# taz.de -- IG Metaller bei Volkswagen: VW-Betriebsrat regiert durch
       
       > Beim weltgrößten Autobauer geht wenig ohne das Okay der IG Metall. Auch
       > bei der jüngsten Personalrochade haben Betriebsräte kräftig mitgemischt.
       
 (IMG) Bild: Ganz schön viel Macht: Betriebsratschef Bernd Osterloh bei einem VW-Warnstreik im Februar
       
       Berlin rtr/taz | Eigentlich sinkt in Deutschland der Einfluss von
       Arbeitnehmervertretern kontinuierlich. Allein 2017 haben die acht
       DGB-Gewerkschaften 50.000 Mitglieder eingebüßt, derzeit gibt es noch knapp
       sechs Millionen Gewerkschaftsmitglieder in Deutschland. Bei VW ticken die
       Uhren anders. Ohne die Zustimmung der Arbeitnehmervertreter von der IG
       Metall geht bei Volkswagen mit seinen weltweit rund 600.000 Beschäftigten
       nichts.
       
       Auch die neue Konzernstruktur und der Wechsel an der Spitze von Matthias
       Müller zu [1][Herbert Diess] brauchte das Placet des Betriebsrats. „Volle
       Unterstützung“ und „der Richtige an Bord“ lobte Betriebsratschef Bernd
       Osterloh denn auch am Freitag in einem Brief an die Mitarbeiter – um
       zugleich auf das oberste Prinzip zu pochen: „Bei uns sind
       Beschäftigungssicherung und Wirtschaftlichkeit gleichrangige
       Unternehmensziele.“
       
       Der Einfluss des Betriebsrates ist so groß, dass er jetzt sogar einen
       Vertreter aus seinen Reihen in den Posten des Personalvorstands hievte: Der
       bisherige Betriebsrats-Generalsekretär Gunnar Kilian, ein enger Vertrauter
       Osterlohs, wird künftig die Strategie des Konzerns mitbestimmen. Auch seine
       Vorgänger waren Mitglieder der IG Metall, die bei VW besonders stark
       vertreten ist.
       
       Konzerninsider sagen, das sei Osterlohs Bedingung für das Nicken zur neuen
       Struktur und zum neuen Konzernchef gewesen. Auch wenn sich Kilian mit dem
       Wechsel von der Arbeitnehmer- auf die Arbeitgeberseite umstellen wird,
       betrachten Betriebsräte ihn als Gegengewicht zu Diess.
       
       ## Neuer VW-Chef gilt als Gewerkschaftsfeind
       
       Letzterer, 2015 von BMW nach Wolfsburg gewechselt, gilt als Kostenfresser –
       und Gewerkschaftsfeind. Vor einem Jahr noch hatte er sich mit Osterloh eine
       harte Auseinandersetzung über das Sparprogramm für die Marke VW geliefert.
       Doch sie rauften sich zusammen. Die Sache sei „längst ausgeräumt“, schrieb
       Osterloh ausdrücklich am Freitag nach der Sitzung des Aufsichtsrats, der
       die neue Führungsstruktur beschlossen hatte.
       
       Die starke Stellung des Betriebsrats kommt nicht von ungefähr. Das Land
       Niedersachsen ist Anteilseigner bei Volkswagen und zieht bei Fragen zu
       Arbeitsplätzen und Standorten mit den Arbeitnehmern oft an einem Strang –
       die VW-Mitarbeiter sind schließlich auch Wähler. Im Aufsichtsrat stellen
       die Arbeitnehmer wie in jeder AG die Hälfte der 20 Mitlieder und den
       stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden.
       
       Zusammen mit den zwei Vertretern von Niedersachsen können sie aber die
       Mehrheit in dem Gremium bilden. In dem in Deutschland einmaligen VW-Gesetz
       ist geregelt, dass das Land – mit 20 Prozent zweitgrößter VW-Eigner nach
       den Familien Porsche und Piech – ein Vetorecht besitzt und wichtige
       Entscheidungen blockieren kann. Zudem verlangt das VW-Gesetz für die
       Errichtung und Verlagerung von Produktionsstätten eine
       Zwei-Drittel-Mehrheit im Aufsichtsrat. Kein VW-Chef kann es sich daher
       leisten, bei derart weitreichenden Entscheidungen gegen den Betriebsrat zu
       agieren.
       
       Der Grund dafür liegt in der Geschichte des Autobauers. Das VW-Werk in
       Wolfsburg wurde von den Nazis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg mit Geldern
       errichtet, die teilweise aus dem Vermögen der enteigneten Gewerkschaften
       stammten. Dies und der Einsatz von Zwangsarbeitern bildete die finanzielle
       Grundlage des Konzerns. Nach dem Krieg entschieden die Briten, in deren
       Zuständigkeitsgebiet das Werk damals lag, VW in öffentliche Hände zu geben.
       Eigner wurden zunächst der Bund und das Land Niedersachsen gemeinsam.
       Später verkaufte die Bundesrepublik ihre Beteiligung, Niedersachsen
       verringerte seinen Anteil.
       
       An der Macht des Betriebsrats üben angelsächsisch geprägte Investoren immer
       wieder Kritik, und auch so mancher Manager biss sich daran die Zähne aus.
       Ein prominentes Opfer war einst Diess' Vorvorgänger als VW-Markenchef,
       Wolfgang Bernhard. Der musste vor zehn Jahren seinen Hut nehmen, weil er
       mit Produktionsverlagerungen drohte.
       
       Doch es gibt auch Vorteile durch den Ausgleich der widerstrebenden
       Interessen von Kapital und Arbeit – so sichert sich VW den Betriebsfrieden,
       und in Krisen zogen beide Seiten an einem Strang: Als es VW Anfang der 90er
       Jahre schlechtging, vereinbarte der damalige Vorstandschef Ferdinand Piech
       mit der IG Metall die Vier-Tage-Woche – und verhinderte so
       Massenentlassungen. Der unter Diess 2016 ausgehandelte „Zukunftspakt“
       ermöglichte es, bei der Kernmarke VW Kosten zu senken und die notorisch
       niedrige Rendite zu verbessern.
       
       Bei den VW-Mitarbeitern kann der Betriebsrat jedenfalls auf eine breite
       Basis bauen: Mehr als 90 Prozent der Beschäftigten in den deutschen
       VW-Werken gehören der Gewerkschaft an. Bei den Betriebsratswahlen im März
       erhielt die IG Metall 86 Prozent der Stimmen.
       
       13 Apr 2018
       
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