# taz.de -- Kindesmissbrauch in Institutionen: Aus dem Leben gekippt
       
       > Magnus Meier und Koljar Wlazik wurden als Kinder von ihren Lehrern
       > missbraucht. Heute kämpfen sie um Entschädigung. Kann es die geben?
       
 (IMG) Bild: Die ehemalige Vorschule der Domspatzen in Pielenhofen. Dort wurden jahrelang Kinder misshandelt
       
       Pielenhofen/Kerpen taz | Magnus Meier ist stets in Kampfstellung, auch
       jetzt am Regensburger Hauptbahnhof, an der Bushaltestelle der Linie 12.
       Gesenkte Stirn, der Nacken fest, die Augen immer in Bewegung. Diese
       Busfahrt ist für Meier keine leichte: Die Linie 12 bringt den 45-Jährigen
       zurück an den Ort, der ihn für immer geschädigt hat.
       
       Meier, ein großer, massiger Mann mit blond gelocktem Haar, fummelt seinen
       Behindertenausweis aus der Klarsichthülle, auf dem die Zahl 50 vermerkt
       ist. Ab einem Behinderungsgrad von 50 Prozent gelten Menschen als
       schwerbehindert und dürfen umsonst fahren, mit einer Begleitperson. Er
       dreht und wendet das Dokument – darf er wirklich? Weiß der Busfahrer das
       auch? Braucht er da noch eine extra Wertmarke? –, steckt den Ausweis dann
       wieder weg und zückt seine Geldbörse. „Wissen Sie was“, sagt er müde, „wir
       zahlen einfach beide, ich hab keine Lust, immer um jede Kleinigkeit zu
       kämpfen.“
       
       Magnus Meier war Anfang der 1980er Vorschüler der Regensburger Domspatzen,
       des weltberühmten katholischen Jungenchors. Als Zehnjähriger kam der
       Oberpfälzer ins Domspatzen-Internat nach Pielenhofen bei Regensburg, wo
       insgesamt 80 Schüler im Alter von zehn bis zwölf auf eine Karriere als
       Sängerknaben vorbereitet werden sollten.
       
       „Das war keine Schule, sondern die Hölle. Ein Kinder-KZ“, sagt Meier. Der
       sadistisch und pädophil veranlagte Präfekt Johann Meier, ein ehemaliger
       Wehrmachtsoffizier, quälte die Kinder mit militärischem Drill,
       Prügelritualen und sexueller Gewalt, die bis zur Vergewaltigung ging. Die
       Kinder waren im System gefangen, hatten kaum Kontakt zur Außenwelt, unter
       den Schülern herrschte eine brutale Hackordnung. „Wir waren verroht wie die
       Tiere“, sagt Magnus Meier.
       
       Von 1945 bis in die 1990er Jahre haben laut einem von der katholischen
       Kirche beauftragten Sonderermittler mindestens 547 Schüler bei den
       Domspatzen sexuelle und körperliche Gewalt erlebt. Als mutmaßliche Täter
       wurden bislang 49 Personen ermittelt. Besonders in der Vorschule seien die
       Übergriffe „umfassend“ gewesen.
       
       ## Was heißt Gerechtigkeit?
       
       Magnus Meier verbrachte zwei Jahre an diesem Ort. Zwei Jahre voller
       Schläge, Angst und sexueller Übergriffe, die das Kind zum Opfer, den
       späteren Erwachsenen zum Kämpfer in eigener Sache machten.
       „Wiedergutmachung kann es für einen wie mich nicht geben“, sagt er und
       deutet auf den Behindertenausweis. „Aber Gerechtigkeit darf ich doch wohl
       erwarten.“
       
       Was heißt Gerechtigkeit, nicht nur für Magnus Meier, sondern die vielen
       anderen, die in der Kindheit sexuelle Gewalt erfahren mussten? Weil die
       Gesellschaft sie sicher wähnte in Schulen, kirchlichen Internaten oder dem
       Sportverein. Was heißt Gerechtigkeit, wenn ein Mann wie der
       „Prügel-Präfekt“ Johann Meier in Ehren in den Ruhestand verabschiedet wird,
       vom Bruder des Ex-Papstes gewürdigt für seine „selbstlose Tätigkeit“ –
       während die geschundenen Kinder von damals darum ringen, dass man sie hört
       und ihnen glaubt? Was ist das für eine Gesellschaft, in der man sein
       Opferdasein immer wieder schmerzhaft nachweisen muss?
       
       Gerechtigkeit, für Magnus Meier heißt das vor allem: gesehen werden. Er
       will, dass sich der Staat und die Gesellschaft mit ihm als Überlebendem
       beschäftigen.
       
       Das Dorf Pielenhofen ist ein postkartenschönes Fleckchen Oberpfalz. Am Ufer
       der Naab steht das barocke Kloster mit Zwiebeltürmchen, Klostergarten und
       Kapelle. Meier wird immer kurzatmiger, je näher er der Anlage kommt. Die
       ehemals verranzte Klosterschänke, in der sich der Präfekt abends betrank,
       bevor er in die Schlafsäle der Jungen ging, ist heute hübsch saniert. Seit
       2013 beherbergt das Gebäude eine private Schule, die mit den Domspatzen
       nichts zu tun hat.
       
       ## „Ich erinnere mich noch an ihre Handcreme“
       
       „Drinnen aber sieht es noch aus wie früher“, sagt Meier, als er die breiten
       Treppen hinaufsteigt. Vor dem dunkel getäfelten Direktorenzimmer, in das
       der Präfekt zur gefürchteten Einzelsprechstunde rief, bleibt Meier stehen
       und starrt auf die bräunliche Blümchentapete: „Wenn ich das Muster sehe,
       könnte ich kotzen“, sagt er und geht schnell weiter, vorbei am kleinen
       Schwesternzimmer, in dem die Kinder manchmal Trost und Zusatzrationen zum
       kargen Essen bekamen. Die Schwestern, das seien die Guten gewesen. Der
       Klavierraum am Ende des Gangs mit den großen Fenstern zum Fluss – ein Ort
       der Angst. „Wir hatten alles, super Konzertflügel, die beste Akustik –
       leider war das Personal scheiße.“ Meier lacht bitter.
       
       Aufgewühlt erzählt er von der besonders sadistischen Klavierlehrerin. Sie
       schlug die Kinder mit ihren schweren Siegelringen auf den nackten Hintern,
       bis Blut floss. Und „tröstete“ sie dann mit Küssen und Fummeleien. „Ich
       erinnere mich immer noch an ihre Handcreme.“ Meiers Augen sind wässrig, er
       schwitzt, doch er will noch ganz hinauf unters Dach, wo die Schlafkammern
       waren. Zwei Zimmer mit Dachschräge für je vier Kinder. Die Spinde auf dem
       Gang, der Waschraum mit dem langen Becken – alles noch original. Meier
       lehnt sich an die gekachelte Wand. „Es ist alles wieder da, hier drin“, er
       klopft auf seine Stirn. „Und es geht nicht weg.“
       
       Wer in seiner Kindheit sexuell missbraucht wurde, ist oft fürs Leben
       gezeichnet. Die Spätfolgen des Traumas wirken bis ins Erwachsenenalter
       fort, manchmal treten sie erst dann zutage. Betroffene können wie aus dem
       Nichts eine posttraumatische Störung entwickeln oder sie leiden an
       Folgesymptomen wie Sucht, Angststörungen, Depression. Experten schätzen,
       dass es sieben bis acht Millionen Deutschen so geht. Sie sind Überlebende.
       Für das, was ihnen von Erwachsenen angetan wurde, können sie nichts.
       
       „Eigentlich hat der Staat eine Verantwortung für das Kindeswohl – auch
       rückwirkend“, sagt Angelika Oetken am Telefon. „Leider wird das in der
       Praxis aber nicht so gehandhabt.“ Die Berlinerin hat als Kind sexuelle
       Gewalt in der Familie erfahren und berät jetzt ehrenamtlich Betroffene. In
       der Clearingstelle des Fonds Sexueller Missbrauch hat Oetken bisher
       ungefähr 550 Anträge gesichtet. Ihr Fazit: „Wer in Deutschland als Opfer
       sexueller Gewalt zu seinem Recht kommen will, braucht leider gute Nerven
       und viel Glück.“
       
       Hilfe und Unterstützung zu finden, das ist für Betroffene ein mühsamer und
       oft langwieriger Prozess. Unklare Anlaufstellen, große bürokratische
       Hürden, eine komplizierte Beweislage – wie soll man das schaffen, wenn es
       einem nicht gut geht?
       
       ## Drei Wege zur Gerechtigkeit
       
       Magnus Meier hat auf der Busfahrt nach Pielenhofen die Institutionen
       aufgezählt, mit denen er in den letzten Jahren gekämpft hat. Das Bistum und
       die Diözese Regensburg: gewonnen, sie zahlten. Das bayerische
       Landesversorgungsamt, das Ansprüche auf Kassenleistungen prüft: verloren,
       Meier zeigt einen Widerspruchsbescheid, das Ergebnis eines Monate währenden
       Streits. Das Amt findet: Die Krankenkasse muss Meier keine Bäderkur an der
       Ostsee bezahlen, eine ambulante Therapie „mit Verbleib im bisherigen
       sozialen Umfeld“ sei ausreichend. „Was wissen die von meinem sozialen
       Umfeld?“, fragt Meier. Die Kasse sei einfach zu geizig, deshalb einen
       kranken Versicherten zu terrorisieren, das findet er schäbig. Jetzt will er
       vor Gericht. Weiterkämpfen.
       
       Menschen, die sexuell missbraucht wurden, stehen in Deutschland drei Wege
       zur Gerechtigkeit offen. Die erste Möglichkeit: vor Gericht klagen, um eine
       Strafe für den Täter und eine Entschädigungszahlung für sich selbst zu
       erwirken. Doch die Hürden sind hoch, die Erfolgsaussichten zweifelhaft.
       Weit zurückliegende Taten sind oft verjährt und schwer zu beweisen, die
       Täter sind unter Umständen schon tot. Zudem kann die direkte Konfrontation
       im Gerichtssaal belastend sein. Nur wenige tun sich das an.
       
       Der zweite Weg ist, eine Zahlung durch die Institution einzufordern, in der
       der Missbrauch stattgefunden hat. Die katholische und evangelische Kirche
       und andere Organisationen haben dafür spezielle Fonds. Bei der Deutschen
       Bischofskonferenz sind bislang 1.750 Anträge auf materielle Anerkennung
       erlittenen Leids eingegangen und bearbeitet worden. Dass es solche
       Zahlungen überhaupt gibt, ist vor allem Betroffenen zu verdanken, die
       jahrelang gegen Vertuschung und Unwillen angekämpft haben. Initiativen wie
       der „Eckige Tisch“ sorgten dafür, dass das Thema Entschädigung in der
       Öffentlichkeit blieb und zwangen die Kirchen zur Kooperation.
       
       Magnus Meier hatte es dann vergleichsweise leicht, als er 2011, mit
       Unterstützung eines Anwalts, ein Formular ausfüllte, 2.500 Euro bekam und
       später noch einmal 12.500 Euro, dazu ein Entschuldigungsschreiben des
       amtierenden Bischofs. 15.000 Euro, das ist viel Geld, deutlich mehr als die
       von der Deutschen Bischofskonferenz ausgegebene Empfehlung von 5.000 Euro
       pro Opfer. Reicht es aus, um für die Tat und das daraus entstandene Leid zu
       entschädigen?
       
       „Um Entschädigung oder Schmerzensgeld im juristischen Sinne geht es hier
       nicht“, sagt Angelika Oetken. „Das deutsche Recht sieht keine
       institutionelle Haftung für Schäden vor, die durch Missbrauchskriminalität
       entstanden sind.“ Deshalb verwendeten die verantwortlichen Organisationen
       den Begriff nicht, und sprächen lieber von „Anerkennungszahlungen“. Doch
       wer oder was soll hier anerkannt werden? Erkennt die katholische Kirche
       ihre moralische Schuld am Leid an, das Kindern wie Magnus Meier zugefügt
       wurde? Oder soll Meier sich von der Gesellschaft anerkannt fühlen in seinem
       Leiden, wie ein Kriegsveteran?
       
       ## Wie lassen sich Übergriffe in der Kindheit beweisen?
       
       Für Meier sind das Spitzfindigkeiten. Er will einfach so wenige Hürden wie
       möglich in den Weg gelegt bekommen. Was das angeht, ist er zufrieden mit
       der Kirche, die sich „ordentlich verhalten“ habe – wenigstens heute.
       
       Die Betroffenenvertreterin Oetken findet, die Anerkennungszahlungen sind
       ein „doppeltes Spiel zur Täuschung der Öffentlichkeit“. Durch Vermeidung
       des Begriffs „Entschädigung“ entstünde der Eindruck, die freiwilligen
       Zahlungen der Täterorganisationen seien alles, was den Opfern sexueller
       Gewalt zustünde. Dabei haben sie sehr wohl das Recht auf „echte“
       Entschädigung – nach dem Opferentschädigungsgesetz. Die 1985 in Kraft
       getretene Regelung bietet Menschen, die irgendeine Form von Gewalt erfahren
       haben, Entschädigung. Für bleibende körperliche Einschränkungen, aber auch
       für entgangene Chancen im Leben: Berufsabschlüsse, ein Leben ohne
       Traumafolgen.
       
       Allerdings stellt dieser dritte Weg für Betroffene eine riesige Hürde dar,
       oft eine unüberwindbare. Wer einen Antrag stellt, muss seine Verletzungen
       dokumentieren, Folgeschädigungen nachweisen und bestenfalls einen Zeugen
       beibringen. Bei sexuellen Übergriffen, die in der Kindheit passiert sind,
       ist der Beweis quasi unmöglich.
       
       Koljar Wlazik hofft, dass er bald so weit ist, zu kämpfen. Seit vielen
       Jahren ist der 50-Jährige vor allem mit Überleben beschäftigt. Als Junge
       wurde Wlazik von seinem Lehrer an der staatlichen
       Elly-Heuss-Knapp-Grundschule in Darmstadt missbraucht, genauso wie mehr als
       hundert andere Schüler. Erst 2005, rund dreißig Jahre später, kam der Täter
       vor Gericht. Davor ignorierten Eltern, Kollegen und die zuständigen
       Schulbehörden immer wieder Hinweise auf serielle sexuelle Gewalt.
       
       ## Ein Artikel in der taz löste das Trauma aus
       
       Andere Betroffene aus seiner Grundschule streiten seit Jahren mit Hilfe von
       Anwälten und der Presse um Anerkennung, Geld und Informationen. Koljar
       Wlazik wusste lange gar nicht, dass auch er missbraucht wurde. 2015 las er
       einen [1][Artikel in der taz] und sah ein Foto vom Schlafzimmer des Täters.
       Es löste das Trauma in ihm aus: Flashbacks, Panikattacken, Schlafstörungen,
       Depression. Der Lkw-Fahrer und Familienvater war plötzlich nervlich am
       Ende.
       
       „Da denkst du, du stehst mitten im Leben. Und dann zack! – arbeitsunfähig
       und arbeitslos.“ Wlazik streicht sich übers kurze Haar, haut dann mit der
       Handfläche auf den hölzernen Küchentisch in seinem Reihenhaus in Kerpen, in
       der Nähe von Köln. Draußen ist alles wohlgeordnet, drinnen sind die Möbel
       bunt zusammengewürfelt. Neben Wlazik sitzt seine Frau Andrea, in ihrem Arm
       eine Katze, auf dem Tisch Tee und Apfelkuchen.
       
       Wlazik bekam von seinem Chef eine Abfindung, das Land Hessen zahlte ihm und
       34 anderen Betroffenen je 10.000 Euro. Wlazik hat zwei Kinder und einen
       Hauskredit abzuzahlen. Der Familie ging schnell das Geld aus, niemand half
       im Ringen mit Versicherungen, Krankenkassen und Behörden. Auf dem Höhepunkt
       seiner Verzweiflung drohte Koljar Wlazik einer Sachbearbeiterin, sich vor
       dem Arbeitsamt anzuketten, weil es so lange dauerte, bis es zahlte. „Ich
       fühlte mich wie aus dem Leben gekippt“, sagt er über diese Zeit. „Wir
       hatten schon Kontakt zu unseren Freunden im Hambacher Forst aufgenommen,
       die wissen, wie man sich professionell ankettet“, sagt Andrea Wlazik und
       lacht kurz.
       
       Ihren Mann beschreibt sie als harmoniebedürftigen, robusten Menschen – oder
       zumindest sei er das früher gewesen. Das Trauma habe ihn verletzlich und
       hilflos gemacht. „Betroffene kriegen zu wenig praktische Unterstützung“,
       sagt sie. „Man speist sie mit Geld ab, aber lässt sie mit ihren Problemen
       in der Luft hängen.“ Therapien beantragen, mit dem Chef kämpfen, das
       Weiterleben managen? Die Wlaziks wussten nicht, an wen sie sich wenden
       sollten.
       
       ## Will der Staat Opfer mit Bürokratie abwimmeln?
       
       Vorerst können sie ihr Haus behalten. Koljar Wlazik macht eine Umschulung
       zum Schreiner, in einer Einrichtung für psychisch Kranke. Bald, wenn er
       wieder in einer Traumaklinik ist, kann ihm eine Sozialarbeiterin vielleicht
       dabei helfen, den Antrag auf Opferentschädigung zu stellen. Einmal hat er
       das schon versucht und bei der örtlichen Filiale des Weißen Rings um Hilfe
       gebeten, ein Verein, der Gewaltopfern hilft. Nachdem niemand zurückgerufen
       hatte, fehlte Wlazik die Kraft für einen weiteren Anlauf.
       
       Eine Ausgleichszahlung für den Lohn, der ihm entgangen ist, stehe ihm zu,
       sagt er. Letztlich sei der Staat schuld, dass Wlazik in dieser Situation
       sei: Hätten die Schul- und Strafverfolgungsbehörden jenen pädophilen Lehrer
       nicht jahrzehntelang unbehelligt gelassen – „dann wäre mir das nicht
       passiert und ich könnte jetzt ein normales Leben führen“.
       
       Entgangenen Lebenschancen nachtrauern – manchmal erlaubt sich Wlazik das.
       Aber eigentlich will er sich nicht von negativen Gefühlen leiten lassen.
       „Ich habe entschieden, mich dem Hass nicht hinzugeben“, sagt er. „Aber
       dieser Antrag, ich glaube, das wird ein ziemlicher Kampf.“
       
       Da ist es wieder, das Wort Kampf, das auch Magnus Meier so oft benutzt.
       Warum müssen Menschen, die in ihrer Kindheit missbraucht wurden, eigentlich
       so viel kämpfen? Wo es doch inzwischen genug Informationen über die
       Mechanismen sexueller Gewalt, ihr Vorkommen, ihre Folgen gibt? Warum
       versucht der Staat, diese Menschen mit Bürokratie abzuwehren und behandelt
       sie nicht wie Bürger mit legitimen Ansprüchen?
       
       ## „Das Opferentschädigungsgesetz ist eine Zumutung“
       
       Johannes-Wilhelm Rörig ist seit 2011 so etwas wie der oberste
       Interessenvertreter der Betroffenen. Der „Unabhängige Beauftragte für
       Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“, so sein etwas sperriger Titel, hat
       sein Büro unweit des Berliner Hauptbahnhofs. Das nüchterne Arbeitszimmer,
       aufgelockert durch gelbes Mobiliar, passt zu diesem Mann, der am
       Schreibtisch sitzend die Korrektheit eines Beamten ausstrahlt, aber auch
       etwas Warmes, Verbindliches.
       
       Eingerichtet wurde das Amt des Unabhängigen Beauftragten 2010, als die
       vielen Fälle von Kindesmissbrauch in kirchlichen Einrichtungen,
       Landschulheimen wie der Odenwaldschule und Kinderheimen bekannt wurden.
       Rörig kennt die Bedürfnisse der Opfer gut. Er sagt: „Für diese Menschen ist
       unser bestehendes Hilfesystem überhaupt nicht geeignet. Besonders das
       Opferentschädigungsgesetz ist eine Zumutung.“ Das größte Problem sei es,
       eine Kausalität zwischen dem Erlebten und dem heutigen Gesundheitszustand
       nachzuweisen.
       
       Wie soll man auch beweisen, dass die Depression oder der Alkoholismus
       Folgeerscheinungen von genau diesen Kindheitserlebnissen sind? 60 Prozent
       aller Antragsteller, schätzt Rörig, schaffen das nicht. Die übrigen müssen
       peinliche Befragungen durch Amtsärzte erdulden, die oft unerfahren sind im
       Umgang mit Opfern sexueller Gewalt. Es drohe eine Retraumatisierung: Dass
       ihnen die Übergriffe nicht geglaubt werden, ist eine erneute
       Ohnmachtserfahrung.
       
       Rörig kämpft dafür, dass die Prüfer in den Versorgungsämtern entsprechend
       geschult werden und die Nachweispflicht gelockert wird. Außerdem müssten
       die Verfahren beschleunigt werden, weil sie labile Menschen sonst an den
       Rand der Verzweiflung trieben.Politische Unterstützung hat Rörig bislang
       wenig bekommen – trotz vieler Bekenntnisse von Union und SPD. „Es gab in
       den letzten vier Jahren einen regelrechten Unwillen in der Großen
       Koalition, irgendwas zu ändern“, sagt er. Unter Andrea Nahles als
       Sozialministerin sei das Thema zum „Ladenhüter“ verkommen. Es wurde immer
       wieder betont, wie wichtig eine Reform des Opferentschädigungsgesetzes sei,
       wichtig genug, um sie auch durchzuziehen, war sie offenbar nicht. Rörig
       setzt nun Hoffnungen in die kommende Regierung: „Wer auch immer
       Arbeitsminister wird, hat mich sofort an der Backe. Und ich bin
       hartnäckig!“
       
       ## „Wir sollen das Geld nehmen und die Schnauze halten“
       
       Auch Magnus Meier ist hartnäckig. Er hat es vor vier Jahren geschafft, den
       Antrag auf Opferentschädigung auszufüllen. Der nächste Schritt war eine
       ärztliche Untersuchung: Fünf Stunden lang hat ihn ein Amtsarzt in einem
       abgedunkelten Raum geprüft und bis ins letzte Detail befragt. Völlig
       unempathisch sei der Arzt gewesen, sagt Meier, und habe erst von ihm
       abgelassen, als Meier weinend zusammenbrach. Der Arzt bescheinigte Meier
       einen Schädigungsgrad von 50 Prozent, genug für einen
       Schwerbehindertenausweis und einen Berufsschadensausgleich von 800 Euro im
       Monat, zusätzlich zur Grundrente von 255 Euro. Also Schlacht gewonnen?
       
       Meier ist nicht zufrieden, er will mehr. Man hat ihn als gelernten
       Elektriker eingestuft, weil er in dem Beruf zuletzt gearbeitet hatte, dabei
       hätte er vielleicht studiert – wären da nicht die gesundheitlichen Folgen
       der Misshandlung. Jetzt will er klagen, um höher eingestuft zu werden. Sein
       Anwalt aber sei zögerlich, sagt Meier und vermutet: „Der ist müde
       geworden.“
       
       „Viele Opfer sind anfangs erstaunlich geduldig“, sagt die
       Betroffenenvertreterin Angelika Oetken. Aber nach langwierigen
       Verhandlungen mit Behörden fühlten sie sich ins Unrecht gesetzt. Dieses
       Gefühl verfestige sich irgendwann zu einer Grundeinstellung – und die
       Betroffenen verstrickten sich in aussichtslosen Kleinkriegen. „Manche
       stehen sich selbst im Weg.“ Betroffene brauchen natürlich Geld, sagt
       Angelika Oetken. „Es ist Heuchelei, wenn immer so getan wird, als käme es
       nicht aufs Geld an. Viele brauchen das zum Überleben.“ Aber mindestens
       genauso wichtig sei ein einfaches menschliches Signal: „Dir geht es nicht
       gut, wir sehen das und helfen dir.“ Das fehle in unserer Gesellschaft.
       
       Koljar Wlazik drückt es so aus: „Dass meine Existenz gesichert ist, das ist
       das Mindeste. Aber ich will auch, dass die Scheiße, die mir passiert ist,
       nicht ganz umsonst passiert ist. Dass die Gesellschaft etwas lernt daraus.“
       
       Wlazik und andere missbrauchte Schüler der Elly-Heuss-Knapp-Grundschule in
       Darmstadt wollen, dass ihre Geschichte auf der Homepage der Schule
       öffentlich gemacht wird. Sie wollen die Schulräume zur Traumabewältigung
       nachmittags betreten dürfen. Und sie wollen mit Behörden, Lehrern und
       Schülern von heute reden. Darüber, wie man Schule gestalten kann, dass sie
       Kindern Schutz bietet.
       
       „Überall wimmelt man uns ab, wir sollen das Geld nehmen und die Schnauze
       halten“, sagt Koljar Wlazik und klingt genauso bitter wie Magnus Meier, der
       sagt: „Die Gesellschaft will von unserem Leiden möglichst wenig hören – und
       schon gar nichts lernen. Man tut lieber, als könnte so etwas heutzutage
       nicht mehr passieren.“
       
       10 Jan 2018
       
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 (DIR) ZDF-Doku über Kindesmissbrauch: Sei doch mal ein liebes Kind
       
       Die ZDF-Doku „Das dunkle Geheimnis“ widmet sich dem Versagen des Systems
       Familie, der Keimzelle des sexuellen Missbrauchs.
       
 (DIR) Kinderschutzbundchef über Missbrauch: „Man muss auch das Kind befragen“
       
       Im Breisgau hatte eine Mutter gemeinsam mit ihrem Partner ihren Sohn zum
       Missbrauch angeboten. Der Chef des Kinderschutzbundes über
       Behördenversagen.
       
 (DIR) Zwischenbericht zu sexueller Gewalt: Glaubt uns einfach
       
       Die Anfragen sind groß, die Kapazitäten gering: Die Kommission zur
       Aufarbeitung des Kindesmissbrauchs gerät an ihre Grenzen.
       
 (DIR) Kindesmissbrauch in der Familie: Gewalt, die tut, als wäre sie Liebe
       
       Erste Anhörung der Kommission zur Aufarbeitung von familiärem
       Kindesmissbrauch: Zwei Frauen erzählen ihre Geschichte.
       
 (DIR) Sexuelle Gewalt an Kindern: Missbrauch noch immer alltäglich
       
       In Vereinen, Heimen, Familien, in der Kirche: Sexuelle Gewalt an Kindern
       gibt es überall. Prävention, sagen Experten, beginnt mit Aufarbeitung.
       
 (DIR) Sexuelle Gewalt gegen Kinder: Klägliche Bilanz
       
       Längere Verjährungsfristen, Therapieangebote, Opferentschädigung, ein
       Hilfsfonds – der runde Tisch hatte eine Menge vor. Viel passiert ist nicht.
       
 (DIR) Debatte Sexualstrafopfer: Bestrafen und heucheln
       
       Gerechtigkeit durch harte Strafen: In Sexualdelikten steht meist der Täter
       im Mittelpunkt, das Opfer jedoch kommt oft zu kurz.