# taz.de -- Rechte Szene in Wurzen bei Leipzig: Rechts der Mulde
       
       > Ein Kampfsportler aus der Neonazi-Szene zieht am Dienstag in den Stadtrat
       > von Wurzen ein. Die Rechten sind dabei, die Hegemonie zu erlangen.
       
 (IMG) Bild: Eigentlich ganz idyllisch: Wurzen
       
       Wurzen taz | Es ist still in Wurzen, an diesem warmen Dienstagvormittag
       Mitte August. Nur wenige Menschen sind zu sehen, und wenn, dann sind es
       Senior*innen, die auf dem historischen Marktplatz in der Sonne sitzen. Das
       Domcafé an der Ecke ist noch geschlossen, die Eisdiele öffnet erst mittags.
       Ein paar kleine Einzelhandelsgeschäfte liegen still, hoffend auf
       Kund*innen. Hin und wieder klappert ein Auto über das Kopfsteinpflaster.
       Viel mehr passiert nicht in der Stadt, die sich wegen ihres berühmtesten
       Sohns, des Schriftstellers Joachim Ringelnatz, auch „Ringelnatzstadt“
       nennt. Es fühlt sich an, als wäre hier alles in Ordnung.
       
       Wurzen, im Mai 2019: Stadtratswahl. Für zwei der antretenden Gruppierungen
       ist es ein Sieg auf voller Linie: Die Neulinge AfD und „Neues Forum für
       Wurzen“ (NFW) ziehen erstmals in den Stadtrat ein. Die Alternative für
       Deutschland mit 15,7 Prozent der Stimmen. Die freie Liste des NFW mit 11
       Prozent. Vier Sitze wird die AfD ab dem 27. August einnehmen. Drei das NFW.
       
       Einen dieser Sitze besetzt Benjamin Brinsa, gewählt mit 359 Stimmen. Über
       30.000 Treffer bekommt man, wenn man ihn bei Google sucht. Bilder von dem
       muskulösen Mann in Kampfpose, Videos von ihm beim
       Mixed-Martial-Arts-Training (MMA). Und unzählige Texte. Von linken
       Recherchegruppen, Online-Magazinen, Tageszeitungen. Brinsa ist bekannt –
       als rechter Kampfsportler und „Neonazi-Hooligan“, wie linke Seiten ihn
       nennen.
       
       Benjamin Brinsa, Jahrgang 1989, ist ein gefeierter Kämpfer der rechten
       Freefight-Szene. Sein Spitzname: „The Hooligan“. 2013 stand er sogar unter
       Vertrag des weltweit größten MMA-Veranstalters Ultimate Fighting
       Championship. Dieser wurde allerdings, bevor Brinsa auch nur einen einzigen
       Kampf für die UFC absolviert hatte, gekündigt – [1][aufgrund von Hinweisen
       auf Verbindungen in die rechte Szene]. Heute ist er der Kopf des rechten
       MMA-Teams „Imperium Fight Teams.“ Einige Mitglieder des Teams waren bei dem
       Nazi-[2][Angriff auf Leipzig-Connewitz 2016] dabei. Von Brinsa selbst gibt
       es Fotos, die ihn bei [3][den rechten Ausschreitungen in Chemnitz 2018]
       zeigen.
       
       Nun wird er Fraktionsvorsitzender des NFW. Auf Facebook triumphiert er am
       Tag der Wahl, gratuliert seinen Mitstreitern – und der AfD, mit der man nun
       „zusammen eine ordentliche Anzahl an Personen im Stadtrat sitzen“ habe.
       Anfang August postete er ein Foto von sich vor einer Straßenlaterne in
       Wurzen, ein umgedrehtes Wahlplakat in der Hand. Für welche Partei
       mobilisiert Brinsa? Er verrät es nicht. Heute hängt an dieser Stelle das
       Plakat von Jens Zaunik, dem AfD-Spitzenkandidaten.
       
       ## Der Zusammenschluss nationaler Kräfte
       
       Es ist der Zusammenschluss nationaler Kräfte, ein Triumph der Rechten in
       Wurzen – zumindest parlamentarisch. Die Strategie Rechter, über freie
       Listen in Parlamente einzuziehen, wird besonders im ländlichen Raum immer
       beliebter. Zusammen haben AfD und NFW mehr als doppelt so viele Stimmen wie
       die SPD, die Partei des Oberbürgermeisters Jörg Röglin.
       
       Was hat der Oberbürgermeister gedacht, am Abend nach der Wahl? „Ach du
       Heimatland.“ Röglin seufzt, sein Blick ist aufrecht. Er ist sichtlich
       erschöpft. Seine hellblauen Augen wirken müde. Der 49-Jährige sitzt in
       seinem großen, hellen Büro im Wurzener Rathaus. Ratlos. „Wie der Stadtrat
       gewählt wurde, spricht seine eigene Sprache.“
       
       Röglin erzählt davon, wie sich die Stadt um Weltoffenheit bemühe. Von
       Demokratieprojekten, Vereinen, der Stadtjugendarbeit. „Und jetzt kommen
       solche Wahlergebnisse zustande.“ Er inszeniert nachdenkliche Pausen. „Jetzt
       müssen Sie mir erklären, wie so was passiert. Ich kann es Ihnen nicht
       sagen.“
       
       Wurzen ist eine beschauliche Stadt, knapp dreißig Kilometer östlich von
       Leipzig. Auf der Karte liegt sie rechts der Mulde. Domstadt, gelegen an dem
       Pilgerweg „Via Regia“, touristisch aufgehübscht mit sanierten historischen
       Altbauten.
       
       Will man versuchen, die Frage Röglins zu beantworten, muss man sich das
       andere Wurzen anschauen. Die Hakenkreuze, die unsauber an Hauswände
       geschmiert sind. Die hohe Dichte an AfD- und NPD-Wahlplakaten. Die
       antisemitischen Aufkleber. Das „Zecken schlachten“-Graffito nur wenige
       Meter entfernt von dem Büro des Netzwerks für Demokratische Kultur. (NDK).
       Das ist die Sprache, die die Wahlergebnisse sprechen.
       
       ## Demokratieprojekt unter Beschuss
       
       Wer sind diese neuen Rechten? Das Wahlprogramm des Neuen Forum mit seinen
       achtundzwanzig kommunalpolitischen Programmpunkten liest sich wie ein
       Lehrwerk populistischer Demagogie. Das Forum – allen voran sein Gründer
       Christoph Dietel – inszeniert sich mit seinem Namen in vermeintlicher
       Tradition der DDR-Bürgerrechtler. Jedoch mit gefährlichen Inhalten. So
       werden etablierte demokratische Parteien mit der SED verglichen, eine
       „Drosselung der Zuwanderung aus dem Orient und Afrika“ gefordert,
       kolonialrassistische Stereotype verbreitet.
       
       Einer der Feinde des NFW ist das NDK. „Für die sind wir hier in Wurzen der
       Arm von der Antifa in Leipzig“, sagt die Geschäftsführerin Martina Glass
       kopfschüttelnd. Dabei geht es beim NDK um Bildungsprojekte, um Kultur, um
       Jugendarbeit – auch gegen rechts. [4][Schon 2018 berichtete die taz über
       den Rassismus in Wurzen] und darüber, dass Dietel eine Petition für die
       Streichung der Gelder für das NDK forderte – erfolglos.
       
       Jetzt sind sie im Stadtrat. „Ich gehe davon aus, dass sie als Erstes
       versuchen werden, unsere Förderungen einzustellen“, sagt Glass. Seit zehn
       Jahren betreut sie das Demokratiezentrum. Bei einem Gesprächsversuch im
       letzten Jahr habe Dietel sie angeschrien. „Dass wir die Errungenschaften
       des weißen Mannes und seine Vaterstadt beschmutzen.“ Seitdem rede er nicht
       mehr mit dem NDK.
       
       Glass lächelt, lacht fast darüber, als könne man ihn nicht ernst nehmen.
       Aber Dietels Parolen kommen bei den Wurzner*innen an. „Er schreit und
       schreit – und die Leute glauben die ganzen Lügen, die er verbreitet.“ Auch
       Brinsa mobilisierte für die Wahl gegen das NDK: „Schluss mit
       Steuergeldverschwendung an das NDK! Schluss mit linker Bevormundung!“
       
       Zum NDK Gelände, dem großen Haus mit der graubraunen Fassade und den alten
       Holztüren, den weiträumigen, offenen Büros und gemütlichen Garten, gehört
       auch das Kultur- und Bürgerzentrum D5. Es ist das Projekt, für das das NDK
       kommunale Förderung erhält. Der Dorn im Auge der Rechten. Majestätisch
       gelegen neben Dom und Schloss. Viele Leute gehen an diesem Sommertag im
       August ein und aus, das NDK ist ein Ort der Zusammenkunft.
       
       Es könnte fast idyllisch sein, wenige Tage vor der konstituierenden
       Stadtratssitzung. Wären da nicht die eingeschlagenen Fensterscheiben und
       schlaff hängenden abgerissenen Kabel, die über der Eingangstür herausragen.
       „Ich habe das Gefühl, dass die Angriffe anfangen, sich zu häufen.“ Glass
       sitzt auf einer der Holzbänke im Garten des NDK, auf dem die Mitarbeitenden
       sich zum Mittagessen treffen, an diesem ruhigen Tag in Wurzen. Angst hat
       sie nicht, sagt sie. Besorgt sei sie schon.
       
       ## Schon zwei Anschläge dieses Jahr
       
       Erst vor wenigen Tagen, in der Nacht vom zweiten auf den dritten August,
       gab es einen Anschlag auf das Kultur- und Bürger*innenzentrum D5. Schon
       wieder. Der letzte Angriff liegt erst drei Monate zurück. Von beiden
       Attacken gibt es Aufnahmen einer Überwachungskamera. Die taz konnte die
       Videos sichten.
       
       Der erste Angriff, im 12. Mai 2019, geschah mitten am Tag: Der Zeitstempel
       zeigt 17:13 Uhr. Fünf schwarz gekleidete Personen sammeln sich vor dem
       Grundstück. Zwei Autos fahren vor. Weitere Personen kommen zur Gruppe, ein
       paar von ihnen setzen sich auf die kleine Grundstücksmauer. Das Treffen
       wirkt geplant. Plötzlich rennt einer von ihnen auf die Wiese vor dem Haus,
       wirft einen Gegenstand. Glasscherben zerbrechen – vermutlich eine Flasche.
       Weitere Männer tun es ihm gleich. Alle tragen Kapuzen. Bis auf einen, ein
       nicht allzu großer junger Mann mit schwarzer Sonnenbrille. Er sieht die
       Kamera, setzt sich die Kapuze auf, schnellt mit seinem Arm hervor und reißt
       die Kamera raus. Das Bild bricht ab, die andere Kamera filmt weiter. Binnen
       Sekunden ziehen alle Angreifer ab und rennen davon.
       
       Das Video vom zweiten Angriff, aufgenommen in der Nacht zum 3. August 2019,
       zeigt den Hintereingang des Hauses. Drei vermummte, schwarz gekleidete
       Männer schleichen eine Treppe hoch. Dann geht alles ganz schnell: Sie
       werfen etwas Unerkennbares und verschwinden. Am nächsten Tag wird
       Geschäftsführerin Martina Glass eine eingeschlagene Scheibe und einen Stein
       vorfinden.
       
       Nach dem ersten Angriff schreibt das NDK: Es waren Neonazis, die von einem
       Fußballspiel des ATSV Wurzen gegen den Roten Stern Leipzig kamen. Der
       Journalist Sören Kohlhuber schreibt auf seinem Blog, unter den Rechten bei
       dem Fußballspiel sei Toni Bierstedt gewesen, Listenkandidat der
       Bürgerinitative Neues Forum für Wurzen.
       
       Besagter Bierstedt fiel schon am 20. Januar 2018 in Wurzen auf: Das
       Antifa-Bündnis „Irgendwo in Deutschland“ zieht mit einer Demonstration
       durch die Stadt. Es gibt ein Foto von diesem Tag, da ist Bierstedt unter
       einer Gruppe Männern mit einem Teleskopschlagstock zu sehen. Daneben:
       Benjamin Brinsa, ebenfalls mit Schlagstock.
       
       Auf Belltower News, dem Informationsportal der Amadeu-Antonio-Stiftung,
       heißt es über den Vorfall, „schwer bewaffnete Neonazis wollten in Wurzen
       Journalist*innen und eine linke Kundgebung angreifen“. Kohlhuber war unter
       den Berichtenden. Er schreibt: „Eine Person zog dabei die Klinge symbolisch
       am eigenen Hals entlang und deutete anschließend mit dieser in Richtung der
       Journalisten.“
       
       Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Angriffs. Am 22. 2. 2019 wird
       das Verfahren eingestellt. Begründung: Es habe keinen hinreichenden
       Verdacht für Straftaten gegeben. Staatsanwalt Ricardo Schulz erklärte
       gegenüber der taz: „Durch Polizei und Staatsanwaltschaft war nicht zu
       klären, durch wen, wann und wo die Bilder aufgenommen worden sind und ob es
       sich bei dem einen Gegenstand, den eine vermummte Person mit sich führt,
       tatsächlich um eine Waffe handelt.“
       
       Auch hinter den beiden Angriffen auf das NDK werden Rechte vermutet: In
       einem Artikel auf Belltower News über den ersten Angriff im Mai heißt es,
       „Mitarbeiter*innen des NDK und weitere Szene-Beobachter*innen“ vermuten
       hinter der Attacke die „808 Crew“, eine neue freie Kameradschaft der
       Region. Nach dem zweiten Angriff schreibt das NDK: Es waren drei mutmaßlich
       rechtsextremistische Personen.
       
       ## Eine Hooligangruppe wie die „Terror Crew Muldental“
       
       Es gibt Chatprotokolle von Mitgliedern der „808 Crew“, vom 20. Dezember
       2018, die der taz vorliegen. Darin heißt es: „Bei 808 ging es von afnang an
       eine stabile junhs truppe zu machen vor der man angst und respekt hat“
       (sic!). Man wolle eine „hooligan Gruppe“ wie die „Terror Crew Muldental“
       aufbauen – eine rechte Jugendgruppe, die zwischen 2008 und 2012 in der
       Region rund um Wurzen aktiv war und gegen die der Verfassungsschutz 2011
       wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelte. Und es gibt Fotos.
       Eins zeigt ein „808“-Mitglied beim Zeigen des Hitlergrußes. Ein anderes
       zeigt ein paar Jungs von „808“ mit dem „Imperium Fight Team“, dem
       Kampfsportteam von Benjamin Brinsa.
       
       Heute sagt Martina Glass: „Wir haben eine Vermutung, aber wir dürfen aus
       ermittlungstechnischen Gründen nichts sagen.“ Die Polizei und die
       Staatsanwaltschaft sagen das Gleiche.
       
       „Das Kernproblem, was wir haben, ist eine Justiz, die der Sache nicht
       wirklich Herr wird“, sagt der Oberbürgermeister, wenn man ihn fragt, wie
       die Rechten sich in Wurzen so ausbreiten konnten. Röglin ist kein Linker.
       Er ist ein Sozialdemokrat, der Rechtsstaat seine Religion, die Gesetze
       seine Bibel. Seine Worte sind deutlich. Kann er sich erklären, dass das
       Verfahren gegen die Angreifer vom Januar 2018 eingestellt wurde? „Ich?“
       Röglin lacht. „Nee. Da müssen sie mal den Justizminister fragen.“
       
       Was Röglin meint: Das klaffende Loch zwischen der Anzahl polizeilich
       erfasster Straftaten in Wurzen und der Verurteilungen durch die Justiz.
       
       ## Geringe Aufklärungsquoten rechter Straftaten
       
       Die Gruppe „Rassismus tötet!“ aus Leipzig hat eine Chronik rechter
       Aktivitäten in Wurzen von Juli 2017 bis heute veröffentlicht. 2018 waren es
       mindestens 45 rechte Straftaten, darunter 12 Körperverletzungen, zum Teil
       schwere, wie der Angriff auf eine schwangere Frau aus Eritrea im März 2018.
       Für keine einzige dieser Straftaten gibt es ein Urteil, die meisten
       Verfahren wurden eingestellt. Auch die Statistiken aus den Kleinen Anfragen
       der Abgeordneten Kerstin Köditz (Linke) belegen: Nur die wenigsten rechten
       Straf- und Gewalttaten in Wurzen werden von der Justiz bestraft. Die
       Aufklärungsquoten sind verschwindend gering.
       
       Jens Kretzschmar kennt das Problem. Zu lange schon macht er in Wurzen
       Politik, als dass er die rechten Umtriebe ausblenden könnte. 1999 war er
       einer der Jugendlichen, die das NDK gründeten. Heute ist er älter, ruhiger.
       Ein netter Mann, der viel lächelt und sich etwas Lausbubenhaftes bewahrt
       hat. Auch er sitzt im Stadtrat. Für die Linke tritt er nun zur Landtagswahl
       an.
       
       Nach dem ersten Angriff auf das NDK im Mai war er es, der die Polizei
       anrief. Er erzählt, wie die Beamten kamen. Wie sie Fotos von auf dem Boden
       liegenden Scherben und der demolierten Überwachungskamera machten. Und wie
       sie die Kamera, die wie das Video zeigt mit bloßer Hand runtergerissen
       wurde, liegen ließen. „Ich habe die Beamten mehrfach darauf hingewiesen,
       dass da Fingerabdrücke drauf sind.“ Kretzschmar sagt kopfschüttelnd:
       „Wochen später rief die Kripo an: Herr Kretzschmar wir haben gehört, dass
       das Beweismittel noch bei Ihnen ist.“ Polizei und Staatsanwaltschaft geben
       wegen laufender Ermittlungen keine Auskunft dazu.
       
       Muss die sächsische Justiz härter gegen die Rechten durchgreifen? „Die
       sächsische Justiz müsste überhaupt mal durchgreifen“, sagt Röglin. Er
       spricht aufgebrachter als zuvor. Es geht auch um das Image seiner Stadt.
       „Solange sich diese extremistischen Strukturen egal welcher Couleur
       entfalten können und es passiert nichts, machen die weiter. Das ist wie mit
       den Kindern. Die testen ihre Grenzen aus und schauen, wie weit sie sie
       verschieben können. Und irgendwann tanzen sie uns auf der Nase rum.“
       
       ## Die Rechten breiten sich aus
       
       Wenn man mit Jens Kretzschmar durch Wurzen fährt, zeigt er einem die
       Schauplätze des Kampfes der Rechten um Hegemonie, wie eine Chronik, in der
       Jahr für Jahr Neues dazu kommt. Ein Haus, das in den Neunzigern von
       Neonazis angegriffen wurde. Die Autowerkstatt, aus der Brinsa und Co. bei
       dem Angriff auf Journalist*innen im Januar 2018 rausgestürmt sein sollen.
       Ein Tattoostudio. Ein Sonnenstudio. Die Bar Napoles, über die eine
       ängstliche Nachbarin sagt, sie wolle sich nicht äußern, habe aber auch
       schon gehört, dass die Betreiber Rechte seien. All diese Geschäfte seien in
       den Händen der rechten Szene, sagt Kretzschmar.
       
       Läuft man vom Rathaus zum Bahnhof, passiert man eine weitere Immobilie, an
       einer großen Durchfahrtstraße, nur unweit der Gleise. Im Mai ging von einem
       unbekannten Absender aus Wurzen eine Nachricht rum, die der taz vorliegt:
       „Gebäudekomplex Dresdener Strasse 40 in Wurzen hat für eine halbe Million
       den Besitzer gewechselt. Das Grundstück beinhaltet Spielothek, Pension,
       Konzerthalle, Bar und Diskothek, ca. 16.000 Quadratmeter Freifläche und
       riesige Lagerhallen. Käufer sind Benjamin Brinsa (Stadtratskandidat Neues
       Forum Wurzen), Michael Beresan, Aws Sitto, Thorsten Richter.“
       
       In Wurzen erzählt man sich, Brinsa wolle dort ein Fitnessstudio eröffnen,
       vielleicht sogar Freefight-Kämpfe abhalten. Es gibt viele Indizien und
       viele Menschen, die behaupten, etwas zu wissen. Dass es ein Mietkauf
       gewesen sein, für 5.000 Euro im Monat. Dass das Datum der notariellen
       Beglaubigung der 22. Mai gewesen sei.
       
       Eindeutig belegen lässt sich das nicht. Im Grundbuch ist ein anderer
       Besitzer eingetragen. Eine Sprecherin des Amtsgerichts sagt, es könne
       dauern, bis sich solche Eintragungen ändern.
       
       Im Netz kursiert ein Foto von Benjamin Brinsa, wie er auf einer Bühne bei
       einem Konzert der rechtsextremen Band „Kategorie C“ steht. Entstanden ist
       es Mitte August. Auf Twitter wird gemutmaßt, das Konzert sei im ehemaligen
       „Puls“ Club gewesen. Adresse: Dresdener Straße 40, Wurzen.
       
       Die Polizei sagt gegenüber der taz, sie habe zwar nichts von einem Auftritt
       der Band gewusst. „Aber es ist aufgrund der Bilder davon auszugehen, dass
       es stimmt“, so Sprecher Alexander Bertram. Man wisse es nicht zu hundert
       Prozent – aber auch die Ermittler gingen davon aus, dass das Konzert von
       Kategorie C mit Benjamin Brinsa auf der Bühne im Gebäude des ehemaligen
       Puls Club war. „Der Veranstalter wird das schon so gestrickt haben, dass
       wir davon nichts erfahren.“
       
       Auch dieser Auftritt ist nicht eindeutig belegbar.
       
       Was jedoch klar ist: Von der taz wurde Benjamin Brinsa vor dem Gelände der
       Dresdener Straße 40 gesehen.
       
       ## Die Ohnmacht der Demokratie
       
       Wenn man den Bürgermeister nach dem Kampfsportler fragt, zeigt sich die
       Machtlosigkeit der Stadt über die rechten Umtriebe. „Solange er sich nichts
       zuschulden kommen lässt oder unsere Justiz ihm nichts nachweisen kann oder
       will, kann ich mit meinem Demokratieprojekt strampeln, bis aus der Milch
       Quark wird.“ Röglin seufzt. „Da habe ich keine Chance.“
       
       Wenige Meter zu Fuß von den glatt polierten Kopfsteinstraßen der Altstadt
       liegt die Karl-Marx-Straße. Vergangenes Wochenende hat es hier eine
       Schlägerei gegeben. Der Linken-Politiker Kretzschmar erzählt: Ein Mann habe
       „Scheiß Nazis, Scheiß Nazis“ gerufen. „Dann sind sie auf ihn drauf. Einer
       hat sich draufgesetzt und immer wieder reingedroschen, reingedroschen.“ Er
       wiederholt das Wort, irgendwo zwischen Fassungslosigkeit und Gewohnheit.
       
       Hat Jens Kretzschmar Angst? „Nee, die hätte ich erst, wenn sie die absolute
       Mehrheit haben.“ Er lächelt. Der Politiker ist mitten im Landtagswahlkampf.
       „Allmählich verschwinden meine Plakate in Wurzen.“ Er deutet auf ein
       Großplakat auf einer Wiese: „Das haben sie letztens versucht abzubrennen.“
       Kretzschmar bleibt unbeirrt. Sein Auto hat einen Sprung in der Scheibe.
       „Lohnt nicht, das zu reparieren“, sagt er. „Die werfen da sowieso immer
       wieder was drauf.“
       
       ## Was bleibt für Wurzen übrig?
       
       [5][2018 hieß es in der taz, es gebe nicht viel zu sehen in Wurzen.] In der
       Stadt, „wo eine rechtspopulistische Minderheit den Rest der Stadt vor sich
       her treibt und den öffentlichen Diskurs übernimmt. Wo diejenigen, die
       dagegen protestieren, an den Rand gedrängt werden. Wo die Mitte verstummt.“
       
       Heute, nur ein Jahr danach, ist die Minderheit keine Minderheit mehr. Im
       Stadtrat ernten die rechten Demagogen die Früchte ihrer Hetze.
       
       „Was soll ich denn dazu sagen? Was soll ich tun?“ Es sind rhetorische
       Fragen, die der Bürgermeister stellt. Für ihn sind die Entwicklungen keine
       Wurzener Spezifika. „Wenn sich der Freistaat so entwickelt, was bleibt dann
       für so eine sächsische Kleinstadt wie Wurzen übrig?“
       
       Für Dienstag, 27. August, den Tag, an dem der neu zusammengesetzte Stadtrat
       das erste Mal tagt, sind Proteste angekündigt. Es ist das gleiche
       bundesweite antifaschistische Bündnis wie schon im Januar 2018. Auch von
       rechter Seite wird mobilisiert – gegen die antifaschistische Demo.
       
       Als im September 2017 Linke in Wurzen demonstrierten, waren es 350 Antifas,
       umzingelt von einem Großaufgebot der Polizei, inklusive SEK und
       Wasserwerfer. Ein Monat nach der Demonstration wurde gegen einen der dort
       anwesenden SEK-Beamten Disziplinarstrafe verhängt – wegen eines Verstoßes
       gegen die sogenannte Polizeidienstkleidungsordnung. Der Beamte hatte einen
       Aufnäher mit einem bei der extremen Rechten beliebten Symbol an seiner
       Uniform getragen.
       
       Für diesen Dienstag wird kein SEK-Einsatz erwartet, die Stimmung bei Stadt
       und Demo-Anmelder*innen wirkt ruhiger, man rechnet mit etwa 50 Personen.
       Angemeldet hat die Demonstration die [6][Linken-Politikerin Juliane Nagel
       aus Leipzig].
       
       Auch ein Teil der Organisator*innen kommt aus dem nahe gelegenen Leipzig.
       Sie wollen anonym bleiben, zu groß sei die Angst vor Repressionen und
       Nazis. Warum schon wieder Wurzen? „Es ist wichtig zu thematisieren, was es
       für eine Region bedeutet, wenn sich Nazis so eine Infrastruktur schaffen“,
       sagt Sven* (Name geändert) für das Bündnis. „Infrastruktur baut Szene auf.“
       
       Röglin sagt: „Die Antifa wird hier durch die Stadt ziehen und den Wurznern
       wahrscheinlich in die Fenster schreien, dass hier ein Nazi in den Stadtrat
       eingezogen ist. Und dann setzen sie sich in die S-Bahn und fahren wieder
       zurück.“
       
       Kretztschmar sagt, es müsse immer antifaschistischen Widerstand geben. Aber
       man müsse schauen, welche Formen zielführend seien.
       
       Glass sagt, antifaschistischer Protest müsse auch aus der Stadt selbst
       kommen.
       
       Alle drei sagen, es gebe viele Aktive in Wurzen, die sich gegen die Rechten
       stellen.
       
       Zu reichen scheint es nicht.
       
       26 Aug 2019
       
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