# taz.de -- Fleisch ohne Tier: Hier geht’s um die Wurst
       
       > Die niedersächsische CDU will, dass nur Wurst heißen darf, wo auch Tier
       > drin ist. Verbraucher könnten versehentlich vegetarische Produkte kaufen
       
 (IMG) Bild: Fleisch oder Fake: Niedersachsens CDU fürchtet Verwechslungsgefahr
       
       Hannover taz | Totes Tier, wahlweise Schwein, Wild oder Geflügel,
       geschreddert und in einen Naturdarm gepresst. Das ist Wurst – sagt die CDU
       im niedersächsischen Landtag. Dass sich auch Veggie-Produkte Wurst nennen,
       wollen sie verbieten lassen und haben deshalb einen Antrag zur besseren
       Kennzeichnung von Fleischimitaten gestellt – heute soll darüber im Plenum
       entschieden werden. Doch Kritik daran kommt nicht nur von Rot-Grün, sondern
       auch von einem Fleischproduzenten.
       
       „Der Verbraucher wird getäuscht“, sagt Frank Oesterhelweg (CDU). Das Wort
       „Veggie“ vor dem Schnitzel reiche nicht, um Fehlkäufe zu verhindern. Laut
       der Verbraucherzentrale Niedersachsen greifen rund vier Prozent der
       Konsumenten versehentlich zu vegetarischen Ersatzprodukten, weil sie diese
       für Fleisch gehalten haben. Das geht aus einer Befragung von rund 1.000
       Verbrauchern hervor.
       
       „Ich bin selbst schon über Veggie-Geflügelsalat gestolpert, den es ja per
       Definition gar nicht geben kann“, sagt Oesterhelweg, der selbst schon
       einmal „vegetarischen Aufstrich mit Wurstgeschmack“, wie er die
       Veggie-Leberwurst nennt, probiert hat und lecker fand. „Ich habe mit den
       Produkten kein Problem, aber hier geht es darum, Verbraucher zu schützen.“
       
       ## Kein Aufstand wegen Mäusespeck
       
       SPD und Grüne halten das für Unsinn. Das Verwechslungsrisiko sei gering,
       sagt die Grünen-Abgeordnete Miriam Staudte. „In Mäusespeck sind weder Mäuse
       noch Speck verarbeitet.“ Da mache die CDU auch keinen Aufstand wegen
       irreführender Bezeichnungen.
       
       Wenn ein Veggie-Produkt „Schnitzel“ hieße, wisse der Verbraucher vielmehr,
       was er für einen Geschmack, welche Konsistenz er erwarten könne und dass
       das Produkt gebraten werden solle.
       
       Verbraucher könnten sehr wohl erkennen, dass die Begriffe „Veggie“ oder
       „vegetarisch“ dafür stünden, dass in der Wurst kein Fleisch enthalten sei,
       meint auch der SPD-Abgeordnete Ronald Schminke. Und falls es doch zu
       Fehlkäufen komme, „sterben werden sie daran auch nicht“. Der Vorschlag der
       CDU sei falsch verstandene Loyalität gegenüber der Fleischindustrie, sagt
       Schminke.
       
       Denn sogar klassische Fleischproduzenten wie das Unternehmen Rügenwalder
       Mühle halten nichts von dem Vorschlag der CDU. „Wir sind dafür,
       Fleischbegriffe für vegetarische Alternativen eindeutig zuzulassen“, sagt
       der Geschäftsführer des Unternehmens aus dem niedersächsischen Bad
       Zwischenahn, Godo Röben. Rügenwalder produziert auch vegetarische
       Alternativprodukte wie Bratwürste oder Hack und benennt diese auch so.
       
       ## Namen nur zur Orientierung
       
       Die Begriffe seien Orientierung für Konsumenten. „Ähnlich wie bei
       alkoholfreiem Bier“, sagt Röben. „Da kann sich auch jeder etwas drunter
       vorstellen, obwohl eines der zentralen Merkmale, der Alkohol, fehlt.“
       
       Auch der Vegetarierbund (Vebu) sieht Alternativbegriffe wie „Bratstück“
       kritisch. „Das hätte Verwirrung auf Seiten der Kunden zur Folge“, sagt
       Vebu-Sprecher Till Strecker. Das sei „genau das Gegenteil von dem, was die
       CDU eigentlich erreichen will“.
       
       SPD und Grüne haben in die Landtagssitzung einen Änderungsantrag
       eingebracht. Sie wollen weiterhin „Schnitzel“ oder „Wurst“ auf
       Veggie-Produkten stehen haben, sich stattdessen aber auf EU-Ebene dafür
       einsetzen, dass die Begriffe „vegetarisch“ und „vegan“ eindeutig definiert
       werden. Dann könnte beispielsweise ausgeschlossen werden, dass Apfelsaft,
       der mit Gelatine gefiltert worden ist, als vegan gelte – eine Forderung die
       auch die CDU sinnvoll findet.
       
       Parallel zu der Debatte in Niedersachsen entscheiden heute auch die Richter
       des Europäischen Gerichtshofs über die Klage eines Verbandes namens
       Sozialer Wettbewerb aus Berlin gegen die Firma Tofutown. Die verkauft
       Produkte wie „Veggie-Cheese“ und „Soyatoo-Tofu-Butter“. Die Frage ist nun,
       ob so in der EU nur Milchprodukte heißen dürfen.
       
       13 Jun 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andrea Scharpen
       
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