# taz.de -- Geflüchtet aus Serbien, zuhause in Berlin: Die Zenkulović arbeiten am Glück
       
       > Die taz hat lange Zeit eine serbische Flüchtlingsfamilie begleitet. Ein
       > Besuch in Hohenschönhausen bei Familie Zenkulović aus aktuellem Anlass.
       
 (IMG) Bild: Jesma Zenkulović mit Sohn Predrag und ihrer Enkeltochter Zara in der eigenen Wohnung; Juli 2020
       
       Berlin taz | Ein Plattenbau, ein Zehngeschosser in Hohenschönhausen.
       Verglaste Balkone, graue Wände, ein blauer Streifen an der Fassade will es
       wohl gut meinen mit dem Auge der Betrachterin. Drinnen eine moderne
       DHL-Packstation und ein klappriger Aufzug, im sechsten Stock ein
       Klingelschild an der Wohnungstür: Zenkulović.
       
       Predrag, 16 Jahre alt, groß gewachsen, kräftig vom Training im
       Fitnessstudio, macht die Tür auf. Dahinter 70 verwinkelte, aber aufgeräumte
       Quadratmeter: „Hi, kommen Sie rein!“
       
       Alles hier, diese drei Zimmer, in diesem Wohnblock, in diesem Viertel, in
       dieser Stadt, ist ein wahnsinniger Erfolg für die Familie Zenkulović.
       
       Im Winter 2015/16 ist Jesma Zenkulović, mit ihrem Sohn Predrag und der
       älteren Tochter Victorija, damals 14 Jahre alt, aus einem Dorf in Serbien
       nach Berlin geflüchtet. Es war der dritte Versuch der Familie, in Berlin
       Asyl zu bekommen, als Roma werden sie in ihrem Heimatland schwer
       diskriminiert.
       
       ## Vom Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwunden
       
       Damals, in den Jahren 2015 und 2016, schaut alle Welt auf die Katastrophe
       in Syrien, die Tragödien im Mittelmeer, die verzweifelten Trecks über die
       Balkanroute. Die Roma-Flüchtlinge vom Westbalkan verschwinden vom Radar der
       öffentlichen Aufmerksamkeit. [1][Die taz hatte deshalb die Familie
       Zenkulović ab 2016 zwei Jahre lang journalistisch begleitet].
       
       Die Chancen der Familie im Winter 2015/16, [2][als wir uns zum ersten Mal
       treffen]: laut Asylstatistik quasi gleich null. Vier Jahre später ist die
       Familie immer noch da in Berlin. Ihre Chancen auf einen unbefristeten
       Aufenthaltstitel: „Sehr gut“, sagt die Anwältin Berenice Böhlo, die die
       Familie seit Jahren mal mehr, mal weniger eng begleitet.
       
       Jesma Zenkulović, 37 Jahre alt, serviert in der Plattenbauwohnung in
       Hohenschönhausen starken türkischen Kaffee – und dankt Gott. Das tut sie
       oft an diesem Nachmittag, an ihrem Küchentisch, und dabei legt sie eine
       Hand auf ihr Herz und sagt, „Endlich Ruhe im Kopf, endlich.“
       
       Jesma Zenkulović muss aber neben Gott wohl vor allem sich selbst danken.
       Sie hat es geschafft, eine Vollzeitstelle als Putzkraft in einer
       Reinigungsfirma zu bekommen. Es reicht für die Miete der Dreizimmerwohnung.
       Aus dem Flüchtlingswohnheim in Lichtenberg, wo sie zuvor gewohnt haben,
       konnten sie 2017 ausziehen. „Schluss mit Jobcenter“, sagt Zenkulović.
       
       ## Chance auf dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung
       
       Für den Aufenthaltstitel ist das wichtig. Mindestens 60 Monate, also fünf
       Jahre lang, müssen Asylsuchende ihren Lebensunterhalt überwiegend selbst in
       Deutschland bestritten haben. Dann besteht die Chance auf eine dauerhafte
       Aufenthaltsgenehmigung.
       
       Im Sommer 2016 hatte die Härtefallkommission der Innenverwaltung der
       Familie Zenkulović zunächst drei Jahre gewährt, wegen der guten Prognose –
       der Job der Mutter, die Wohnung, der Sohn ging zur Schule –, danach wurde
       die Genehmigung im Sommer 2019 um drei Jahre verlängert.
       
       Im Sommer 2022 werden dann also sechs Jahre in Berlin für die Familie
       vergangen sein – und im Moment spricht alles dafür, dass sie dann zum
       letzten Mal bei der Ausländerbehörde vorstellig werden müssen.
       
       Auch der Schulabschluss des Sohnes wird dann unter dem Punkt „günstige
       Prognose“ verbucht werden. Predrag hat in diesem Frühjahr nach der 10.
       Klasse seinen erweiterten Hauptschulabschluss geschafft. Er will eine
       Ausbildung machen: „Kfz-Mechaniker kann ich mir vorstellen. Oder Pfleger.“
       Am liebsten will er eigentlich eine eigene Firma aufmachen,
       „Gebäudereinigung“, sagt er, aber er ist ja noch nicht volljährig. „Meine
       Mutter müsste alles für mich unterschreiben“, hat er bereits
       herausgefunden.
       
       ## Die Mutter ist stolz auf den Sohn
       
       Seine Mutter ist stolz auf ihn, das sieht man. „Mit Predrag ist immer alles
       gut“, sagt sie. Für ihre Tochter Victorija liefen die letzten Jahre weniger
       glatt. Sie, die inzwischen 19 Jahre ist, ist an diesem Nachmittag nicht in
       der Wohnung der Mutter mit dabei, sie richtet schöne Grüße aus. Aber ihre
       dreijährige Tochter, Zara, ist da.
       
       Zara sagt „Mama“ zu ihrer Oma. Jesma Zenkulović hat beim Familiengericht
       das Sorgerecht für das Mädchen beantragt. Victorija wolle das so,
       versichern Mutter und Bruder. Im Moment liegt die Vormundschaft beim
       Jugendamt. Der Vater sei unbekannt, sagt Predrag.
       
       Victorija wohne alleine, sagt der Bruder, aber viel Kontakt habe er nicht.
       Mal eine WhatsApp-Nachricht oder so. Seine Schwester sei vor drei Monaten
       nochmal Mutter geworden, wieder eine Tochter, Anna. Leider sei der Vater
       wieder verschwunden. Die 10. Klasse habe sie abgebrochen, einen
       Schulabschluss hat sie nicht. Victorijas Wohnung in Pankow bezahle das
       Jobcenter.
       
       Für Victorija wird es 2022, wenn ihre Aufenthaltsgenehmigung abläuft, eng.
       „Sie muss sehr schnell auf die Füße kommen und etwas vorweisen“, sagt auch
       Rechtsanwältin Böhlo.
       
       ## Ausgerechnet Victorija
       
       Den ersten Aufenthaltstitel 2016 bekam die Familie wohl vor allem wegen
       Victorija. Die Härtefallkommission macht die Begründung ihrer
       Entscheidungen grundsätzlich nicht öffentlich. Aber ein Mitglied der
       Kommission sagte der taz damals, dass vor allem die Tatsache, dass
       Victorija in ihrem Heimatdorf wohl schwer vergewaltigt wurde – der Anlass
       für die dritte Flucht der Familie 2015 –, den Ausschlag gegeben habe, der
       Familie Aufenthalt zu gewähren.
       
       Es ist eine traurige Pointe, dass ausgerechnet Victorija, wegen der die
       Familie überhaupt anfangs den Aufenthaltstitel bekommen hat, in zwei Jahren
       vielleicht mit ihrer jüngsten Tochter als Einzige zurück nach Serbien muss.
       
       Im Juni haben laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lediglich noch
       24 Personen aus Serbien in Berlin einen Asylantrag gestellt, 27 einen
       Folgeantrag. Auch bei der Härtefallkommission machen Ersuche an den
       Innensenator um Aufenthalt nur noch einen sehr geringen Anteil aus, im
       laufenden Jahr 7 von 74 Ersuchen. Zwei davon wurden laut Innenverwaltung
       stattgegeben.
       
       Seitdem Serbien 2016 mit dem Asylpaket II der schwarz-roten Koalition zum
       sicheren Herkunftsland erklärt wurde, hat sich die Asyl-Option für die
       meisten Westbalkanländer quasi erledigt. Nahezu 100 Prozent der Anträge
       werden laut Asylstatistik abgelehnt.
       
       ## Flucht aus purer Not und Armut
       
       „Natürlich hat sich an der Problemlage aber nichts geändert“, sagt
       Rechtsanwältin Barbara Dubick, die in ihrer Kanzlei in Wedding vor allem
       Menschen vom Westbalkan berät. Noch immer kämen vor allem Roma aus purer
       Not und Armut hier an. Die Tatsache, dass jetzt auch ungelernte
       Arbeitskräfte, zum Beispiel auf dem Bau, bei Vorlage eines Arbeitsvertrags
       sofort ein Visum für sechs Monate bekämen, sei in der Praxis oft auch
       schwierig umsetzbar. Die Botschaft in Belgrad arbeite extrem langsam, erst
       recht in Coronazeiten.
       
       Jesma Zenkulović’ Exmann will das jetzt versuchen. Er habe einen
       unterschriebenen Arbeitsvertrag bei einer Baufirma, sagt seine Exfrau.
       „Demontage und Abriss.“ Jetzt muss nur noch die Botschaft in Belgrad
       mitspielen. „Aber Wartezeit: 19 Monate“, sagt Jesma Zenkulović. Verfällt
       dann nicht der Arbeitsvertrag? „Er bekommt jederzeit einen, hat mein Chef
       gesagt“, sagt sie. Der „Chef“ habe nämlich neben der Reinigungsfirma auch
       noch die Baufirma.
       
       Die Zenkulović könnten, so scheint es, wieder mal Glück haben.
       
       8 Aug 2020
       
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