von Hunderten der linken Szene
       zugerechneten Personen ab. [1][Die Sammlung war rechtswidrig], musste vor
       Gericht auch die Polizei einräumen. Lührig [2][verteidigte die Aktion aber
       weiter]. Ihm zufolge hätten die entsprechenden Akten nur aus rein formellen
       Gründen nicht existieren dürfen. Hätte es weitere Formulare gegeben, wäre
       gegen die Sammlung nichts einzuwenden.
       
       Das Fass zum Überlaufen brachten dann wohl kritische Äußerungen Lührigs in
       Boulevardmedien zum niedersächsischen Coronamanagement. Briefe des Landes
       zum Impfstart waren auch an mehrere Verstorbene geschickt worden, auch
       Lührigs Familie soll davon betroffen gewesen sein. „Am 15. Januar 2021 hat
       mein Vater ein Hinweisschreiben erhalten, dass er sich ab dem 28. Januar
       2021 zum Impfen anmelden kann. Leider ist mein Vater Willi am 22. November
       2020 gestorben“, erzählte Lührig. Seine 87-jährige Mutter Irmgard hingegen
       warte bis heute auf ein solches Schreiben.
       
       Er sei zwar „auf jeden Fall kein Querdenker und habe Verständnis für viele
       Maßnahmen“, betonte Lührig. Aber, und das sage er ausdrücklich als
       Privatperson: „Ich habe kein Verständnis, dass bei über 52.000 Todesfällen
       im Zusammenhang mit Corona, bei zigtausend Infizierten mit Langzeitschäden
       und ganz vielen Insolvenzen durch berechtigte Lockdown-Maßnahmen aus
       datenschutzrechtlichen Gründen nicht auf die aktuellen Daten der Kommunen
       zurückgegriffen wird.“
       
       Lührigs Nachfolgerin von der Osten ist 49 Jahre alt, verheiratet und hat
       drei Kinder. Nach mehreren Stationen im Polizeidienst leitete sie lange
       Jahre die Polizeiinspektion Hannover-Mitte und war zuletzt Referatsleiterin
       Einsatz und Verkehr im niedersächsischen Innenministerium.
       
       Sie hat sich mehrfach differenziert zum polizeilichen Umgang mit
       Randgruppen, Menschen mit Migrationshintergrund oder Drogenabhängigen
       geäußert. Und eingeräumt, dass der tägliche Umgang mit diesen Gruppen das
       Menschenbild der Polizei durchaus prägen und dies dazu führen könne, dass
       die Beamten schneller Vorurteile bilden. Zudem gebe es sicherlich eine
       ungewollte Diskriminierung durch bestimmte Routinen. „Die Formalisierung
       einer Amtshandlung kann stigmatisierend wirken – und den Polizistinnen und
       Polizisten ist das nicht bewusst“, sagte sie. Eine Polizei, die gegenüber
       der Öffentlichkeit zeige, dass sie sich mit für sie schwierigen Themen
       auseinandersetzt, könne davon aber durchaus profitieren.
       
       25 Feb 2021
       
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