# taz.de -- Streit um die „Hitler-Glocke“: Der Führer in c-Moll
       
       > Eine Kirchenglocke mit Hakenkreuz und Hitlerwidmung läutet in Herxheim in
       > der Pfalz. Ein Problem? Aber nicht doch!
       
 (IMG) Bild: Wegfräsen könnte den Klang beeinträchtigen
       
       Herxheim taz | „Ich gebe keine Auskunft, das ist mir zu blöd!“ Der Winzer
       und Gemeinderat Edwin Bohnenstiel reagiert ärgerlich. Die Debatte um die
       „Hitlerglocke“ nervt ihn offenkundig. Seit 1934 läutet die Glocke vom
       eintausend Jahre alten Turm der St. Jakobskirche in Herxheim am Berge. Die
       Botschaft, die sie trägt, sorgt seit Monaten für Streit, weit über Herxheim
       hinaus.
       
       „Alles fürs Vaterland, Adolf Hitler“ steht in großen Bronzelettern auf der
       Glocke, darunter prangt ein fettes Hakenkreuz. „Wissen Sie, wie viele
       solcher Glocken in den Kirchen der Pfalz hängen?“, poltert Bohnenstiel am
       Telefon. Er sitzt für die Freien Wähler im Gemeinderat. „Mehr als hundert“,
       behauptet er, und empfiehlt der taz eine Recherche.
       
       Das Ergebnis straft ihn Lügen. Es gibt drei Hitlerglocken in Deutschland,
       nur eine hängt in einem Kirchturm der Pfalz, in Herxheim am Berge. Diese
       Erkenntnis stammt von der Glockensachverständigen der pfälzischen Kirchen,
       Birgit Müller. „Die ist in der Pfalz auf jeden Turm gestiegen und hat
       nachgeschaut“, versichert ein Sprecher der Landeskirche.
       
       Jetzt steht die Frage, ob man die Glocke abhängen sollte, auf der
       Tagesordnung des Gemeinderats. Nicht alle freuen sich darüber: zum Beispiel
       Ortsbürgermeister Ronald Becker. Er stand bei der Kommunalwahl auf der
       „Liste Bohnenstiel“. Dass er die ganze Debatte für überflüssig hält, hat er
       wiederholt zu Protokoll gegeben. Von einer „wunderbaren historischen
       Glocke“ hatte er geschwärmt, die ihren „Dienst im Verborgenen“ tue. „Wenn
       etwas gut funktioniert, warum sollte man es ändern?“, hatte er in der
       Rheinpfalz gefragt, die im Mai die verfängliche Botschaft der Glocke
       öffentlich gemacht hatte.
       
       ## Übertriebene Debatte?
       
       Herxheim liegt an der Deutschen Weinstraße. Alles dreht sich hier um den
       Wein. Jedes Dorf feiert in diesen Tagen sein Weinfest. Die Fässer müssen
       geleert werden. Schließlich hat die Weinlese begonnen. Die Winzer schauen
       argwöhnisch nach oben. Bei starken Niederschlägen würden die prallen
       Trauben platzen. Ein später starker Frost hat der Weinblüte geschadet. Es
       wird in diesem Jahr deshalb Einbußen geben, „minus 20 Prozent“, sagt ein
       Winzer der taz.
       
       Auch der Pfarrer der protestantischen Kirchengemeinde St. Jakob, Helmut
       Meinhardt, hält die Debatte über die Glocke für übertrieben. Auf der
       Homepage der Gemeinde heißt es: „Von der Inschrift nehmen wir inhaltlich
       Abstand und distanzieren uns. Sie ist ein Zeitdokument … Die Abschaltung
       der Glocke würde den Moll-Dreiklang auflösen und wäre akustisch eine
       Zumutung.“ Die Leitung der pfälzischen Kirche geht auf Tauchstation. „Das
       ist Sache der Ortsgemeinde“, sagte ihr Sprecher der taz.
       
       Formal hat er recht. Die „Hitlerglocke“ im Kirchturm ist Eigentum der
       weltlichen Gemeinde. Es ist die „Polizeiglocke“, die bei Feuer und Sturm
       läutet. Schon ein Jahr nach Hitlers Machtübernahme wurde sie dem „Führer“
       geweiht. Nur deshalb überstand sie den Krieg. Die beiden Schwesterglocken
       wurden für die Waffenproduktion eingeschmolzen. Als die Kirchengemeinde
       1954 neue Glocken als Ersatz für sie gießen ließ, wurde deren Stimmung an
       die kleine „Hitlerglocke“ angepasst. Mit ihrem zweigestrichenen C bilden
       die neuen Glocken einen Dreiklang.
       
       Als „grauenhaft“ empfindet Sigrid Peters diese Diskussion. Die pensionierte
       Musiklehrerin hat mehr als ein Jahrzehnt in St. Jakob die Orgel gespielt.
       Als sie in diesem Frühjahr von der fatalen Inschrift auf der Glocke hörte,
       schaltete sie die örtliche Presse ein. Ihr verdankt Herxheim die ungeliebte
       Debatte. Dass die Glocke, die bei Taufen, Hochzeiten und Gottesdiensten
       läutet, den Namen des Menschenverächters trage und zudem ein verbotenes
       Symbol, das Hakenkreuz, nennt sie „Gotteslästerung“. Sie schimpft: „Hier
       gibt es offenbar einen braunen Sumpf“, und versichert, nicht aufzugeben:
       „Ich will, dass diese Glocke schweigt“, so die streitbare Pensionärin zur
       taz.
       
       Und nun? Man werde wohl die Glockenbeauftragte um ein Gutachten bitten,
       erklärt Bürgermeister Becker der taz. Vielleicht könnte man die Buchstaben
       der Aufschrift und das Hakenkreuz abfräsen oder unter einer Abdeckung
       verbergen, so wurde bereits diskutiert. Doch das könnte den schönen Klang
       des Geläuts trüben. Vielleicht tut es eine mahnende Tafel, mit der sich die
       Gemeinde von der Botschaft der Glocke distanziert? Die Glocke ins Museum zu
       stellen, scheint keine Option zu sein.
       
       Einstweilen erklingt jedenfalls von dem Turm auf dem Berg über die
       idyllischen Weingärten in die Rheinebene der Kurpfalz alle Viertelstunde
       und bei festlichen Anlässen die Glocke, die Adolf Hitler und das Vaterland
       preist.
       
       15 Aug 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christoph Schmidt-Lunau
       
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