# taz.de -- Berlinale-Retrospektive King Vidor: Antikommunismus als Komödie
       
       > Disparat und überraschend: Die Berlinale Retrospektive lädt ein, den
       > politisch notorisch unzuverlässigen US-Regisseur King Vidor
       > wiederzuentdecken.
       
 (IMG) Bild: Daniel L. Haynes (links), „Hallelujah“ von King Vidor, USA 1929, Retrospektive 2020​
       
       Keck weist sich die Vogelscheuche mit Schild und üppigem Schnurrbart als
       Gegner aus: Um es dem „Kizer“ zu zeigen, stürmen die Jungs mit ihren
       Spielzeuggewehren den Hügel herunter. Doch bevor sie den Ersten Weltkrieg
       auf einem Hügel in Kalifornien im Sturm entscheiden können, schlägt eine
       Mutter sie mit einer Bratpfanne drohend in die Flucht.
       
       Das sind Szenen aus „Bud’s Recruit“, dem ersten Film, der vom US-Regisseur
       King Vidor überliefert ist. 70 Jahre lang hat der texanische Nachfahre
       ungarischer Auswanderer, [1][dem sich die Retrospektive der Berlinale in
       diesem Jahr widmet,] Filme gedreht – fast 40 Jahre davon für die großen
       Studios Hollywoods.
       
       „Bud’s Recruit“ beginnt mit einem aus Tüchern improvisierten Zelt. Links
       ein Gewehr, oben eine US-amerikanische Flagge, in der Mitte ein Schild:
       „Bud’s Brigade“. Anders als sein Bruder ist Bud Gilbert kaum zu halten in
       seinen Bemühungen, die USA im Kampf im Ersten Weltkrieg zu unterstützen.
       Mit seinen jungen Mitstreitern stichelt er gegen seinen Bruder, den es
       nicht in den Krieg zieht, und gegen die Friedensgesellschaft der Mutter.
       
       Die Örtlichkeiten von „Bud’s Recruit“ verdienen einen näheren Blick. Die
       Landschaft, durch die die Jungs tollen, während sie Soldaten spielen, wirkt
       ländlich. Die trockenen Böden sind von Bäumen gesäumt. Das Haus der
       Gilberts, das Wohnzimmer mit dem Esstisch, der Garten mit der Sitzbank
       scheinen ortlos. Erst als Buds Bruder sich schließlich doch freiwillig
       meldet, sehen wir, dass der Film in einer Vorstadt gedreht ist, vermutlich
       in der Nähe Hollywoods, wo King Vidor damals schon wohnte. Das ländliche
       Amerika ist ein wiederkehrendes Motiv in den Filmen Vidors. Selbst dann,
       wenn er Städte dreht, wirken sie nicht selten wie Kleinstädte.
       
       ## Krieg, Weizen und Stahl
       
       Das New York in „The Crowd“ von 1928, der für die ersten Academy Awards
       nominiert war, wirkt wenig urban. Nur die Enge hält uns bewusst, dass der
       Film in einer Stadt spielt. In Vidors Filmen durchdringen sich städtische
       und ländliche Räume. In einer Zeit, in der die Bevölkerung in den USA zu
       gleichen Teilen in Städten und auf dem Land lebte, traf sich Vidors
       Vorliebe für das ländliche Amerika mit den Anforderungen des Kinomarkts.
       
       Vidors Karriere begann mit einem Job als Büroangestellter bei Universal,
       der unter Pseudonym Filmideen einreichte, er wurde als Autor angestellt,
       drehte erste Filme wie „Bud’s Recruit“ für das Filmstudio eines
       Jugendrichters, dann folgte der erste Langfilm. Richtig Fahrt nahm seine
       Filmlaufbahn auf, als er Anfang der 1920er Jahre als Regisseur bei Goldwyn
       Pictures begann. Nach dem Ausstieg von Gründer Samuel Goldwyn fusionierte
       die Firma mit Marcus Loews Metro-Studios und Louis B. Mayers Filmproduktion
       zu Metro-Goldwyn-Mayer.
       
       Was Vidor für Ideen habe, fragte der neue Produktionsleiter Irving Thalberg
       Vidor. „Ich habe drei Ideen: Krieg, Weizen und Stahl“, lautete die Antwort.
       Das Ergebnis war Vidors erster großer Erfolg: „The Big Parade“. Der Film
       führt drei junge Männer, den Unternehmersohn Jim, den Bauarbeiter Slim und
       den Barmann Bull zusammen. Die drei werden nach Frankreich verschifft,
       verlieben sich in die gleiche Frau.
       
       Vidors Film erzählte den Krieg ohne großen Heroismus aus der Perspektive
       der Soldaten. Der Film gewann die Photoplay Magazine Medal, den wichtigsten
       Filmpreis der USA vor der Etablierung der Academy Awards. Hatte Vidor bis
       dahin jährlich drei bis vier Filme produziert, sank nun die Zahl leicht auf
       zwei bis drei. Vidors produktivstes Jahrzehnt hatte begonnen.
       
       ## Ein Film mit schwarzer Besetzung
       
       Während der Regisseur in Europa mit seinem Film „The Crowd“ tourte, erfuhr
       er vom Erfolg des Tonfilms in den USA. Vidor sah die Zeit gekommen für ein
       lange gehegtes Projekt: ein Film mit einer komplett schwarzen Besetzung. Er
       setzte den Film gegen alle Vorbehalte von Produzenten und Verleihern durch.
       „Hallelujah“, der entstandene Film, ist jedoch vor allem ein Dokument, wie
       die rassistischen Traditionen der Minstrel Shows, die zentral sind für die
       Vorstellungen über schwarze Amerikaner während des mörderischen Rassismus
       der Restoration-Zeit, in den Film wanderten. Kein Wunder, dass Paul
       Robeson, Sänger, Anwalt, Aktivist, die Hauptrolle abgelehnt hatte.
       
       In ihrer Studie zu Vidor beobachten Raymond Durgnat und Scott Simmon:
       „Vidors Filme passen nicht in die Kategorien. Die Figuren sind zu
       wechselhaft, die Räume zu offen, ihr Tonfall zu rastlos, sie kommen nie
       recht zur Ruhe.“
       
       So wahr diese Beobachtung für viele Filme Vidors ist, so ist das
       verlockendste Angebot der Retrospektive doch, den Genrefilmer Vidor
       wiederzuentdecken. Fast zeitgleich mit „Hallelujah“ dreht Vidor die
       Screwball-Komödie „The Patsy“, den ersten von drei Filmen mit Marion
       Davies, von denen vor allem „The Patsy“ und „Not so dumb“ einen Blick
       lohnen. Es folgt der Western „Billy the Kid“ und die Melodramen „The
       Champ“, „Cynara“, „Street Scene“ und „The Stranger’s Return“, die nie die
       [2][Qualitäten der Filme von Douglas Sirk] erreichen, aber durchaus
       sehenswert sind.
       
       ## Wirtschaftskrise und New Deal
       
       Politisch bleiben auch bei weiteren Filmen Vidors aus den 1930er Jahren
       viele Vorbehalte: „Our Daily Bread“ von 1934, Vidors zentraler
       New-Deal-Film, erzählt bildgewaltig vom Neubeginn eines verarmten Paares.
       Gemeinsam mit weiteren Opfern der Wirtschaftskrise beginnen sie ein
       Farmprojekt aufzubauen. Der Film ist an reaktionäre Bewegungen der Zeit
       ebenso anschlussfähig wie an progressive. Er verbindet Roosevelts Losung
       „Zurück aufs Land“, die die Ernährungsnot beantworten sollte, mit
       christlichen Motiven. Der Film ist ein erfreulich verwirrendes Produkt
       autoritärer Tendenzen in den USA in den Zeiten der Wirtschaftskrise und des
       New Deals.
       
       Gegen das Bild der Südstaaten und die Darstellung der Sklaverei in „So Red
       the Rose“ (1935) ist „Vom Winde verweht“ eine antirassistische
       Streitschrift. Wieder ist man Vidor als Zuschauer dankbar, als er in die
       Konventionen des Genres zurückkehrt und erst den Western „The Texas
       Rangers“ und dann das Drama „Stella Dellas“ dreht. 1940 folgt die
       antikommunistische Komödie „Comrade X“, die trotz unterhaltsamer Momente
       wirkt, als hätte Vidor ein Jahr nach Lubitschs „Ninotschka“ dessen Erfolg
       reproduzieren sollen – was ihm in kommerzieller Hinsicht auch gelang.
       
       Im Rückblick allerdings steht Vidors eigener Antikommunismus dem Humor der
       Komödie doch ziemlich im Weg. Was bei Lubitsch Spitzen sind, ist bei Vidor
       der Holzhammer. Aber: Was soll bei einer Komödie mit Clark Gable als
       amerikanischer Korrespondent, [3][Hedy Lamarr in einer Mehrfachrolle] und
       Sig Rumann als dauerindignierter Nazi-Korrespondent schon schiefgehen?
       
       1944 tritt Vidor der Motion Picture Alliance for the Preservation of
       American Ideals bei, die den antikommunistischen Autoritarismus in die
       Filmindustrie hineinträgt. Nach Kriegsende gerät auch das MGM-Studio in
       eine Krise. Nach einer Phase voller wiederentdeckenswerter Genre-Filme
       Anfang der 1950er Jahre, wendet sich Vidor am Ende seiner Karriere
       monumentalen Großproduktionen wie „War and Peace“ und „Solomon and Sheba“
       zu.
       
       Das wenig inspirierte Konzept der Berlinale-Retrospektive, einen einzelnen
       Regisseur ins Zentrum zu stellen, rettet sich im Falle von King Vidor
       selbst. Vidors Werk ist so disparat, dass man immer wieder überrascht wird
       – bisweilen nicht ohne Schaudern, aber doch überrascht.
       
       20 Feb 2020
       
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