# taz.de -- Heidegger, Benjamin und Wittgenstein: In Zeiten der Verwirrung
       
       > Was ist der Mensch? Wolfram Eilenberger seziert das vielleicht wichtigste
       > Jahrzehnt der deutschen Geistesgeschichte.
       
 (IMG) Bild: Das Benjamin-Memorial des Künstlers Dani Karavan am Friedhof von Portbou wurde 1994 eröffnet
       
       Es gilt ein Buch vorzustellen, das auf lange Zeit seinesgleichen suchen
       wird. „Philosophie“, so hat es einmal Hegel geschrieben, „ist ihre Zeit, in
       Gedanken gefasst“ – ein Umstand, dem zwar so sein mag, dem aber die meisten
       PhilosophInnen immer weniger gerecht werden. Anders Wolfram Eilenberger,
       ehemaliger Chefredakteur des Philosophie Magazins und Ballsportler, dessen
       soeben erschienenes Buch „Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der
       Philosophie 1919–1929“ diesem Anspruch gerecht wird wie kaum ein
       geistesgeschichtliches Werk, wie kein Text der intellectual history.
       
       Der Autor wusste genau, warum er vor Erscheinen seines Buches in einer
       großen deutschen Wochenzeitung die akademische Philosophie in geradezu
       maßlosem Ton angriff. „Was“, so Eilenberger in der Zeit vom 1. März, in
       akademischen, fachphilosophischen Journalen „abgehandelt wird, interessiert
       keinen Menschen (…) ja, es interessiert nicht einmal die Verfasser(innen)
       selbst, die in den potenziell kreativsten Phasen ihrer Denkbiografie
       gehalten werden (…) zu vorgestanzten Fragen in vorgestanzter Sprache in das
       absolute Nichts hineinzuproduzieren.“
       
       Eilenbergers spannend geschriebener Ideenroman jedoch schildert Leben und
       Begegnungen von vier zwischen 1874 und 1889 geborenen Männern, die in den
       Jahren zwischen 1919 und 1929 einander zur Kenntnis nahmen, partiell in
       Kontakt kamen und sich auch bekämpften – es geht um Leben und Denken von
       vier Philosophen.
       
       Aber was ist Philosophie – jedenfalls aus der Perspektive jener, die sie
       tatsächlich betreiben und nicht nur beobachten? Philosophie war und ist
       zunächst der Versuch, eine Antwort auf die Frage zu finden, was, so
       Immanuel Kant, der Mensch sei oder – mit Blick auf das eigene Leben – was
       es überhaupt heißen kann, ein sinnvolles, ein gutes, vielleicht sogar ein
       gelungenes Leben zu führen.
       
       ## Heidegger und Wittgenstein
       
       Die 1889 geborenen Philosophen Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein
       gelten gemeinhin als Antipoden: Während jener auf die angstgetriebene
       Grundlosigkeit der menschlichen Existenz hinweisen wollte, ging es diesem
       „nur“ um die Frage, was überhaupt sinnvolle Sätze sein können.
       
       Wurde Heidegger zum Begründer der Existenzphilosophie, so wurde und wird
       Wittgenstein als Begründer der sich wissenschaftlich gerierenden
       analytischen Philosophie missverstanden – und war dabei doch nur ein
       verstörter Einzelgänger, der, anders als Heidegger, gerade keine
       akademische Karriere machen wollte, sondern sich als prügelnder
       Volksschullehrer durchschlug.
       
       Indem Eilenberger den Denkentwürfen der beiden gleichaltrigen Männer in
       ihren biografischen Kontexten nachgeht – eines aufstrebenden katholischen
       Kleinbürgers hier und eines seine Klasse verratenden Wiener Großbürgersohns
       dort –, zeigt sich das Bild einer Epoche, die der unseren verblüffend
       ähnelt: „Auch die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts begreifen sich“, so
       Eilenberger, (…) als eine Dekade nie da gewesener, weltverändernder
       Innovationen (…) Man bezeugt die Geburt des globalen
       Kommunikationszeitalters aus dem Geiste einer sich als rasend ankündigenden
       technischen Innovation. Bis in unser heutiges Zeitalter.“
       
       ## Radikal oder vernünftig
       
       Das schlug sich auch im Leben zweier Abkömmlinge des deutschjüdischen
       Bürgertums nieder, nämlich des 1874 geborenen Ernst Cassirer und des 1892
       geborenen Walter Benjamin, der 1940 auf der Flucht vor den
       Nationalsozialisten im spanischen Port Bou Suizid beging. Walter Benjamins
       Lebenslauf ist geprägt von wechselnden erotischen Beziehungen, Drogen und
       seiner politischen Haltung „Immer radikal, niemals konsequent“ und
       verkörpert gleichsam, so Eilenberger pointiert, die Krise der Weimarer
       Republik in einer Person.
       
       Ernst Cassirer wiederum, der sich 1929 in Davos, im Gebirge Graubündens,
       mit Martin Heidegger einen berühmten Disput liefern sollte, lebte als
       Inbegriff der Vernunft. Er stellte sich die Frage nach dem Sinn des Lebens
       nicht direkt, sondern in der Nachfolge Kants so, dass er wissen wollte, mit
       welchen Mitteln, also symbolischen Formen menschliches Leben seinen
       Ausdruck fand und findet. Cassirer nahm mithin keine radikale Teilnehmer-,
       sondern eine Beobachterperspektive ein.
       
       Genau das ermöglichte es ihm, zum Inbegriff politischer Vernunft in Zeiten
       der Verwirrung und des Niedergangs zu werden: Cassirer „ist“, so
       Eilenberger, „strahlkräftiges Symbol einer liberalen, republikanischen
       Haltung, die unter den deutschen Geistesgrößen der damaligen Zeit durchaus
       nicht selbstverständlich ist. Nicht zuletzt ist er (…) als weltweit
       geachtete Autorität in Bezug auf die Werke Kants wie Goethes eine der
       Galionsfiguren eines deutsch-jüdischen Patriotismus.“ Seinem letzten Werk,
       er publizierte es nach seiner Emigration in die USA 1946, gab er den Titel
       „The Myth of the State“ („Mythos des Staates“).
       
       ## Zu Hitler bekennen oder über die Zukunft grübeln
       
       Sechzehn Jahre früher standen sich der sportliche, jugendbewegte Heidegger
       und der kränkelnde Großbürger Cassirer in den Graubündner Alpen
       verständnislos gegenüber; 1933 bekannte sich der schon 1929 antisemitisch
       gestimmte Heidegger emphatisch zu Hitler, während Walter Benjamin, der
       Heideggers Arbeiten durchaus zur Kenntnis genommen hatte, auf Ibiza weilte
       und über seine Zukunft grübelte.
       
       Ludwig Wittgenstein, genialer Denker und gescheiterter, prügelnder Lehrer,
       philosophierte in Cambridge bewundert, aber an der Armutsgrenze, während
       dem Juden Ernst Cassirer 1933 der Lehrstuhl entzogen wurde.
       
       1924 publizierte Thomas Mann seinen in einem Davoser Sanatorium spielenden
       Roman „Der Zauberberg“, einen Bildungsroman, in dem sich der liberale,
       humane Settembrini und der fanatisch radikale Naphta erbitterte Kämpfe um
       Zustimmung und Zuneigung des Bürgersöhnchens Hans Castorp liefern. Wolfram
       Eilenbergers „Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie
       1919–1929“ versetzt uns Leserinnen und Leser in die Rolle Hans Castorps.
       
       Atemlos gespannt und immer wieder zum Nach-Denken angeregt, werden wir
       Zeugen eines Dramas, das uns wie ein Krimi fesselt und zum Verständnis
       unserer Gegenwart mehr beiträgt als so manche soziologische Studie.
       
       17 Mar 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Micha Brumlik
       
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