# taz.de -- Probleme an Berliner Polizeiakademie: „Basecap schief auf dem Kopf“
       
       > Azubis mit Migrationshintergrund seien nicht das Problem, sagt Vizechef
       > Boris Meckelburg. Vielen älteren Kollegen sei diese Veränderung aber
       > fremd.
       
 (IMG) Bild: „Beim dem jüngsten Jahrgang beträgt der Anteil mit Migrationshintergrund 45 Prozent“: Absolventen der Polizeischule bei der Vereidigung
       
       taz: Herr Meckelburg, kürzlich war in den Medien von gravierenden Problemen
       mit Polizeischülern aus Zuwandererfamilien zu lesen. Die Behauptungen
       stützten sich weitestgehend auf anonyme Quellen. Wie ist die Stimmung an
       der Polizeiakademie heute? 
       
       Boris Meckelburg: Es wird ruhiger, aber die Berichterstattung war schon
       ziemlich schädlich für uns. Von den Vorwürfen hat sich ja kaum etwas
       bewahrheitet. Aus der Klasse, mit der die ganze Diskussion losging, haben
       mich Schüler mit Migrationshintergrund gefragt, ob sie hier denn noch
       willkommen seien.
       
       Polizeischülern mit Migrationshintergrund war unter anderem unterstellt
       worden, keine Disziplin zu haben und die Teilnahme am gemischten
       Schwimmunterricht zu verweigern. Alles nicht wahr?
       
       Vor zwei Jahren gab es einmal einen Fall, als ein Schüler meinte, während
       des Ramadan könne er nicht am Schwimmunterricht teilnehmen. Wenn er dann
       Wasser schlucke, verstoße das gegen seine Religion. Muslimische Kollegen
       haben dem jungen Mann erklärt, dass er dennoch am Schwimmen teilnehmen
       kann.
       
       Was fällt Ihnen zum Stichwort Disziplinlosigkeit ein? 
       
       Zuspätkommen. Bei den Jüngeren kommt es öfter vor, dass sie erst in der
       zweieinhalbjährigen Ausbildung lernen, pünktlich zu sein. Aber das hat
       nichts damit zu tun, ob jemand einen Migrationshintergrund hat oder nicht.
       
       Was war eigentlich der genaue Auslöser für die ganze Debatte? 
       
       Ein Kollege vom Einsatztraining, der im Oktober in der Schule zum ersten
       Mal eine Klasse mit Auszubildenden in Erster Hilfe unterrichtete, hat eine
       Sprachnachricht verfasst, in der er ziemlich drastisch seine Einschätzung
       der Unterrichtssituation kundtat. Die Situation hatte ihn anscheinend
       überfordert.
       
       Die Schülerinnen und Schüler der Klasse H17 Berta waren am 1. September
       2017 frisch an der Akademie aufgenommen worden. Sie sind also noch sehr
       jung. Polizeipräsident Kandt und Vizepräsidentin Koppers haben mit dem
       Beamten später gesprochen. Was hat er erzählt? 
       
       Dass die Schüler unaufmerksam waren und er das von früher nicht so kennt.
       Ein Schüler hatte sein Basecap schief auf dem Kopf. Einer hatte eine Kapuze
       auf. Der Kollege hat die Klasse als frech empfunden, einige hätten komisch
       geguckt. Er fand das unangenehm und bedrohlich. Er habe sich an seine Zeit
       im Abschnitt 36 im Wedding zurückversetzt gefühlt, wo er viel mit jungen
       Menschen mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund zu tun hatte.
       
       Mit der Klasse wurde gesprochen. 
       
       Die Klasse hatte zunächst überhaupt nicht begriffen, dass sie mit den
       Vorwürfen in den Medien gemeint war. Auch der stellvertretende
       Klassenlehrer konnte sich das gerade bei dieser Klasse nicht vorstellen.
       
       Der Erste-Hilfe-Unterricht des Beamten war mit Übungen gekoppelt. Wie hat
       die H17 Berta das erlebt? 
       
       Schlechter Unterrichtsraum, eng, wenig Luft. Man saß im kleinen Kreis
       zusammen. Die Schüler fanden den Unterricht langweilig und die Lehrkraft
       eher schwierig. Einige hätten sich zurückgezogen, einer soll sogar
       eingeschlafen sein.
       
       Haben Sie für eine der beiden Seiten Partei ergriffen? 
       
       Nein, gar nicht. Ich versuche zu ergründen, woher das kommt. Wir haben sehr
       erfahrene Lehrkräfte, denen wäre das so wohl nicht passiert. Der Kollege
       war unerfahren und nicht als Lehrkraft ausgebildet. Er wusste nicht, was er
       tun sollte.
       
       Die Sprachnachricht kam an die Öffentlichkeit. Danach brach über die
       Akademie eine Lawine von Vorwürfen herein. Wie erklären Sie sich das? 
       
       Dafür gibt es zwei Anknüpfungspunkte. Manch ältere Kollegen kommen mit dem
       veränderten Erscheinungsbild der Schule nicht klar. Als ich hier vor 32
       Jahren …
       
       … also 1985 … 
       
       … in der Ausbildung war, waren die meisten Schüler blond oder braunhaarig,
       hatten eine helle Gesichtsfarbe und Sommersprossen. Wenn Kollegen aus
       dieser Zeit jetzt auf den Campus kommen, wundern sie sich über die große
       Zahl der Auszubildenden mit Migrationshintergrund. Beim dem jüngsten
       Jahrgang beträgt der Anteil mit Migrationshintergrund 45 Prozent. In der
       Pause hört man auf dem Campus auch mal Türkisch, Polnisch, Russisch oder
       Arabisch. Für meine Generation ist das fremd. Das haben mir auch Kollegen
       und Freunde bestätigt.
       
       Sie sagten, es gebe da noch eine Erklärung für die Welle der Kritik. 
       
       Sie betrifft das Ausbildungspersonal. Ohne Frage hat das eine schwere Zeit
       hinter sich. Zwischen 2003 und 2006 sind gar keine Auszubildenden an der
       Schule aufgenommen worden. Der Hintergrund war, dass das Abgeordnetenhaus
       1.000 Polizeistellen gestrichen hatte. Die Schule lief leer.
       
       Was machten die Lehrkräfte derweil? 
       
       Ein Teil kehrte in die Praxis zurück, der andere Teil blieb hier, in
       Erwartung neuer Auszubildender. 2006 kamen dann peu à peu wieder welche.
       Zunächst waren es nur 150. Das heißt, relativ viele Ausbilder kümmerten
       sich um wenige junge Menschen.
       
       Was heißt das konkret? 
       
       Alle Auszubildenden sind seinerzeit nach der Abschlussprüfung zuerst zu den
       Einsatzhundertschaften bei der Bereitschaftspolizei gegangen. Man hatte die
       Struktur der Hundertschaften in der Schule nachgebildet: Die Klassen waren
       in Züge und Gruppen aufgeteilt. Lehrkräfte waren ihnen als
       Hundertschafts-Zug- und Gruppenführer zur Seite gestellt. Knapp zehn Jahre
       war das so. Das war ausgesprochen personalintensiv.
       
       Wie war die Ausbildung inhaltlich ausgerichtet? 
       
       Die alte, zweieinhalbjährige Ausbildung verlief fast nur theoretisch, sieht
       man mal von Trainings wie Schießen und Unfallaufnahme ab. Zum Praktikum in
       die Dienststellen der Polizei sind die Schüler erst im letzten halben Jahr
       gegangen. Wir hatten viel zu viel Theorie, es gab viel zu wenig
       Praxiserfahrung. Auch im Vergleich zu anderen Bundesländern lag Berlin hier
       weit zurück. Dieses Modell haben wir dann im Zuge der Strukturreform, die
       am 1. Dezember 2016 in Kraft trat, aufgegeben.
       
       Was ist jetzt anders? 
       
       Der Anteil der Praktika wurde wesentlich erhöht, das heißt Theorie,
       Training und Praktikum erfolgen ab dem zweiten Semester in stetigem
       Wechsel. Um das möglich zu machen, haben wir den theoretischen Unterricht
       um bis zu 20 Prozent gekürzt – immer zugunsten der Praxis. Nur der
       Politikunterricht wurde nicht reduziert. Die Umstrukturierung war auch
       deshalb nötig, weil wir mit der alten personalintensiven
       Ausbildungsstruktur nicht in der Lage sind, die heutigen hohen
       Ausbildungszahlen zu stemmen.
       
       Wie haben die Lehrkräfte reagiert? 
       
       Die Umstellung ist vielen sehr schwergefallen. An der Akademie gibt es
       niemanden, der nicht betroffen ist von der Reform. Viele fühlen sich als
       Verlierer des Reformprozesses. Die Lehrverpflichtung hat sich allgemein
       erhöht. Zum Teil müssen die Lehrkräfte ein zweites Fach unterrichten. Die
       Hierarchieebenen, wie Hundertschafts- und Zugführer, sind weggefallen. Das
       Fach Politik wird künftig nur noch von examinierten, also studierten
       Lehrkräften unterrichtet.
       
       Was bedeutet das für die alten Politiklehrer? 
       
       Sie müssen sich umorientieren. Vollzugsbeamte, die bisher Politische
       Bildung unterrichtet haben, müssen in die Fortbildung oder in andere Fächer
       wechseln.
       
       Ein großer Prozentsatz Ihrer Lehrkräfte ist also höchst unzufrieden? 
       
       Ja, aber die Zahl wird kleiner. Bei einer so umfassenden Reform wird man
       nie alle gewinnen können. Bis September 2016 gab es zum Beispiel den
       Morgenappell an der Schule. Alle Auszubildenden mussten dafür um 7 Uhr
       antreten. Es wurde durchgezählt, es wurde geguckt, ob die Uniform richtig
       sitzt, dann ging man in die Klassen und machte seinen Unterricht. Um 16.30
       Uhr wurde abgetreten. Das waren liebgewordene Rituale. Ausbilder, die das
       30 Jahre gemacht haben, lassen sich von mir nicht überzeugen, dass das
       nicht mehr nötig ist.
       
       Könnte es sein, dass die massiven Vorwürfe aus der Ecke unzufriedener
       Lehrkräfte kommen? 
       
       Disziplinprobleme, die immer mal wieder auftreten, werden natürlich auch
       auf die Strukturveränderung zurückgeführt. Am 7. November, einen Tag bevor
       der Innenausschuss zum Thema Polizeiakademie getagt hat, habe ich auf einer
       Konferenz noch mal alle Lehrkräfte gefragt, ob es besondere Probleme mit
       Schülern mit Migrationshintergrund gibt. Die Kollegen haben das verneint,
       der Migrationshintergrund sei nicht das Problem.
       
       Aber? 
       
       Manche meinen, das Niveau der Bewerber habe nachgelassen, und durch die
       Strukturveränderung sei eine gewisse Bindung zu den Auszubildenden verloren
       gegangen. Zusammen mit den Fachlehrern und Ausbildern haben wir jetzt
       einige Ideen entwickelt, wie wir trotz der geänderten Struktur wieder
       dichter an die Auszubildenden herankommen können.
       
       Was ist geplant? 
       
       Es wäre zu früh, das jetzt schon öffentlich zu machen. Die Vorschläge sind
       Bestandteil des Berichts über die Polizeiakademie, den wir im Auftrag der
       Innensenators erstellt haben.
       
       29 Nov 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Plutonia Plarre
       
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