# taz.de -- Zwei neue Bücher von Dave Eggers: Ein strunzdummer Typ
       
       > Dave Eggers hat eine Trump-Satire und eine parabelhafte
       > Abenteuergeschichte geschrieben. Die beiden Bücher sind gleichzeitig auf
       > Deutsch erschienen.
       
 (IMG) Bild: Beim US-amerikanischen Schriftsteller Dave Eggers wird das Parabelhafte zu einer Art Markenzeichen
       
       Zwei Männer sind in ein südliches Land eingeflogen worden, um eine Straße
       zu bauen, die erstmals den armen Süden mit dem reichen Norden des Landes
       verbinden soll. Der eine Mann, er wird von seiner Firma nur „Vier“ genannt,
       ist ein arbeitsamer, disziplinierter Typ, der sich penibel an alle Regeln
       hält, die ihm vorgegeben sind und die darauf hinauslaufen, nicht nach links
       und rechts zu gucken und stur seinen Job zu machen. Der andere – Vier nennt
       ihn „Neun“ – ist ein Lebemann, der es genießt, in vollen Zügen und dabei
       komplett naiv in das fremde Leben einzutauchen, das ihn umgibt.
       
       Vier und Neun sind extreme Ausprägungen zweier konträrer Prinzipien.
       [1][Dave Eggers], in dessen Werk das Parabelhafte zunehmend eine Art
       Markenzeichen zu werden scheint, arbeitet gern mit auf das Wesentliche
       reduzierten Charakteren. Es ist eine demonstrative Versuchsanordnung als
       Literatur, aus der in dem Roman „Die Parade“ eine kleine interkulturelle
       Abenteuergeschichte erwächst.
       
       Die Zusammenarbeit der Kollegen Vier und Neun verläuft natürlich nicht
       konfliktfrei. Während Vier auf der großen Maschine sitzt, die Tag für Tag
       viele Kilometer asphaltierter Straße durchs Land legt, ist es Neuns
       Aufgabe, auf einem Quad vorauszufahren und Hindernisse von der Strecke zu
       räumen. Die Ausflüge, die er dabei in die Umgebung macht, werden immer
       länger.
       
       Eines Tages hat Vier während einer unerlaubten Abwesenheit des Kollegen ein
       kleines Abenteuer: Er muss ein Kind retten, das vor seiner Maschine auf der
       Straße auftaucht und einfach nicht zur Seite weicht. Doch Vier bekommt
       keine Gelegenheit, seinen Zorn über den Vorfall an Neun auszulassen. Als
       der Pflichtvergessene wieder auftaucht, ist er nicht nur schwer krank,
       sondern wird auch noch von der selbst ernannten örtlichen Ordnungsmacht
       gesucht.
       
       Im Laufe des folgenden Abenteuers scheint es mehr und mehr so, als würde
       der allzu prinzipientreue Vier einen eigenen kleinen Entwicklungsroman
       durchlaufen. Doch die Freude, die man daran haben mag, wird vom Autor mit
       einer jähen Erzählvolte wieder abgewürgt.
       
       ## Ambivalenzen westlicher Entwicklungsarbeit
       
       In narrativ hochkonzentrierter, komprimierter Form führt Eggers in diesem
       kleinen Roman ein paar sehr grundsätzliche Ambivalenzen westlicher
       Entwicklungsarbeit vor: Wie an Vier und Neun exemplarisch zu beobachten,
       haben prinzipiell beide Haltungen – die neutral-effiziente wie die
       unbedarft-teilnehmende – gute wie schlechte Seiten. Könnte eine Mischung
       aus beiden die Lösung sein? Nur bedingt, denn es bleibt ein übergeordnetes
       Problem: die politischen Verhältnisse im fremden Land.
       
       Die Verwirklichung eines großen Infrastrukturprojekts, wie Vier und Neun es
       realisieren, mag auf den ersten Blick eine Verbesserung für die Bevölkerung
       darstellen. Doch was, wenn entsprechend zerstörerische Machtverhältnisse
       dazu führen, dass Errungenschaften als Unterdrückungsinstrumente einer
       Diktatur eingesetzt werden?
       
       Zeitgleich mit dieser parabelhaften Geschichte aus der Welt der
       internationalen Entwicklungspolitik erscheint ein kleines Büchlein, in dem
       Eggers das symbolhafte Erzählen in wieder eine andere Richtung treibt: ins
       Humoristische.
       
       „Der größte Kapitän aller Zeiten“ ist eine flotte Satire von fast
       altmodisch bissiger Art, wie man sie heutzutage eigentlich gar nicht mehr
       schreibt. Das liegt möglicherweise mit daran, dass es auch schon lange kein
       Objekt mehr gegeben hat, dessen reale Existenz so nah am Satirischen lag,
       wie es beim gerade amtierenden Präsidenten der USA der Fall ist.
       
       ## Regime des Schreckens
       
       Der titelgebende Kapitän des Eggers-Büchleins ist ein strunzdummer,
       penisfixierter Geck mit einer gelben Feder im Haar, der mehr oder weniger
       aus Versehen von seinen Mitpassagieren auf dem großen Schiff zum Kapitän
       gemacht wird. In einer Mischung aus Blödheit, Bösartigkeit und
       Nachlässigkeit errichtet er ein gleichsam von selbst entstehendes Regime
       des Schreckens, das unter anderem dazu führt, dass das Schiff
       manövrierunfähig wird, während der Kapitän sich von gewieften Schurken aus
       dem Freibeutermilieu an der Nase herumführen lässt.
       
       Man kann sich vorstellen, dass noch vor wenigen Monaten (das englische
       Original erschien im Dezember) ein solcher frech-satirischer Angriff auf
       die herrschenden Machtverhältnisse in den USA eine erfrischende mentale
       Wirkung auf viele LeserInnen hatte. Die befreiende Wirkung des Lachens
       steht einem jedoch [2][in Zeiten tiefer Krisen] nicht im selben Maße zur
       Verfügung. So wirkt sogar eine böse kleine Satire wie diese im Lichte der
       aktuellen Situation wie ein heiteres Manifest aus besseren Tagen.
       
       Am Ende des Buchs flüchtet der Kapitän heimlich mit dem letzten
       verbliebenen Rettungsboot aus dem ausgeplünderten Schiff.
       
       25 Jul 2020
       
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