# taz.de -- Debatte Deutsche Identitäten: Phantomschmerz Ost
       
       > Die DDR ist Vergangenheit. Warum die eigene Erinnerung dennoch wertvoll
       > ist, wenn es um die Beurteilung aller Ostler geht.
       
 (IMG) Bild: Im Ausland rühren wir Fremde zu Tränen, wenn wir von unserem Mauerfall '89 sprechen
       
       „Was ist dein verdammtes Problem?“, hat mein Mann mich gefragt, wenn wir
       über Ostthemen stritten. „Willst du etwa die DDR wiederhaben?“ Ich schwieg
       dann beleidigt. Das mit dem Osten, das war ja einem Westler wie ihm nicht
       vernünftig zu erklären. Zu viele verquere Gefühle.
       
       Heute fragt er mich das nicht mehr. Im Laufe unserer Beziehung haben wir so
       oft und hart über den Osten gestritten – mit dem Thema sind wir durch. Und
       nach all den Jahren, die seit dem Mauerfall vergangen sind, weiß ich
       manchmal ja selbst nicht mehr, was noch stimmt von meinen Erinnerungen.
       
       Was ich weiß: Ich hatte dort ein Leben. Eine erste Identität. Und ich
       möchte von dieser Person erzählen können, ohne mich für ihr Leben
       rechtfertigen zu müssen.
       
       Es ist wie ein Phantomschmerz: Mir ist vor Jahrzehnten etwas amputiert
       worden, etwas Schwärendes, das mir nicht guttat. Doch noch heute schmerzt
       die Narbe. Ich müsste eigentlich froh sein, schließlich hätte ich ohne die
       Operation nie meine zweite Identität entwickeln können. Trotzdem fehlt mir
       etwas.
       
       ## Der Mangel
       
       Uns – den „Kindern des Sozialismus“ – mangelt es an etwas. Nennen wir es
       Respekt. Oder Repräsentanz. Es mangelt uns zudem an Weltläufigkeit und
       Bildungsbürgerlichkeit. Und es fehlt diese Erzählfolie, deren Codes uns als
       Teil der identitätsstiftenden Mehrheit erkennbar machen würden.
       Jugoslawienurlaub, Bonanza-Rad, „Sie baden gerade Ihre Hände darin“ … das
       können wir beim besten Willen nicht mehr aufholen. Vielleicht erzählen wir
       Ostler deshalb so gern von früher und wärmen uns am Erinnerungsfeuer: Wir
       hatten etwas, was auch die anderen nicht mehr haben können. Eine Identität,
       die nur uns gehört. Der Osten ist unsere emotionale Wahrheit.
       
       Dabei geht es uns besser als den anderen Minderheiten in diesem Land. Wir
       sind mit allen Privilegien ausgestattete Bürger. Wir checken an Flughäfen
       und Hotels mit dem wertvollsten Reisepass der Welt ein. Wir dürfen wählen
       und müssen nicht mehr Schlange stehen. Im Ausland rühren wir Fremde zu
       Tränen, wenn wir von unserem 9. November erzählen. Aber dankbar sind wir
       dafür nicht. Wem denn auch? Uns selbst? Helmut Kohl sicher nicht.
       
       Bis heute sind die Fehler der deutschen Wiedervereinigung nicht behoben. Im
       Gegenteil, sie werden geleugnet, ihre Folgen werden lautstark beschwiegen.
       Gefühl und Verstand klaffen deshalb bei diesem Thema nicht nur im Privaten,
       sondern auch im Politischen auseinander.
       
       ## Andauernde Ungleichheit
       
       „Ungleiches Deutschland“ heißt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von
       2016. Ostdeutschland, steht da, stecke in einem „Teufelskreis aus
       Verschuldung, Arbeitslosigkeit und Abwanderung“. Schaut man sich die
       dazugehörigen Karten an, könnte man meinen, die DDR existiere noch.
       Zumindest was Themen wie Überalterung, Einkommensschwäche oder
       Bildungsarmut angeht.
       
       Wer der SPD-nahen Stiftung nicht vertrauen mag, kann sich gern auf das
       Deutsche Aktieninstitut verlassen. Gerade hat man dort 45.000 Bürger zu
       ihrem Anlageverhalten befragt. Im Osten hätten sie es auch lassen können –
       dort haben die Leute nicht das Geld, um ein bisschen zu spekulieren. Denn
       während das Nettovermögen von Sassnitz bis Suhl bei durchschnittlich 24.800
       Euro liegt, beträgt es in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg 112.500. Ja,
       in der DDR gab es keinen Immobilienbesitz, keine Aktien. Trotzdem, dreißig
       Jahre nach der Wende besitzen die Westler immer noch viereinhalbmal so viel
       wie wir Ostler.
       
       Tja, könnte man sagen, sollen sie halt fleißig sein. Fragt sich nur, wo. In
       Ostdeutschland sitzt kein einziges DAX-Unternehmen. Und von 50
       Bundesbehörden haben nur 3 ihren Sitz dort. Und das, obwohl es seit 1992
       einen Regierungsbeschluss gibt, solche attraktiven Arbeitsplätze in den
       Osten zu verlagern. Das sind die traurigen Fakten.
       
       Was folgt daraus für die Gefühle? Für die leistet sich die Bundesregierung
       einen Beauftragten für die „neuen Bundesländer“. Derzeit ist der Thüringer
       CDU-Bundestagsabgeordnete Christian Hirte der Gute-Laune-Onkel für die arme
       Verwandtschaft. Einmal im Jahr darf er einen Bericht vorlegen. In dem wird
       stehen, dass der Osten auf einem sehr guten Weg ist. Jeder weiß, dass das
       nicht stimmt. Behauptet wird es trotzdem. Das nervt, auch Gutwillige wie
       mich, die ihren Platz in der Demokratie gefunden haben.
       
       ## Nicht jede Story stimmt
       
       Wenn 2019 Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg anstehen,
       wird die Zeit der Unaufrichtigkeit ablaufen. Deutschland ist geteilt – die
       Wahlergebnisse in den nach rechts driftenden Ostländern werden das zeigen.
       Seit bald 30 Jahren wird dort an den Küchentischen wieder und wieder
       erzählt, wie der Westen in Gestalt der Treuhand die Betriebe im Osten
       geschenkt bekommen und plattgemacht hat. Nicht jede Story stimmt.
       Richtiggestellt wird trotzdem keine. Denn das würde bedeuten, über Fehler
       zu sprechen.
       
       Auch geheilt wird nichts. Bis heute streiten Hunderttausende ehemalige
       Bergarbeiter, Künstler und Eisenbahner für ihre DDR-Betriebsrenten, die
       ihnen qua Einigungsvertrag genommen wurden. Jede dieser Geschichten ist
       eine von Vergeblichkeit. Sie werden wieder und wieder erzählt, im Verein,
       in der Familie, immer häufiger am Grab.
       
       Man kann das so lassen, klar. Aber klüger wäre es, wenn dieses Land sich
       ehrlich machen würde. Die unangenehme Wahrheit ist: Je öfter die Politik
       uns Ostdeutschen zu erklären versucht, wie scheiße unser Leben früher war,
       desto gemütlicher richten wir es uns im müffelnden Gefühl der Abwertung
       ein. Nein, ich will die DDR nicht wiederhaben. Aber ich will beides sein
       können – Ost- und Gesamtdeutsche –, ohne mich für den ersten Teil meines
       Lebens rechtfertigen zu müssen. Und ohne zurechtgewiesen zu werden, weil
       ich den zweiten für (noch) nicht gelungen halte.
       
       13 Aug 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anja Maier
       
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