# taz.de -- Polizist klagt wegen Beleidigung: Du Schülerlotse!
       
       > In Hamburg muss ein Ladenbesitzer vor Gericht. Er hat einen Polizisten
       > bei einem Einsatz in seinem Laden als „Schülerlotse“ bezeichnet.
       
 (IMG) Bild: In München findet man das Schülerlotsen-Dasein nicht ehrrührig: Bayerische PolitikerInnen 2019
       
       Hamburg taz | Der Hamburger Polizeibeamte G. fühlt sich beleidigt: durch
       den auf ihn und seine Kolleg:innen angewendeten Begriff des
       „Schülerlotsen“. Am Dienstag dieser Woche wollte die Staatsanwaltschaft
       eigentlich die Anklage verlesen. Doch weil der Richter am Ende keinen
       passenden Schlüssel hatte, musste der Prozessbeginn vertagt werden.
       
       Der eigentliche Vorfall ereignete sich im Frühjahr dieses Jahres.
       Betreiber:innen des Anarchisten-Ladens in der Balduinstraße auf St.
       Pauli hatten Crêpes durch die Eingangstür nach draußen verkauft, um darüber
       einen Teil der Kosten für ihren Laden einzuspielen. Die Polizei, die im
       dortigen Teil St. Paulis regelmäßig zwecks Vergrämung der
       Drogenkleindealer-Szene patrouilliert, bekam das mit – und dazu auch den
       Eindruck, dass das gegen die gültige Verordnung zur Eindämmung der Pandemie
       verstoßen könnte.
       
       Schon bald waren 20 Beamt:innen vor Ort, kamen jedoch nicht in den Laden
       rein. Die Anarchisten machten einfach nicht auf. So erzählt es der
       Angeklagte [1][Alexander Dumbsky] der taz.
       
       Dumbsky ist Ladenmitbetreiber, Musikverleger, lokale Berühmtheit und
       Ex-Drummer der Punk-Band [2][Die Goldenen Zitronen]. Er kam zum Geschehen
       hinzu und befand angesichts der vielen Polizist:innen, dass der Einsatz
       nicht mehr mit dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit in Einklang zu bringen
       und deswegen unrechtmäßig sei.
       
       Dies überzeugte den Polizeibeamten G. nicht. Im Gegenteil: Dieser soll
       gesagt haben, so erzählt Dumbsky weiter: Das, was Recht sei oder nicht,
       bestimme letztlich die Polizei. „Das macht selbst Libertäre für einen
       kurzen Moment sprachlos“, erinnert sich Dumbsky. Dann sei er in lautes
       Lachen ausgebrochen.
       
       Anschließend sei dann auch die vermeintliche Beleidigung „Schülerlotse“
       gefallen – eine wertvolle Tätigkeit mit eingeschränkten Kompetenzen zur
       Verkehrslenkung. Für G., der für sich und seine Kollegen kurz zuvor
       reklamiert haben soll, sogar Recht setzen zu dürfen, eine wohl nicht mehr
       hinnehmbare gedankliche Degradierung.
       
       G. zeigte Dumbsky dafür an. Das Gericht setzte dann im August dieses Jahres
       den Prozesstermin fest. Dabei vertat sich Richter Palke aber in der Auswahl
       des Saals: Aufgrund verschärfter Coronabestimmungen hätten dort nur maximal
       acht Zuschauer:innen die Chance zur Teilnahme am Verfahren gehabt.
       
       Nachdem alle am Prozess Beteiligten geneigt waren, eine größere
       Öffentlichkeit zuzulassen, bemühte sich Richter Palke am morgen des
       Prozesses spontan um einen größeren Raum und bekam durch die Wachmeisterei
       schlussendlich den Saal 237 zugewiesen. Dieser ist ein Hochsicherheitssaal
       mit allem Knick und Knack: schussfestem Glas, hinter dem die Angeklagten
       meist aus organisierter Kriminalität oder islamistischen Terrorzirkeln
       sitzen, einem Fangnetz an der Decke und einer Stahltür, durch die aber nur
       kommt, wer den passenden Schlüssel hat. Daran ist Richter Plake dann – zur
       eigenen Überraschung – mit seinem Transponderschlüssel gescheitert.
       
       Rund 25 Menschen mussten also unverrichteter Dinge wieder abziehen. Der
       Prozessbeginn wurde nun auf den 23. November verschoben. Stattfinden wird
       er im Strafjustizgebäude des Gerichts am Sievekingplatz 3. Welcher größere
       Saal diesmal getestet wird, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.
       
       28 Oct 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Ale_Dumbsky
 (DIR) [2] /Goldene-Zitronen-im-Konzert/!5588658
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Aram Ockert
       
       ## TAGS
       
 (DIR) IG
 (DIR) Polizei Hamburg
 (DIR) Polizei
 (DIR) Hamburg
 (DIR) Linke Szene
 (DIR) Beleidigung
 (DIR) Polizei Hamburg
 (DIR) Hamburg
 (DIR) Hamburg
 (DIR) Fremd und befremdlich
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Hamburger Prozess um „Schülerlotsen“: Zu Recht beleidigt?
       
       Weil er einen Polizisten als „Schülerlotsen“ bezeichnet hatte, ist Ale
       Dumbsky wegen Beleidigung angeklagt. Am Dienstag hat der Prozess begonnen.
       
 (DIR) Hamburgs „Pimmelgate“: Darf man Grote so 1 Pimmel nennen?
       
       Hamburgs Innensenator wollte einen Tweet unterdrücken, in dem er als
       „Pimmel“ bezeichnet wurde. Nun nennt ihn die halbe Stadt so. Ein Pro und
       Contra.
       
 (DIR) Neues vom Hamburger „Pimmelgate“: Polizei überpinselt „Pimmel“
       
       An der Fassade der Roten Flora wird Hamburgs Innensenator Andy Grote erneut
       gedisst. Die Polizei sieht schwarz und kommt mit Farbe.
       
 (DIR) Neue Beschwerdestelle in Hamburg: An der kurzen Leine
       
       Hamburgs Polizei hat eine neue Beschwerdestelle für polizeiliches
       Fehlverhalten eingerichtet. Diese ist extern gelegen. Aber nicht
       unabhängig.