# taz.de -- Neue Beschwerdestelle in Hamburg: An der kurzen Leine
       
       > Hamburgs Polizei hat eine neue Beschwerdestelle für polizeiliches
       > Fehlverhalten eingerichtet. Diese ist extern gelegen. Aber nicht
       > unabhängig.
       
 (IMG) Bild: Beschwerde ohne Beschwerdestelle: Demo gegen rassistische Polizeigewalt am 22.8.20 in Hamburg
       
       „Niemand hat ein größeres Interesse als die Polizei selbst, Fehlverhalten
       in den eigenen Reihen festzustellen“, sagt Herr Grote. Eine unabhängige
       Beschwerdestelle braucht es deshalb nicht aus Sicht des Hamburger
       Innensenators.
       
       Logisch: Wenn es tatsächlich niemand Interessierteren gibt im ganzen großen
       Lande, dann sollte man diesem Interessiertesten die Sache doch überlassen,
       oder nicht? „Niemandem liegt mehr an meiner Familie als mir“, sagt der
       Familienvater. Deshalb lässt man auch ihn am besten selbst regeln, was für
       Probleme auch immer es gibt mit den frechen Gören und dem liederlichen
       Weib. Diese Einstellung ist übrigens immer noch aktuell: „Die Eltern wissen
       immer noch am besten, was für ihre Kinder gut ist.“ Die Kinder – das sind
       wir. Die Polizei – das ist Vater Staat.
       
       Im Innenverhältnis sind natürlich auch Polizist*innen ähnlichen Strukturen
       unterworfen. Aber wo es aktuell ein paar öffentlich gewordene Missstände in
       den Reihen der Familie gibt, wo ihr Ruf bedroht ist, da entschließt sich
       der Vater zu handeln, denn niemand hat, ganz sicher, ein größeres Interesse
       daran als: der Vater.
       
       Eine externe und zentral gelegene Niederlassung der Beschwerdestelle, die
       eine geschützte Kontaktaufnahme ermöglicht, soll jetzt also in der
       Hamburger Innenstadt eingerichtet werden. Auch bisher gab es schon eine
       Beschwerdestelle, aber die Adresse lautete: Bruno-Georges-Platz 1, Hamburgs
       Polizeipräsidium.
       
       Schriftlich oder telefonisch konnte man sich da beschweren. „Als
       Verfasserin/Verfasser erhalten Sie von der Polizei gerne eine Antwort auf
       Ihren Dank, Ihre Anregung oder Ihre Beschwerde“, heißt es auf der
       Internetseite polizei.hamburg. Weiter hat man immer noch die Möglichkeit,
       Polizist*innen direkt anzuzeigen – bei der Polizei. Oder eine
       Dienstaufsichtsbeschwerde einzureichen – bei der Polizei. Nun, in Zukunft
       aber kann man von der „geschützten Kontaktaufnahme“ Gebrauch machen.
       
       Ich spaziere also zukünftig in diese Beschwerdestelle hinein, Maske auf,
       Sonnenbrille, und bringe meine Beschwerde vor – bei der Polizei. Aber einer
       anderen. Nicht der am Bruno-Georges-Platz, sondern der in der Innenstadt.
       
       Und damit die Unabhängigkeit und Anonymität gewahrt ist, ist diese andere,
       vom Bruno-Georges-Platz 1 unabhängige Polizei, direkt beim Unabhängigsten
       und – nach Senator Grote – am zweitmeisten an der Feststellung
       polizeilichen Fehlverhaltens Interessierten „angebunden“ – Hamburgs
       Polizeipräsident Ralf Martin Meyer. Wie die dann in dieser Beschwerdestelle
       arbeitenden Polizist*innen beim Polizeipräsidenten „angebunden“ sein
       werden, was dieses „Angebundensein“ eigentlich bedeutet, das weiß ich
       nicht. Es ist ja auch noch nicht so weit.
       
       Es gibt auf die Pressemeldungen dazu jedenfalls schon jetzt einen ganzen
       Haufen Empörter. Die einen beschweren sich darüber, dass diese neue
       Beschwerdestelle gar nicht unabhängig sei, weil sie ja eine
       Beschwerdestelle der Polizei sei. Haben sie denn nicht verstanden, dass es
       sich um eine ganz andere, eine unabhängige Polizei handelt, die nur beim
       Polizeipräsidenten angebunden ist? (Mittlerweile scheint mir eine kleine
       Schnur oder eine Hundeleine im Spiel zu sein.)
       
       Und die anderen, die mir etwa in der Zeitung Die Welt fast die Mehrzahl zu
       sein scheinen, beschweren sich darüber, dass es überhaupt eine
       Beschwerdestelle geben soll, denn eine Beschwerdestelle stelle eine
       Beleidigung von Polizist*innen dar, die über jeden Zweifel erhaben seien,
       und wenn doch mal nicht, dennoch in sämtlichen Handlungen im Recht, weil
       sie ja „nur noch angespuckt“ würden.
       
       Als meine kleine Schwester mich dazumal angespuckt hat, habe ich sie auch
       blutig geschlagen, mein Vater hatte vollstes Verständnis. „Dir fehlt
       Respekt“, hat er meiner kleinen Schwester gesagt und sie im Kartoffelkeller
       eingesperrt, damit sie eine Lehre draus zieht. Als sie sich dann bei ihm
       beschwert hat, hat er sie gleich noch mal eingesperrt und sie sich selbst
       angezündet, aber das ist eine andere Geschichte und hat damit nichts zu
       tun.
       
       28 Sep 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katrin Seddig
       
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