# taz.de -- Stimmtraining für trans Frauen: Mut zum Sprechen
       
       > Die Stimme ist für viele trans Frauen sehr wichtig. Fast ein Jahr lang
       > arbeitete Sophie S. mit einer Logopädin an einer, die zu ihr passt.
       
 (IMG) Bild: Sophie S. (l.) und die Logopädin wärmen mit „Blubbern“ ihre Stimmen auf (Bild von 2018)
       
       Hamburg taz | Sophie S. blickt auf die Tafel des asiatischen Restaurants,
       auf der die Gerichte aufgelistet sind. „Für mich die M17, bitte“, sagt sie
       zur Bedienung. S. spricht nicht zu laut, aber auch nicht zu leise, sie
       nuschelt nicht, sie blickt nicht auf den Boden. Sie bestellt so, dass die
       Bedienung versteht, was sie essen möchte. Sie bestellt so, wie Menschen
       eben in einem Restaurant gebratene Nudeln mit Gemüse und Tofu bestellen.
       
       Ein Jahr vorher wäre das für S. noch sehr unangenehm gewesen. Denn S. ist
       trans. Und während sie ihr Aussehen mit Make-up und Kleidung ohne zu großen
       Aufwand angleichen konnte, blieb die Stimme tief – manche würden sagen:
       „männlich“.
       
       „Sobald man den Mund aufmacht und das nicht mit den Erwartungen des
       Gegenübers übereinstimmt, erntet man komische Blicke“, sagt S. noch vor
       knapp einem Jahr. „Es passt einfach nicht zusammen: Mein Auftreten, wie ich
       mich fühle – und dazu die tiefe Stimme. Ich erschrecke mich teilweise
       selbst.“ Wie für viele [1][trans Frauen] ist für sie die Stimme besonders
       identitätsstiftend und wichtig für das Selbstbewusstsein.
       
       Also hat S. gekämpft, einen anstrengenden Kampf gegen ihren Kehlkopf. Viel
       Zeit hat sie dabei in einem Praxiszimmer im Hamburger Stadtteil Wandsbek
       verbracht. Dort sitzt S. auch an einem Tag im Herbst 2018 und hat einen
       großen Strohhalm im Mund. Damit blubbert sie in einem Wasserglas. Ihr
       gegenüber sitzt die Logopädin Maria Wilde, auch sie mit Strohhalm. Die
       beiden Frauen wärmen so ihre Stimmen auf. Wilde soll S. helfen, eine Stimme
       zu entwickeln, die als weiblich wahrgenommen wird.
       
       ## Nagel, Nebel, Nabel
       
       Sophie S. ist 27, studiert Informatik an der Universität Hamburg und
       arbeitet als Entwicklerin in einem Software-Start-up. Ende 2017 wendet sie
       sich ans Universitätsklinikum Eppendorf (UKE), das ein eigenes
       Kompetenzzentrum für trans Menschen aufgebaut hat. „Ich habe es lange vor
       mir hergeschoben, aber dann habe ich gemerkt: Es geht nicht mehr anders.“
       Am UKE erfährt sie, dass die Angleichung der Stimme als wichtiger Teil der
       Transition gilt. In YouTube-Videos hört sie davon, wie Logopädie dabei
       helfen kann und meldet sich bei Wilde.
       
       Wilde ist Expertin für Stimmangleichung bei [2][trans Frauen] und hat eines
       der ersten deutschsprachigen Fachbücher darüber veröffentlicht. Jetzt gibt
       sie einen Ton am Computer vor, den S. mit ihrer Stimme erreichen soll. S.
       drückt einen Laut heraus. „Komm, noch ein bisschen höher“, sagt Wilde und
       zeigt mit dem Zeigefinger an die Decke. Der nächste Laut passt. S. liest
       einzelne Wörter vor, die mit dem Buchstaben N beginnen. Der Buchstabe eigne
       sich besonders gut, „weil die Stimme hier hochgezogen werden kann“, sagt
       Wilde.
       
       S. spricht: Nagel. Nebel. Nabel. Sie ist unzufrieden.
       
       „Ich habe die Stimme gerade nicht unter Kontrolle, es klingt ein bisschen
       wie Mickey Maus“, ärgert sie sich. Also greifen die beiden wieder zu den
       Strohhalmen und blubbern ein paar Minuten ins Leitungswasser.
       
       „Die Schleimhäute müssen viel arbeiten“, sagt Wilde, „aber vergiss nicht:
       Der Schleim ist unser Freund, wir brauchen ihn.“ S. räuspert sich. Sie
       streicht ihre langen blonden Haare hinter die Schultern und beginnt noch
       einmal von vorne.
       
       ## Telefonieren ist eine Hürde
       
       „Ich kann sehen, dass dein Kehlkopf nach unten geht“, sagt Wilde. Sie
       stellt einen Spiegel vor S.. „Er soll aber oben bleiben!“, fordert die
       Logopädin. S. liest wieder: Nase, Nächte, nanu. Jetzt bleibt der Kehlkopf
       oben. „Sehr gut“, lobt Wilde. Die beiden Frauen lächeln sich an.
       
       Es ist erst S.s dritte Stunde bei Wilde, sie ist noch sehr unzufrieden mit
       ihrer eigenen Stimme. Deshalb sagt sie in manchen Situationen wenig oder
       sogar gar nichts, zum Beispiel, als sie den ruhigen Wagen der Hamburger
       U-Bahn betritt. Dort spricht sie sofort leiser als auf der Straße, wo der
       Lärm eines Presslufthammers von der Baustelle noch einen akustischen Schutz
       geboten hat.
       
       Bestellungen in Restaurants mag S. nicht. Noch unangenehmer sind aber
       Telefonate. Weil hier die Stimme die einzige Möglichkeit der Interaktion
       ist, traue sie sich nicht, sich mit ihrem Namen Sophie zu melden. „Das alte
       Leben stolpert dann über den Weg“, sagt sie.
       
       Medizinisch gibt es unterschiedliche Wege um eine Stimme zu bekommen, die
       als weiblich wahrgenommen wird. Die Einnahme von Hormonen gehört nicht
       dazu, diese haben bei trans Frauen keine Wirkung auf die Stimme.
       Stattdessen können Logopädie oder eine Kombination aus Operation und
       Logopädie zum Erfolg führen. Der HNO-Arzt Markus Hess hat sich schon vor
       zwanzig Jahren auf „Stimmfeminisierung“ spezialisiert. Er bietet in der
       Deutschen Stimmklinik, die er 2013 auf dem Gelände des
       Universitätsklinikums Eppendorf gegründet hat, Operationen für trans Frauen
       an.
       
       ## Alternative: Operation
       
       „Es gibt trans Frauen, die die weibliche Stimme so adaptieren können, dass
       sie keine Operation brauchen. Aber in den Momenten, in denen man
       unkontrolliert ist, zum Beispiel beim Lachen oder Niesen, kann es sein,
       dass ein tiefer Ton durchrutscht. Manche stört es, ständig auf ihre Stimme
       achten zu müssen“, sagt der Mediziner. Dann verkürzt Hess mit
       mikrochirurgischen Instrumenten den vorderen Bereich der Stimmlippen, die
       ohnehin nur wenige Millimeter lang sind.
       
       Anschließend näht er sie mit einem dünnen Faden wieder zusammen. Durch die
       Operation könne eine trans Frau ihre Stimme bis hin zu einer Oktave
       erhöhen, erklärt der Arzt. Er bereite seine Klientinnen ausführlich auf die
       Entscheidung für eine Operation vor. „Denn wenn man einmal eine solche
       Operation machen lässt, gibt es kein Zurück mehr.“
       
       Für Sophie S. kam ein operativer Eingriff nicht in Frage, obwohl sie
       dadurch die Dauer der Logopädie möglicherweise hätte verkürzen können. „Ich
       bin sehr vorsichtig mit Operationen und habe Angst vor Komplikationen“,
       sagt sie. Und so ging sie zehn Monate lang, insgesamt etwa 30 Mal, für eine
       45-minütige Einheit zur Logopädin. Ein knappes Jahr sei die übliche Dauer
       der Therapie, sagt Wilde. Die Krankenkasse übernimmt bei ihr einen Großteil
       der Kosten.
       
       Das Training ist anstrengend, Wilde nennt es „Hochleistungssport für die
       Stimme“. „Wenn man einen Waschbrettbauch haben will, reicht es auch nicht,
       einmal fünf Sit-ups zu machen“, sagt die Logopädin, „Da muss man jeden Tag
       dran arbeiten.“ Nur so könnten sich die Muskeln aufbauen und kann sich die
       Technik herausbilden. S. trainierte am Anfang eine halbe Stunde pro Tag.
       
       ## Höher und höher
       
       Mittlerweile ist es deutlich weniger geworden. Im Juli war S. zum letzten
       Mal bei der Logopädin, sie ist zufrieden mit ihrer Stimme. „Irgendwann kam
       der Moment, wo ich gemerkt habe: Jetzt ist es okay“, sagt sie. Dabei sei
       die Stimmangleichung ein schleichender Prozess gewesen, bei dem sie selbst
       die Fortschritte oft kaum bemerkt habe.
       
       Doch als die Logopädin ihr vor Kurzem eine Audioaufnahme aus einer der
       ersten Stunden vorgespielt hat, sei ihr bewusst geworden, wie stark sich
       ihre Stimme geändert habe, sagt S.. Und auch wenn sie immer noch „Platz für
       improvement“ sieht, ist sie zufrieden: „Ich habe den Mut, zu sprechen.“ Bei
       dem Start-up, bei dem sie arbeitet, hat sie sogar schon Anrufe mit Kunden
       übernommen, sagt sie und wirkt dabei stolz.
       
       S. achtet jetzt weniger auf ihre Stimme – und das ist ein gutes Zeichen.
       Vielleicht wird sie aber in Zukunft doch wieder mehr trainieren, selbst
       gewählt. Denn in der Unterstufe hat sie im Chor ihrer Schule gesungen, bis
       sie im Stimmbruch den Spaß daran verlor. Eine Operation an den Stimmbändern
       war für sie auch deshalb keine Option, weil sie Angst hatte, ihre
       Singstimme zu verlieren.
       
       So hat sie immer noch die Möglichkeit, wieder im Chor zu singen. „Man weiß
       ja nie“, sagt sie. Doch gerade reicht es ihr noch, mit Freund*innen Karaoke
       zu singen. Da macht sie seit ein paar Wochen nämlich auch wieder mit.
       
       1 Sep 2019
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Transgeschlechtlichkeit-und-Mutterschaft/!5573254/
 (DIR) [2] /TransPersonen-auf-IMDb/!5615572
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Laurenz Schreiner
       
       ## TAGS
       
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