# taz.de -- Aus für nigerianischen Film bei Oscars: Oscar für Geschichtsvergessenheit
       
       > Mit der Komödie „Lionheart“ hat Nigeria zum ersten Mal einen Film bei den
       > Oscars eingereicht. Weil er auf Englisch ist, wurde er nun nicht
       > zugelassen.
       
 (IMG) Bild: Schauspielerin und Regisseurin Genevieve Nnaji in „Lionheart“
       
       Es gibt einleuchtende Gründe und weniger einleuchtende, warum Filme einen
       Preis bekommen oder nicht. Weniger einleuchtend ist, dass ein Film nicht
       bei den Oscars zugelassen wird, weil die Figuren darin Englisch sprechen.
       
       So ergeht es gerade der [1][nigerianischen Komödie „Lionheart“], die in der
       Kategorie „Internationaler Film“ antreten wollte. Die „Academy“ hat dem
       Produktionsteam des Films am Montag per Mail mitgeteilt, der Film verstoße
       gegen die Richtlinien ebendieser Kategorie. Internationale Filme müssten
       aus „überwiegend nicht englischen Dialogen“ bestehen, bei „Lionheart“ wird
       aber mehrheitlich Englisch gesprochen. Weil die Regeln aber so sind, wie
       sie sind und weil „Lionheart“ außerdem als ausländischer Spielfilm nicht an
       anderen Kategorien teilnehmen kann, ist er nun also raus aus den Oscars.
       
       Das kann einen aus vielen Gründen ärgern. Etwa weil damit einer der wenigen
       eingereichten afrikanischen Filme ausgeschlossen wird, einer der wenigen
       Einreichungen überhaupt, die inmitten [2][einer weißen, männlichen
       Hollywood-Filmlandschaft] von einer Schwarzen Regisseurin gedreht wurden.
       
       Ärgerlich ist aber vor allem, dass die Regeln der Academy die [3][koloniale
       Geschichte] ausblendet. Schließlich war Nigeria britische Kolonie, Englisch
       ist Amts- und Verkehrssprache. „Dieser Film repräsentiert die Art, wie wir
       in Nigeria sprechen“, reagierte die Regisseurin Genevieve Nnaji [4][auf
       Twitter] und fügte hinzu: „Wir haben uns nicht ausgesucht, wer uns
       kolonialisiert hat.“
       
       ## Nollywood und Netflix
       
       Eigentlich war die internationale Kategorie im April umbenannt worden, von
       „Best Foreign Language Film“ zu „Best International Feature Film“ – um ein
       „inklusives Bild des Filmemachens“ zu fördern, sagen die Zuständigen.
       Geändert hat sich allerdings nichts, die Sprache ist weiter
       ausschlaggebend. Der verzerrt westliche Blick bleibt: Ausland ist gleich
       Fremdsprache.
       
       Nur, braucht ein Film wie „Lionheart“ die Oscars überhaupt? [5][Nollywood],
       die nigerianische Filmbranche, ist gemessen an der Anzahl produzierter
       Filme längst größer als Hollywood. Ein breites globales Publikum bekommt
       der Film durch Netflix sowieso. Und Filmpreise verleiht Nigeria selbst,
       nämlich die Africa Movie Academy Awards, schon seit 2005. Wahrscheinlich
       ist das Problem bloß, dass wir – der globale Norden, Europa – immer nur auf
       die Oscars schauen.
       
       5 Nov 2019
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Netflix-wird-internationaler/!5561034
 (DIR) [2] /Oscar-Verleihung-in-Los-Angeles/!5572466
 (DIR) [3] /Postkolonialismus-in-Museen/!5627056
 (DIR) [4] https://twitter.com/GenevieveNnaji1/status/1191502043388817411
 (DIR) [5] /Independent-Filme-aus-Nigeria/!5619357
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Simon Sales Prado
       
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