# taz.de -- Die Wahrheit: Mimimi mit Bandscheibe
       
       > Der Bandscheibenvorfall ist die Jugendweihe für den Nachwuchssenioren.
       > Wer Bandscheibe hat, landet im goldenen Herbst der Frühvergreisung.
       
 (IMG) Bild: Das in der Hand ist kein Gehstock: Alice Cooper in Wacken
       
       „Wer war die Bandscheibe?“, ruft die Krankengymnastin durchs Wartezimmer,
       und ich hebe die Hand. Ich bin nämlich neuerdings die Bandscheibe. Vor
       Kurzem dachte ich noch, Bandscheiben sind diese runden Dinger aus dem
       Baumarkt, mit denen die Heimwerker in meinem Viertel bei offenem Fenster
       Fliesen zersägen. Aber dann machte es knack in meiner Halswirbelsäule und
       mein Nervensystem zeigte jaulend einen Vorfall im Spinalkanal an, eine
       Kernschmelze im Schrottreaktor meiner Wirbelsäule.
       
       Der Bandscheibenvorfall ist aber nicht nur Schmerz-GAU, sondern auch
       Übergangsritus, die Jugendweihe für den Nachwuchssenioren. Wer Bandscheibe
       hat, muss im Spiel des Lebens ein paar Felder vorrücken und landet im
       goldenen Herbst der Frühvergreisung. Ich zum Beispiel darf endlich mit den
       anderen Veteranen von der großen Lumbago-Schlacht, dem Arthrose-Feldzug und
       dem Scharmützel am Spinalnerv schwadronieren.
       
       Die Bandscheibe ist die Kriegsverletzung des Sitzarbeiters, das Schrapnell
       im speckigen Torso des angejahrten Schreibtischtäters, und weil er ein Mann
       und keine Memme ist, redet er viel darüber. Frauen dagegen haben keine
       Bandscheiben oder ihnen fehlt die Gabe zum mimosenhaften Martyriumsmonolog
       des mannhaften Mimimi.
       
       So was denke ich, während ich die anderen Wartenden im Mindestabstand
       umkurve, denn es ist nicht nur Bandscheibe, sondern immer noch Corona.
       Immerhin sind die Lädierten leichter zu umkurven als die Springteufel aus
       dem Supermarkt.
       
       „Sie bewegen sich ja noch ganz flott“, lobt die Therapeutin, weil ich mit
       Mühe einen Rollatorgreis abgehängt habe. In den kommenden Wochen werde ich
       für einfachste Verrichtungen gelobt werden. Immer wenn ich das Ärmchen hebe
       oder das Rümpfchen beuge, wird meine Therapeutin in die Hände klatschen und
       betonen, wie schön ich das mache.
       
       Doch da irrt sie, denn es ist nicht schön, wie ich bäuchlings über einem
       grünen Gymnastikball liege, der sich unter meinem Gewicht zu einer
       Gymnastiklinse verformt, und mit Extremitäten zu wedeln versuche – die
       Folter wird vor einem mannshohen Spiegel vollzogen. Damit ich meine
       Bewegungen überprüfen kann, wie es heißt. Dabei will man mich bloß brechen,
       um mich dann vollkommen neu aufzubauen. Denn bisher habe ich alles falsch
       gemacht, wie es scheint.
       
       „Müssen Sie beruflich viel sitzen?“, fragt die Therapeutin. Ich nicke und
       verschweige, dass ich auch nach Dienstschluss gern einmal privat
       herumsitze. Manchmal habe ich im Sitzen sogar einen sitzen, so sitzverliebt
       bin ich. Sitzen ist eins meiner beiden liebsten Hobbys.
       
       „Sitzen ist das neue Rauchen“, meint die Therapeutin. Ich nicke, sie hat
       gerade meine beiden liebsten Hobbys zu einem zusammengefasst. „Und, was
       machen Sie sonst so?“, fragt die Krankengymnastin. Ich schweige gekränkt.
       Es ist ja nichts mehr übrig von mir, was sich noch zu erzählen lohnte.
       
       19 Aug 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Bartel
       
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