# taz.de -- Chinas Social Scoring beim #35C3: Eine gute Portion Unübersichtlichkeit
       
       > Chinas geplantes System für soziale Überwachung ist nicht so ausgefeilt,
       > wie es scheint. Eine Forscherin klärt beim #35C3 über die Schwächen auf.
       
 (IMG) Bild: Überwachung ist auf dem CCC traditionell ein wichtiges Thema: Szene vom Kongress 2017
       
       Leipzig taz | „In China ist Vertrauen ein seltenes Gut“, erzählt Antonia
       Hmaidi im Saal „Borg“ auf dem 35. Chaos Communication Congress (#35C3) in
       Leipzig. Menschen vertrauen einander nicht, sie vertrauen Firmen nicht und
       sie vertrauen dem Staat nicht. Als Beispiel nennt sie die immer
       wiederkehrenden [1][Milchpulver-Skandale in China]: Weil chinesisches
       Milchpulver oft verseucht ist, wird in Deutschland großflächig das Pulver
       aufgekauft und nach China verkauft.
       
       Der gesellschaftliche Vertrauensmangel ist – so wird es zumindest offiziell
       in China behauptet – einer der wichtigsten Gründe für ein bisher
       beispielloses Überwachungsprojekt: Ab 2020 will die chinesische Regierung
       alle BürgerInnen überwachen und ihnen Punkte nach Vertrauenswürdigkeit
       vergeben. So sollen BürgerInnen wissen, wem sie Vertrauen können und wem
       nicht. Kontrolle ist eben besser als Vertrauen.
       
       Das System soll Daten aus verschiedenen Lebensbereichen bündeln und in
       einer einzigen Kennziffer ausdrücken: Hat jemand Steuern hinterzogen oder
       einen Kredit nicht beglichen? Respektiert jemand seine Eltern nicht? Läuft
       jemand bei rot über eine Straße? Die Zahl soll künftig beeinflussen,
       welchen Zugang zu Schulen und Ausbildungen Menschen haben, ob, wohin und
       wie schnell sie reisen können und wer mit ihnen Handel treibt. Die
       erklärten Ziele: effizientere Ressourcenverteilung, mehr Vertrauen und
       BürgerInnen, die „gute Menschen“ im Sinne der Regierung sind.
       
       Die Wirtschaftswissenschaftlerin Hmaidi von der Uni Duisburg-Essen hat sich
       diesen Plan genauer angeschaut und ist zum Schluss gekommen: „Es gibt vor
       allem viele Dinge, die nicht bekannt sind.“ Nachdem sie mehrere
       Simulationen zu drei der rund 70 verschiedenen Modellen durchgeführt hat,
       kommt Hmaidi zu dem Schluss, dass der Erfolg oder Misserfolg des Systems
       von dessen genauer Ausgestaltung abhängen wird: „Dieses System ist sehr
       komplex und schon kleine Veränderungen können zu großen Auswirkungen
       führen.“
       
       ## Kein großes Überwachungssystem
       
       Grundsätzlich ist das für die Regierung wohl vielversprechendste System,
       das derzeit in China als Modellprojekt läuft, weit weniger ausgefeilt, als
       in der Berichterstattung im Westen dargestellt. Statt eines großen
       allumfassenden algorithmischen Überwachungssystems gibt es vor allem ein
       vielschichtiges System, das regional je unterschiedlich ausgeprägt ist,
       abhängig von Einzelpersonen als BerichterstatterInnen und – gerade deshalb
       – durchsetzt von vielen gegenteiligen Interessen.
       
       Die Regionalität kann dazu führen, dass es einen Wettlauf zum niedrigsten
       Standard gebe, sagt Hmaidi: Also dass Menschen dorthin ziehen, wo sie am
       wenigsten überwacht werden und am einfachsten Punkte bekommen. Die
       Abhängigkeit von Einzelpersonen bedeutet, dass diese ein Interesse daran
       haben, Regeln zu entwerfen, von denen sie möglichst profitieren. Auch
       korrelieren viele erhobene Werte gar nicht mit dem erwünschen Verhalten: In
       Zukunft könnten viele ChinesInnen also Kredite erhalten, weil sie einen
       guten Score haben – obwohl sie gar nicht verlässliche RückzahlerInnen sind.
       
       Und letztlich führe auch das übergroße Interesse der Regierung an der
       Ermittlung und Bestrafung von „Vertrauensbrechern“ dazu, dass wenig getan
       werde, um zu vermeiden, dass Menschen fälschlicherweise als
       nicht-vertrauenswürdig eingestuft werden. Nebenbei gebe es viel
       offensichtlichere Probleme, beispielsweise, dass mit Spenden an die
       Kommunistische Partei, der eigene Score verbessert werden könne: „Das
       heißt, Menschen können für einen guten Score zahlen und sich dann
       verhalten, wie es ihnen passt.“
       
       Langfristig könne all dies dazu führen, dass das Vertrauen in das Social
       Scoring erodiert und sich alternative, inoffizielle Systeme etablieren, wie
       sie auch heute schon in China gängig sind. Und auch Hmaidi hat eine klare
       Empfehlung: „Wenn das Problem ist, dass Menschen bei rot über die Straße
       laufen, obwohl das schon illegal ist, würde ich am Rechtssystem ansetzen,
       statt ein neues System einzuführen.“ Vertrauen ist eben ein seltenes Gut in
       China – und offenbar leicht zu verlieren.
       
       27 Dec 2018
       
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