# taz.de -- Deutsche Wohnen investiert in Altbau: Ungedeckeltes Shoppingvergnügen
       
       > Mit der Aufnahme in den DAX steigt der Renditedruck der Deutsche Wohnen.
       > Angekaufte Altbauten könnten in Eigentum umgewandelt werden.
       
 (IMG) Bild: Schöner Shoppen mit der Deutschen Wohnen: Konzentriert sich der Konzern jetzt auf Altbau?
       
       Berlin taz | Der Renditedruck auf die Deutsche Wohnen steigt, sagt Rouzbeh
       Taheri vom Enteignungs-Volksbegehren. „Jetzt, wo der Konzern in den DAX
       gerutscht ist, schauen viel mehr Investoren und Analysten ganz genau auf
       die Renditechancen der Aktie – aber auf das Enteignungsverfahren hat das
       keine Auswirkungen“, so der Sprecher von Deutsche Wohnen und Co. enteignen,
       das sich für die Vergesellschaftung von Wohnraum einsetzt.
       
       Auch der Deutsche Mieterbund äußerte Befürchtungen: Das Unternehmen mit
       116.000 Wohnungen in Berlin werde stärker in den Fokus internationaler
       Investoren rücken. Rainer Wild vom Berliner Mieterverein sagt: „Der Erfolg
       der Deutschen Wohnen ist das Leid der Mieter.“
       
       Mit dem Aufstieg in den DAX gehört die Deutsche Wohnen als zweitgrößter
       Vermieter Deutschlands zu den Top 30 der börsennotierten Unternehmen – als
       Ersatz für die Lufthansa. Größter Einzelaktionär der Deutschen Wohnen ist
       Blackrock, wiederum der weltweit größte Vermögensverwalter.
       
       Lars Urbansky, Deutsche-Wohnen-Vorstandsmitglied, musste am vergangenen
       Freitag auf der Jahreshauptversammlung bekannt geben, dass ab November
       wegen des [1][Mietendeckels] rund 30 Prozent der Berliner Mieten gesenkt
       werden müssten. In Mietverträgen vereinbart die Deutsche Wohnen deswegen
       neuerdings [2][Schattenmieten], die nach Ablauf des fünfjährigen
       Mietenstopps greifen sollen.
       
       ## Shopping-Tour trotz Einbußen
       
       Wenn bereits zuvor die Verfassungsrichter:innen den Mietendeckel lüften,
       wollen sich Vermieter:Innen die entstandene Differenz nachzahlen lassen. Ob
       sie das dürfen, ist hingegen mehr als fraglich.Dennoch rechnet das
       Unternehmen für 2020 zunächst mit Mietausfällen von 9 Millionen Euro, fürs
       nächste Jahr gar mit 30 Millionen Euro. Eingenommen hat die Deutsche Wohnen
       2019 rund 837 Millionen Euro.
       
       Die Strategie gegen den Mietendeckel könnte paradoxerweise
       Bestandserweiterung sein. Denn tatsächlich ist die Deutsche Wohnen trotz
       möglicher Einbußen weiter auf Shoppingtour: Gerade ist bekannt geworden,
       dass der Konzern 21 Häuser mit 400 Wohnungen für 90 Millionen Euro in
       Berlin kaufen will, vorwiegend Altbaubestände. Elf davon sollen in
       Kreuzberg in sozialen Erhaltungsgebieten liegen.
       
       In diesen unter Milieuschutz stehenden Gebieten sollen Maßnahmen dafür
       sorgen, dass sich die soziale Mischung durch Mietsteigerungen nicht weiter
       zuungunsten ärmerer Menschen verschiebt. Auch hat der Bezirk hier ein
       Vorkaufsrecht, wenn Investoren nicht bereit sind, sich in
       Abwendungsvereinbarungen auf soziale Kriterien zu verpflichten.
       
       Strategiewechsel bei der Deutschen Wohnen? 
       
       In dem geplanten Kauf sieht Taheri eine Strategieänderung: „Ende letzten
       Jahres sagte die Deutsche Wohnen noch, dass sie sich von Teilen des
       Berliner Wohnungsbestandes trennen wollen. Nun scheinen sie jedoch
       vorrangig Altbauten aufkaufen zu wollen und gleichzeitig den Bestand aus
       den 60er und 70er Jahren abzustoßen.“ Warum? „Altbau lässt sich leichter
       aufteilen und in Eigentumswohnungen umwandeln. Das ist für bestimmte
       Konzerne eine Exitstrategie nach dem Mietendeckel. Das müssen wir ganz
       genau beobachten und verhindern“, so Taheri.
       
       Verkauft hätte die Deutsche Wohnen demnach bisher vor allem sozialen
       Wohnungsbau in schlechtem Zustand: Asbestbelastet, hoher Sanierungsbedarf,
       wenig Renditechancen wegen lang laufender Sozialbindungen – das etwa trifft
       laut Taheri etwa auf zahlreiche Wohnungen in Spandau zu, die die
       [3][Deutsche Wohnen im Dezember an die landeseigene Degewo verkauft hat].
       
       Auch Mietaktivist:innen hatten befürchtet, dass Wohnungsunternehmen nun
       vermehrt auf Umwandlung in Eigentum setzen. Für viele ist das der worst
       case, weil ein Haus für eine mögliche Rekommunalisierung vom Markt ist,
       sobald es aufgeteilt ist. Erste Anzeichen für diese Strategie lassen sich
       bereits [4][bei Akelius beobachten], das bekannt dafür ist,
       Altbauwohnungsbestände in angesagten Kiezen aufzuwerten.
       
       Die Enteignungsinitiative hilft unterdessen bei der Vernetzung der
       betroffenen Mieter:innen. Am Sonntag um 12 Uhr soll am Mariannenplatz eine
       [5][Kundgebung mit Treffen der bedrohten Mieter:innen] stattfinden. Auch
       der Kreuzberger Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) informiert die
       betroffenen Haushalte bereits per Schreiben über die Möglichkeit [6][des
       Vorkaufsrechts].
       
       Gleichzeitig dürfte es für Bezirk und Land angesichts der Coronakrise
       schwerer werden, das den Landeshaushalt weiter belastende
       [7][Vorkaufsrecht] tatsächlich zu ziehen. Reihenweise waren in der
       Vergangenheit Häuser privaten Investoren weggeschnappt worden. Insbesondere
       von Verwaltungsmitarbeiter:innen und der SPD hatte es aber immer wieder
       Gegenwind bei Rekommunalisierungen gegeben.
       
       ## Deutsche Wohnen bestreitet Umwandlungen in Eigentum
       
       Eine offizielle Änderung der Vorkaufsstrategie gibt es indes nicht. Schmidt
       sagt dazu: „Solange nichts Gegenteiliges kommuniziert wird, gehen wir davon
       aus, dass Zuschüsse fürs Vorkaufsrecht noch da sind.“ Bezüglich der
       Abwendungsvereinbarung sei man in Kontakt mit der Deutschen Wohnen. Man
       prüfe in alle Richtungen – auch eine Übernahme durch eine [8][mietereigene
       Genossenschaft] käme infrage, sowie der Vorkauf Dritter oder kommunaler
       Wohnungsunternehmen.
       
       Auch Ephraim Gothe, SPD-Bezirksstadtrat aus Mitte, bestätigte, dass er sich
       mit dem Senat dazu im Austausch befände. In Mitte sind ein Haus in der
       Hochstädter Straße und eines in der Guineastraße betroffen.
       
       Die Deutsche Wohnen bestreitet, dass die Unternehmensstrategie sich durch
       Mietendeckel und Dax-Listung ändert. Umwandlung in Eigentum spiele keine
       Rolle. Abwendungsvereinbarungen stehe man offen gegenüber – die neuen
       Wohnungen wolle man langfristig bewirtschaften.
       
       10 Jun 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Mietendeckel/!t5567229
 (DIR) [2] https://www.neues-deutschland.de/artikel/1137568.deutsche-wohnen-appetit-auf-berlin.html
 (DIR) [3] https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/berlin-deutsche-wohnen-verkauft-2000-wohnungen-a-1301208.html
 (DIR) [4] /Akelius-nach-dem-Mietendeckel/!5684869
 (DIR) [5] https://twitter.com/dwenteignen/status/1270680216566988801
 (DIR) [6] https://twitter.com/f_schmidt_BB/status/1270614936104960002
 (DIR) [7] /Vorkaufsrecht/!t5430677
 (DIR) [8] /Diese-EG/!t5658523
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gareth Joswig
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Gentrifizierung in Berlin
 (DIR) Deutsche Wohnen & Co enteignen
 (DIR) Deutsche Wohnen
 (DIR) Mietendeckel
 (DIR) Schwerpunkt Gentrifizierung in Berlin
 (DIR) Schwerpunkt Gentrifizierung in Berlin
 (DIR) Mietenwahnsinn
 (DIR) Dax-Unternehmen
 (DIR) Schwerpunkt Coronavirus
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Tricks gegen Mietendeckel: Die haben doch’n Schatten!
       
       Berliner Vermieter verschicken Schattenmieterhöhungen, die gezahlt werden
       sollen, wenn der Mietendeckel ausläuft. Senat hält das für unzulässig.
       
 (DIR) Protest gegen die Deutsche Wohnen: 23 Häuser sind eine Wand
       
       Der Immobilienkonzern ist auf Shopping-Tour, die Mieter:innen wehren sich.
       Die Deutsche Wohnen macht nun Zugeständnisse.
       
 (DIR) Enteignungs-Volksbegehren in Berlin: Geiseldrama bald vorbei
       
       Das Enteignungs-Volksbegehren wird wohl zugelassen. Letzte Bedenken räumte
       der Senat im Gespräch mit der Volksinitiative aus.
       
 (DIR) BAKJ-Kongress: „Es geht ums große Ganze“
       
       Die Deutsche Wohnen ist im DAX, in Berlin muss sie um ihre Wohnungen
       bangen. Mit Eigentum beschäftigt sich ein Kongress kritischer JuristInnen.
       
 (DIR) Deutsche Wohnen statt Lufthansa: Kapitalistentausch im Dax
       
       Eine Airline fliegt aus dem Dax, ein anderer Großkapitalist steigt auf:
       Deutsche Wohnen bietet vielen ein Dach über dem Kopf – steht aber in der
       Kritik.
       
 (DIR) Maßnahmen für Mieter in Berlin: Corona verschärft Wohnungsfrage
       
       Der Berliner Senat hat weitere Regelungen für Mieter beschlossen: Der
       Kündigungsschutz soll ausgeweitet und Räumungen sollen ausgesetzt werden.