# taz.de -- Kolumne Kulturbeutel: Weinende Wadl beim Weihefest
       
       > Es war das Spiel des Jahres in München. Die Bayern-Amateure gegen 1860.
       > Ein Männerspektakel, wie fürs Theater inszeniert.
       
 (IMG) Bild: Mögen keine Bayern-Fans: Liebhaber das TSV München von 1860 e.V.
       
       Am Ende sollte der Georg recht behalten. Dafür weinen dann die Roten am
       Dienstag, hat er gesagt nach der Partie, die nicht nur für ihn das größte
       Spiel des Jahres war. Seine Blauen hatten gegen die Roten verloren, gegen
       die kleinen Roten. FC Bayern II gegen TSV 1860 München war das Spiel der
       Spiele am vergangenen Wochenende. Mit 3:1 haben die „Bayern Amateure“
       gewonnen. Der Gregor wird sich deshalb gewiss nicht seine Tätowierung von
       den kräftigen Waden weglasern lassen. „Sechzig“ steht auf dem linken Wadl,
       und ein Löwe prangt auf dem rechten.
       
       Seine 60er sind so gut wie Meister der Liga und werden bald gegen
       Saarbrücken um den Aufstieg in die dritte Liga spielen. Auch ein großes
       Spiel. Ob Georg ein Arschloch ist, konnte für diese Kolumne nicht ermittelt
       werden, und ein Hurensohn wird er schon nicht sein. Als Wichser hat er sich
       von den Bayern-Fans in der Stehhalle des Stadions an der Grünwalder Straße
       auch noch beschimpfen lassen müssen. Es hat ihm nichts ausgemacht.
       
       Der Georg ist auch kein Kind von Traurigkeit, wenn es darum geht,
       Bayern-Fans als Drecksäue oder ähnliches zu bezeichnen. „Ist halt so“, sagt
       er und lacht. So wie er lacht, nachdem er seinen leeren Bierbecher Richtung
       Spielfeld geworfen hat, weil der Schiedsrichter irgendetwas gepfiffen hat,
       was ihm nicht gefallen hat. Lachen muss er auch über die Ansage aus des
       Stadionlautsprechern, die darauf folgt. „Bitte behalten Sie Ihre Sachen bei
       sich.“ „Einen Humor haben sie schon“, sagt er. Dann tönt es wieder von der
       Tribüne der Bayern-Fans: „Giesinger Arschlöcher!“ Dem Georg macht das
       nichts aus, nicht nur, weil er gar kein Giesinger ist. Er kommt aus
       Schwabing. Ist halt so.
       
       ## „Typisch Bayern-Fan“
       
       Das Derby ist ein Weihefest der Fußballkultur. Erkennen kann man das auch
       an den Riegeln von Polizeifahrzeugen. „Ich bin neutraler Fan“, sagt einer,
       der durch zwei Mannschaftswagen hindurchschleichen wollte, nachdem sich ein
       Polizeibeamter in den Weg gestellt hat. „Wie soll ich das jetzt
       überprüfen“, sagt der, und schickt ihn auf einen langen Umweg. „Typisch
       Bayern-Fan“, sagen zwei Blaue, die das von der anderen Seite der Absperrung
       beobachtet haben. „Wie kann man nur „o blöd sein“, sagt der eine. “So sind
       sie halt“, sagt der andere. Sie lachen.
       
       Der Gregor muss sich beeilen nach dem Abpfiff. Er hat seiner Freundin
       versprochen, deren Kinder an diesem Tag ins Bett zu bringen. Denn sie
       möchte in die Kammerspiele gehen. Da ist Premiere von „Der Vater“. Nicolas
       Stemann hat das Strindbergstück inszeniert. Klischeemänner in
       Holzfällerhemden beenden das Stück, indem sie vom Rang herab „Amen“ immer
       wieder so skandieren, als sei es ein Anfeuerungsruf im Stadion.
       
       Auch für das Publikum der Kammerspiele sind Männer Wichser, der Vater ist
       sowieso ein Arschloch, ein Riesenpimmel aus Gummi darf auch mitspielen und
       damit das ganz nicht ganz so platt daherkommt wie reales Kurveng’schrei,
       hat der Regisseur noch ein paar Sätze von Judith Butler in das Stück
       gemixt. Ödipus kommt auch drin vor. Kann man machen. Wird auch gerne
       gemacht im Theater. Und am Ende wird das seichteste Wortgemisch dann auch
       noch ernst genommen. Niemand lacht und sagt: „Ist halt so!“ Was Georg wohl
       über das Stück denken würde? Dass die Inszenierung noch schlechter war als
       das Leistung der 60er im Derby vielleicht. Recht hätte er.
       
       3 May 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Rüttenauer
       
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