# taz.de -- AfD-Wahlkampf im Saarland: Am liebsten als Alterspräsident
       
       > Josef Dörr ist Spitzenkandidat der saarländischen AfD, im März will er in
       > den Landtag einziehen. Seine Chancen stehen gut.
       
 (IMG) Bild: Vor der Wahl des saarländischen Landtags: Kandidat Dörr träumt von einer AfD-Mehrheit – „51 Prozent!“
       
       Neunkirchen/Saar taz | Josef Dörr, der AfD-Vorsitzende im Saarland, ist ein
       rüstiger Pensionär. Zu Fuß hat sich der 78jährige auf den Weg gemacht. In
       Etappen wandert er an den Grenzen um das Saarland herum. So sucht er den
       Kontakt zu den Menschen, die ihn und seine Partei bei der Landtagswahl am
       26. März wählen sollen.
       
       Das Ziel ist klar. Der Mann, der zuvor bei der CDU und sogar bei den Grünen
       sein Glück versucht hatte, will im März in den Landtag einziehen, am
       Liebsten als Alterspräsident. Laut Umfragen hat er gute Chancen, auch wenn
       die AfD an der Saar stets schwächer bewertet wird als die Bundespartei.
       
       Die hatte Dörr im vergangen Jahr noch loswerden wollen – mit einem
       Parteiausschlussverfahren wegen des Vorwurfs, er habe mit Neonazis
       gemeinsame Sache gemacht. Doch Dörr und sein Landesverband haben sich
       erfolgreich gewehrt.
       
       Der Mann mit den leicht eingesackten Schultern des Alters wird gerne
       unterschätzt. Mit wachen Augen mustert er sein Gegenüber, leicht spöttisch,
       weil er ja mit der „Lücken- und Lügenpresse“ spricht. Er meint es aber
       bitter ernst.
       
       ## Bis zur letzten Minute
       
       In Neunkirchen, beim offiziellen Wahlkampfauftakt Mitte Februar, beschwört
       Dörr seine Partei, bis zur letzten Minute zu kämpfen, gegen die
       „Altparteien“ und das angeblich feindliche „Medienkartell“. Er erinnert
       seine Parteifreund*innen daran, dass die Behörden der AfD im November 2015
       eine Demonstration vor dem Saarbrücker Landtag verboten haben, wegen der
       Bannmeile. Was er nicht sagt: Damals sind zahlreiche Rechtsextremisten
       mitmarschiert, darunter neben NPD-Mitgliedern auch deren Landesvorsitzender
       sowie Aktivsten der rechtsextremen „Saarländer gegen Salafisten“ Sagesa.
       Unter anderem wegen der zahlreichen Kontakte in die rechtsextreme Szene
       hatte der Bundesvorstand hat den saarländischen Landesverband auflösen
       wollen.
       
       Nun verspricht Dörr, dass die AfD in den Saarbrücker Landtag einziehen
       wird: „Doch am Abend des 26. März sind wir drin, drin, drin!“, ruft er mit
       sich überschlagender Stimme: „Wir kämpfen nicht um 5 und auch nicht um 10,
       sondern um 51 Prozent“.
       
       Auf den Tischen im Karchersaal des Gutshof Furpach, in einem ländlichen
       Vorort Neunkirchens, sorgen bei diesem Wahlkampfauftakt Primeltöpfe für
       Farbtupfer. Darin stecken Wimpeln in den Nationalfarben. Man gibt sich hier
       „bürgerlich freiheitlich“, nicht radikal. Die Wände sind mit Plakaten voll
       gehängt.
       
       ## Ganz viel „Volkswillen“
       
       Es sind die üblichen Parolen: „Politik für das eigenen Volk!“, „Meister
       statt Bachelor“, „Mut zur Wahrheit“, aber auch „Russland-Sanktionen
       kippen“. Weil es im Saarland stets auch ums gute Essen geht, zeigt ein
       Motiv einen Schwenkbraten auf einem Grillrost über dem offenen Feuer. „Zeit
       zum Umschwenken“ steht auf dem Plakat. Aktivisten der „jungen Alternative“
       verkaufen Bier und Bretzel.
       
       Man begrüßt vom Podium „den Armin und den Lutz“, „der Peter“ ist der
       Gastredner aus Hessen, sie feiern ihn als „unseren Stargast“ und heißen
       auch „den Josef, das Urgestein der AfD“ willkommen. Sogar JournalistInnen
       werden geduldet. Alle RednerInnen berufen sich ausdrücklich auf die
       Meinungsfreiheit, aber eben auch auf den „Volkswillen“.
       
       Es sind nur rund 50 ParteifreundInnen zum offiziellen Wahlkampfauftakt
       gekommen, deutlich mehr Männer als Frauen, mehr Alte als Junge. Es gibt
       nicht mal eine Gegendemonstration. Rudolf „Rolf“ Müller, der
       Spitzenkandidat der AfD für den Landtag, macht den Anfang.
       
       ## Gute alte Zeit
       
       Er, der in Neunkirchen aufgewachsen ist, gerät ins Schwärmen: „Damals kamen
       die Fußballer aus Hamburg, Köln und Dortmund hierher und mussten Punkte
       lassen“, erinnert er an die gute alte Zeit, als man im Saarland noch in der
       ersten Liga mitmischte. „Die Schornsteine haben geraucht und dem Saarland
       ging es gut“, so Müller. Doch der Bergbau ist abgewickelt und die
       Stahlindustrie kämpft mit dem Strukturwandel.
       
       Schuld am Niedergang sind in seiner Lesart die „Altparteien“. Müller
       polemisiert gegen den „maßlos übertriebenen Brandschutz, der vernünftiges
       Bauen unmöglich macht“. Der Klimaschutz ist für ihn ein „Modethema“. Der
       „Unsinn vom menschengemachten Klimawandel“ verhindere Wachstum und koste
       Arbeitsplätze.
       
       Er plädiert für ein Europa der Vaterländer, fordert „raus aus dem Euro und
       raus aus der EU!“. US-Präsident Donald Trump, die Front-National-Chefin
       Marine Le Pen und sogar Russlands Präsident Wladimir Putin sind für ihn
       Vorbilder.
       
       Schuld sind die Fremden 
       
       Den größten Beifall gibt es an diesem Abend immer dann, wenn ein Redner auf
       die „unkontrollierte Masseneinwanderung“ zu sprechen kommt. Auch Müller
       klagt beredt über die Fremden, die nach seiner Überzeugung auf Kosten der
       Allgemeinheit leben und für die steigende Kriminalität verantwortlich sind.
       
       Er sei neulich bei einer arabischen Familie zu Gast gewesen; „das war alles
       ganz schön, freundlich und sympathisch“, beginnt Müller im Plauderton, als
       habe er sich nett mit den Gästen unterhalten. Doch dann ändert sich die
       Tonlage: „Diese ganze vielköpfige Familie lebt auf Kosten der
       Steuerzahler“, ruft Müller empört in den Saal und fügt hinzu: „Dieser
       Familienvater wird es nie und nimmer schaffen, die Familie mit seiner
       eigener Arbeit zu ernähren!“ Müllers Konsequenz: „Obergrenze Null“ für den
       Flüchtlingszuzug. Die Regierung mache sich schuldig, weil sie „die von uns
       erarbeiteten Sozialkassen plündert.“
       
       Es ist alles ganz einfach: „Das Geld muss für uns ausgegeben werden!“,
       fordert Müller.
       
       ## Unbedingt mehr Kontrollen
       
       Auf Nachfrage erläutert der AfD-Spitzenkandidat später, wie er den Zuzug
       stoppen will: An den deutschen Außengrenzen müsse man zwar nicht eine Mauer
       bauen, es müssten aber unbedingt wieder Kontrollen durch Polizei und
       Grenzbeamte eingeführt werden, „wie in den 90er Jahren“.
       
       Auf den Einwand, dass im Dreiländereck inzwischen Hundertausende
       Berufspendler täglich die Grenzen zwischen dem Saarland, Frankreich und
       Luxemburg in alle Richtungen passieren, antwortet Müller: „Die Sicherheit
       geht vor!“
       
       In seinem erlernten Beruf, als Gymnasiallehrer, arbeitet Müller nicht. In
       Saarbrücken betreibt er zusammen mit seiner Ehefrau, die ebenfalls bei der
       AfD ist, ein Antiquitätengeschäft. Im vergangenen Jahr hatten Journalisten
       herausgefunden, dass es bei Müllers auch KZ-Geld und Naziordnen mit
       Hakenkreuzen zu kaufen gab.
       
       ## Frage nach den Geschäften
       
       In Neunkirchen, nach den offiziellen Reden, bittet die Partei zu einer
       „Fragestunde“. Ein selbsternannter „radikaler Freidenker“ mit langen Haaren
       und Rauschebart meldet sich zu Wort. Er fragt nach den Geschäften der
       Müllers mit KZ-Geld und Naziorden. Ein bisschen verlegen antwortet Müller,
       er würde gerne ausführlich zu den Vorgängen Auskunft geben, doch man habe
       ihm dringend geraten, dazu zu schweigen.
       
       Im Gespräch mit Journalisten gibt sein Landesvorsitzender Dörr später eine
       Ehrenerklärung ab: Die Vorwürfe, Müller handle mit Nazi-Devotionalien,
       seien haltlos.
       
       Eine grauhaarige Frau ärgert sich darüber, dass sie sich im Freundeskreis
       für ihre Parteimitgliedschaft rechtfertigen muss; sie fragt, warum es „die
       Medien“ geschafft hätten, die AfD im Saarland als braune Partei zu
       brandmarken.
       
       ## Zu weit gegangen
       
       Allerdings sind auch der AfD-Bundesspitze die Kooperationsbemühungen
       zwischen dem Landesverband mit rechtsextremen Splittergruppen – wie der
       „Freie Bürger Union“, den „Pfälzer Spaziergängern“, der Sagesa und mit
       NPD-Funktionären – zu weit gegangen.
       
       Neben den Kontakten zu Rechtsextremisten hatte die Bundespartei
       Dörr„monatelange Vetternwirtschaft“ und die „Manipulation von
       Mitgliederlisten“ vorgeworfen.
       
       Beim Landesparteitag im vergangenen April, bei dem sich Dörr nach seiner
       Absetzung erneut den Landesvorsitz sichern konnte, hat er von der AfD als
       „Bewegung“ gesprochen und wörtlich gesagt: „Wir spüren eine tiefe Glut in
       uns. … An ihr werden wir das Feuer entfachen. Die Missstände in unserem
       Land sind der Wind, der diese Glut entfacht… Die Flammen wachsen zu
       einem Flammenmeer und schließlich zu einem Feuersturm. Dieser
       Feuersturm wird alles hinwegfegen und vernichten, was schlecht ist.“
       
       Und was ist mit Höcke? 
       
       Auch das Parteiausschlussverfahren gegen Björn Höcke, dem umstrittenen
       AfD-Chef in Thüringen, ist in Neunkirchen erst in der Fragestunde Thema.
       Die Saar-AfD will sich dazu aber lieber nicht äußern.
       
       Stattdessen bezieht schließlich der Gastredner Stellung: Ausdrückliche
       Rückendeckung gibt der hessische Landessprecher Peter Münch dem
       Parteifreund in Thüringen: „Wir sollten Streitigkeiten intern lösen“, sagt
       Münch und bewertet das Ausschlussverfahren gegen Höcke als „überzogene
       Reakton“. Da spricht er der saarländischen AfD aus der Seele und erntet
       viel Applaus.
       
       13 Mar 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christoph Schmidt-Lunau
       
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