# taz.de -- Muslimische Kultur in Deutschland: Und der Islam verändert sich doch
       
       > Die deutsche Gesellschaft verändert die muslimische Kultur. In einem
       > Modestudio und in einer Öko-Moschee kann man sehen, wie.
       
 (IMG) Bild: Isikali Karayel auf dem Zwölf-Apostel-Friedhof in Berlin: „endlich ein Platz für Muslime mitten in der Stadt“
       
       Berlin taz | Wenn man ein Bild suchen würde, auf dem man sofort sieht, dass
       der Islam irgendwie schräg in der deutschen Landschaft steht, dass er nicht
       zur deutschen Geschichte gehört, dass er ein „Fremdkörper“ ist, der in
       Deutschland „keine Heimat“ finden könne, wie es etwa aus der AfD heißt: Auf
       dem Zwölf-Apostel-Friedhof in Berlin könnte man es finden.
       
       Man könnte mit dem Geodreieck nachmessen. Denn die Reihen der muslimischen
       Gräber liegen nicht im 90-Grad-Winkel zum Gehweg, wie die meisten anderen
       Ruhestätten und wie man es im gut geregelten Deutschland erwarten würde,
       sondern im 45-Grad-Winkel.
       
       Es ist Teil des islamischen Bestattungsritus, die Verstorbenen mit dem
       Gesicht nach Mekka auszurichten, von Deutschland aus gesehen nach Südosten.
       Dafür aber wurde der Friedhof nicht angelegt. Seine Wege verlaufen auf
       einer Nord-Süd-Achse.
       
       Der muslimische Bereich liegt am Rand des Friedhofs. Seit 2015 gibt es ihn
       hier. Ein grüner Ort des Friedens, nur durch eine Mauer vom Autobahnkreuz
       Schöneberg getrennt. Mekka liegt hinter dem Kreuz.
       
       ## Eine Frage des Mind-Sets
       
       Isikali Karayel, 42, führt ein islamisches Bestattungsunternehmen. Er
       plaudert kurz mit den Friedhofsangestellten, die mit Rechen und Schubkarren
       neben der Kapelle stehen. Karayel mag diesen Ort. „Endlich ein Platz für
       verstorbene Muslime mitten in der Stadt“, sagt er.
       
       Islamkritiker, die es in allen politischen Lagern gibt, halten den Islam
       für unvereinbar mit dem Grundgesetz. 61 Prozent der Deutschen – Tendenz
       steigend – sind laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2015 der
       Meinung, der Islam passe nicht in die westliche Welt. Dass klar getrennt
       wird zwischen „Deutschland“ und „Islam“, als wäre eindeutig, was damit
       gemeint ist, setzen viele in der politischen Debatte voraus.
       
       Wenn man aber mit einem anderen Blick hinschaut, sieht man keine
       Unvereinbarkeit. Man sieht, wie dynamisch deutsche Verwaltungen und
       muslimische Interessenvertreter aufeinander zugehen. Man sieht, dass der
       Islam nicht wie eine Burka über Deutschland gestülpt wird und die
       Gesellschaft islamisiert, wie einige ernsthaft behaupten. Man sieht, dass
       der muslimische Alltag deutsche Besonderheiten hat. „Es hat sich irre viel
       verändert in den letzten dreißig Jahren“, sagt Karayel, der
       Bestattungsunternehmer.
       
       ## Deutsche Friedhofsverordnungen
       
       In einer berühmten Studie verglich der Ethnologe Clifford Geertz die
       muslimischen Gesellschaften Indonesiens und Marokkos. „Islam Observed“
       heißt sie, von 1968. Geertz zeichnete das Bild einer Religion, die von den
       kulturellen Prozessen vor Ort überformt wird. Der Islam, so kann man Geertz
       verstehen, ist nur im sozialen Rahmen lesbar, in dem er praktiziert wird.
       Er ist also nicht nur das, was alle Muslime eint, sondern auch das, was
       alle Muslime trennt.
       
       Wie also ist die muslimische Kultur deutscher Muslime davon geprägt, dass
       sie Deutsche sind, die deutsche Modezeitschriften lesen, deutsche Debatten
       verfolgen, deutsche Infrastruktur nutzen und deutsche Friedhofsordnungen
       einhalten? Wie deutsch ist die muslimische Kultur in Deutschland?
       
       Meriem Lebdiri muss überlegen, wie sie erklärt, was deutsche muslimische
       Mode sei. „Deutsch, da denke ich schon auch erst mal an Dirndl und
       Lederhosn“, sagt sie. Aber dann zeigt sie ihre Stücke.
       
       Lebdiri, 28, ist Modedesignerin, geboren in Algerien, aufgewachsen in
       Rheinland-Pfalz, ausgebildet in Bruchsal. Sie sagt, sie verschmelze in
       ihren Entwürfen die Attribute Muslima-Sein und Deutsch-Sein. Das klingt
       nicht spektakulär angesichts der Tatsache, dass vier Millionen Muslime in
       Deutschland leben. Aber wenn man darüber nachdenkt, was das bedeutet, geht
       doch ein ganzer Schrank voller Fragen auf.
       
       ## Der Reißverschluss erlaubt eine Entscheidung
       
       Wie sieht etwas aus, in dem „deutsch“ und „muslimisch“ explizit miteinander
       verwoben wird, zwei Konzepte also, die in der gesellschaftlichen Debatte
       oft wie zwei Betonklötze nebeneinander stehen, starr und unvereinbar? Wie
       sieht etwas aus, das nicht die Unterschiede zeigt, wie die 45-Grad-Gräber
       auf dem Zwölf-Apostel-Kirchhof, sondern die Übereinkünfte?
       
       Meriem Lebdiri trägt schwarze Pumps, eine schwarze Hose, darüber ein
       schwarzes Kleid und einen schwarzen Blazer. Sie, die Pfälzerin, spricht
       geschliffenes Hochdeutsch, am allerliebsten, sagt sie, wäre sie
       Fernsehmoderatorin geworden – aber mit Kopftuch: „Schwierige Sache in
       Deutschland.“ Lebdiri betreibt nun ein kleines Modestudio im pfälzischen
       Germersheim, einem verwinkelten Städtchen mit einer Festung aus dem 19.
       Jahrhundert. In den Ruinen veranstaltete sie einmal ein Modeshooting:
       Models mit Hidschab auf den Trümmern der alten Mauern.
       
       Ihr Studio ist ein weißer Raum mit weißen Stühlen, weißen Ablagen und
       weißen Margeriten auf einem weißen Tisch. Auf einem Kleiderständer hängen
       sechs Stücke: drei schlichte Kleider aus Leinen- und Baumwollstoffen, alle
       mit dem Kamineffekt ausgestattet – unten Luft rein, oben Luft raus. Eine
       dezent geblümte Tunika. Ein Fischgrätmantel. Und ein brauner Mantel aus
       italienischer Wolle.
       
       Was soll deutsch sein an einem Mantel aus italienischer Wolle, der dort, wo
       andere Mäntel einen Kragen haben, mit schwarzer Spitze aus Algerien benäht
       ist? Lebdiri sagt: „Deutsch ist schlicht.“ Gutes Material, zurückhaltende
       Eleganz und gedeckte Farben – das sei es, was bei Fashion-Shows im Zweifel
       als deutsch beschrieben werde.
       
       „Ich nenne meine Mode nicht muslimisch, sondern Modest Fashion“, sagt
       Lebdiri. Im internationalen Modejargon steht Modest Fashion für dezente,
       den Körper bedeckende Kleidung, wie sie muslimische Frauen tragen.
       Theoretisch kann sie aber jede Frau anziehen, ohne dass man sie deswegen
       für muslimisch halten würde. Lebdiris Label „Mizaan“, Arabisch für
       „Balance“ oder „Maß“, ist eines der wenigen deutschen Labels, die solche
       Mode designen. Nicht explizit muslimisch also. Ob sie auch Kopftücher
       designt? „Ja, ich entwerfe auch Schals.“
       
       Muslimisch-deutsche Mode, sagt Meriem Lebdiri, sei Mode, die von einer in
       Deutschland aufgewachsenen, deutsch denkenden Muslima entworfen wurde.
       Einer Frau, die ihren Körper aus religiösen Gründen bedecken will und von
       den ästhetischen Besonderheiten ihrer Umgebung beeinflusst ist. Der Blazer,
       den Lebdiri trägt, ist an den Seiten mit Reißverschlüssen versehen. Man
       könnte sie öffnen und Haut durchblitzen lassen. Lebdiri hat sie
       geschlossen.
       
       ## Kultur ist nie rein
       
       Deutsch ist diesem Verständnis nach das, was in Deutschland geschieht. In
       einem offenen Land, in dem die Gedanken derer zusammenfließen, die hier
       leben; in dem, wie in Lebdiris braunem Mantel, italienische Wolle und
       algerische Spitze neu zusammengesetzt werden und etwas Drittes ergeben
       können. Etwas, das es nur hier gibt.
       
       Kultur ist nie rein. Kultur ist mehr als das „Erbe der Väter und Vorväter“.
       Und zu Deutschland gehören nicht nur diejenigen, die dieses Erbe kennen und
       erhalten. Auch wenn der AfD-Politiker Alexander Gauland das kürzlich so
       definiert hat. Kultur ist, wenn Dinge zusammenfließen, weil Menschen sie
       zusammen denken. Weil sie dem Zusammenfluss Sinn zuschreiben.
       
       Es gibt die Tendenz, Radikale und Fundamentalisten für „den Islam“ zu
       halten. Salafisten, die zum Teil für den „Islamischen Staat“ rekrutieren,
       und deutsche Konvertiten, die sich von ihnen umgarnen lassen, bis sie
       selbst Salafisten sind. Sie, die Patriarchen, die Ehrenmörder, die
       reaktionären Hyperreligiösen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die
       extremsten Figuren herausstechen.
       
       Das Panoramabild aber ist viel komplexer. Der Kulturwissenschaftler John R.
       Bowen schrieb 2012 in „A New Anthropology of Islam“, der Prophet Mohammed
       „hat keine Anleitung hinterlassen, keine komplette Liste, wie man die
       Religion ausübt – wie man zu beten hat, wie man rituelle Waschungen
       vornimmt, was man an Tagen des Fastens tun muss“.
       
       Was alle Muslime teilen, ist das Label Muslim. Was alle deutschen Muslime
       teilen, ist zudem das deutsche Umfeld. Es ist ein pluralistisches, in dem
       Religionsfreiheit besteht. Jeder darf glauben, was er will, und auch
       offen darüber reden.
       
       Es ist auch ein Umfeld, in dem es ein christlich geprägtes
       Staatskirchenrecht gibt. Es gibt christliche Wohlfahrtsverbände, aber noch
       keinen muslimischen, auch deshalb nicht, weil es zwar viele muslimische
       Organisationen gibt, aber keine einzige, die für alle deutschen Muslime
       spricht. Muslimische Kranke werden daher häufig von christlichen
       Seelsorgern betreut und muslimische Pflegebedürftige in Heimen christlicher
       Verbände.
       
       Außerdem teilen alle deutschen Muslime die deutsche Debatte über den Islam.
       Es gibt Streit über Kopftücher in Schulen und Ämtern, über Burkinis im
       Schwimmbad, vor Moscheen werden Schweineteile abgelegt.
       
       ## Es gibt nicht „den Islam“
       
       Vor allem aber gibt es zwischen den deutschen Muslimen Unterschiede. Es
       gibt Sunniten, Aleviten und Schiiten; es gibt in Deutschland viele
       türkisch- und nicht ganz so viele südosteuropäisch- und arabischstämmige
       Muslime, dazu südost- und zentralasiatische, persische und aus dem
       subsaharischen Raum stammende. Es gibt die, die jeden Tag beten, es gibt
       aber auch die, die sich mit ihren traditionsverbundenen Vätern streiten,
       weil sie öfter ausgehen als in die Moschee.
       
       Bis zu 80 Prozent der Muslime in Deutschland gelten als sogenannte
       Kulturmuslime, die so gläubig sind wie die Mehrheit der deutschen Christen:
       Sie feiern ihre Feste und pflegen eine muslimische Kultur, ohne besonders
       religiös zu sein.
       
       Was es nicht gibt, ist eine zentrale Institution wie den Papst, der für
       alle Katholiken spricht.
       
       Rabeya Müller, 59, eine gebürtige Deutsche, konvertierte Ende der
       Siebzigerjahre zum Islam. Zwanzig Jahre später gründete sie das Zentrum für
       Islamische Frauenforschung in Köln, das sich für eine geschlechtergerechte
       Lesart des Koran einsetzt. In der Muslimischen Gemeinde Rheinland, der sie
       angehört, beten Männer und Frauen gemeinsam, und sie leiten abwechselnd die
       Gebete. Müller führt sogar islamische Trauungen durch, wie ein Imam.
       
       Als muslimische Feministin bezeichnete sich Müller, die eine randlose
       Brille trägt und ihr Kopftuch hinten bindet, sodass der Hals frei bleibt,
       schon, als das noch nicht so populär war. Die Offenheit für solche
       Strömungen sei schon immer im Islam angelegt, sagt sie. „Viele wären gern
       der Papst der Muslime. Aber es gibt im Islam kein solches oberstes Lehramt.
       Diese Pluralität müssen wir uns erhalten.“
       
       Versteht sie sich als Botschafterin eines deutschen Islams oder wenigstens
       eines rheinischen? Der Begriff behagt ihr nicht – und ja, vielleicht ist er
       tatsächlich nur das nächste Klischee. Zudem liegt die Assoziation nahe,
       „deutsch“ sei ein normativer Begriff, nach dem Motto: Der Islam ist
       schlecht – bis er deutsch ist, dann ist er gut.
       
       Aber eines kann man doch sagen: Eine geschlechtergerechte Lesart des Koran
       mag nicht exklusiv deutsch sein – aber dass das Thema in Deutschland
       verankert ist, befruchtet die Auseinandersetzung.
       
       ## Drei Tore, alle verpasst
       
       Ein Freitagabend im Ramadan, dem islamischen Fastenmonat. In der
       Neuköllner Şehitlik-Moschee, Deutschlands zweitgrößter muslimischer
       Gebetsstätte, sind rund hundert Gläubige zusammengekommen, um gemeinsam das
       Fasten zu brechen. Die Frauen sitzen an langen Tafeln im Hof. Einige Männer
       bereiten die Verteilung der Mahlzeiten vor, andere schaukeln Kinderwagen
       auf der Straße, die restlichen sitzen in einem Innenraum und schauen
       Fußball, Spanien gegen die Türkei. Spanien gewinnt 3:0, die meisten Männer
       verpassen alle drei Tore. Essensausgabe, dann ruft der Muezzin zum
       Fastenbrechen, das dritte Tor fällt während des anschließenden Abendgebets
       in der Moschee.
       
       Die Şehitlik-Moschee, ein an das Parkgelände des ehemaligen Flughafens
       Tempelhof geschmiegter Prachtbau mit Minarett, wurde nicht nur im Stil der
       osmanischen Moscheen des 17. Jahrhunderts erbaut. Sie befindet sich auch
       offiziell auf türkischem Boden. Zu diesem Boden gehört auch ein
       muslimischer Friedhof, dessen Ursprünge auf einen Diplomatenfriedhof
       zurückgehen. In den 1920er Jahren wurde er der Türkei übereignet.
       
       Die Moschee gehört zum türkisch-islamischen Dachverband Ditib, der dem
       Religionsministerium in Ankara untersteht. Ankara entsendet den Imam, der
       in der Moschee predigt, Ehepaare traut und bei Bestattungen das rituelle
       Totengebet spricht. Für Grünen-Chef Cem Özdemir ist Ditib deshalb der
       „verlängerte Arm des türkischen Staats“.
       
       Vor Kurzem – nachdem der Bundestag die Verbrechen des Osmanischen Reichs an
       den Armeniern als Völkermord benannte und das von der türkischen Regierung
       heftig kritisierte wurde – hat die Ditib deutsche Politiker [1][wieder
       ausgeladen], die sie zunächst zum Fastenbrechen in die Şehitlik-Moschee
       eingeladen hatte.
       
       Die Moschee ist ein Beispiel dafür, warum die Islamdebatte in Deutschland
       mit großer Keule geführt wird. Sie entspricht auf den ersten Blick genau
       dem, woran deutsche Politiker und Publizisten denken, wenn sie einen
       übergestülpten Import-Islam beklagen – einen nicht verwobenen Fremdkörper.
       
       Nur ist das, was man sieht, immer auch das, was man zu sehen bereit ist.
       Wer hier eine Parallelgesellschaft vorfindet – auch so ein Konzept, das die
       Unvereinbarkeit betont –, findet sie nur, weil er sie gesucht und die
       komplexen lokalen Gegebenheiten ausgeblendet hat.
       
       ## Eine Moschee mit Öko-Zertifikat
       
       Ender Çetin, 40, der Vorsitzende der Şehitlik-Gemeinde, ist ein Mann, der
       an der Auflösung der Fronten arbeitet. Er hat es mit Islamhassern zu tun,
       die Brand- und Farbanschläge auf die Moschee verüben, und er jongliert mit
       den unterschiedlichsten Ansprüchen: denen aus Ankara und denen alter und
       junger Gemeindemitglieder. Manche sehen die Moschee als Rückzugsort, andere
       als einen Ort der Repräsentation, an dem man seinen Glauben vorzeigt.
       
       Ist die Şehitlik eine türkische Moschee? Bei der Frage muss sich Çetin kurz
       sortieren, dann sagt er: „Jein.“ Denn ja, sie ist strukturell mit der
       türkischen Religionsbehörde Diyanet verbunden. Und doch: Manches von dem,
       was hier geschieht, geschähe wohl in keiner Moschee in der Türkei.
       
       Im vergangenen Jahr hat die Gemeinde rund 30.000 Besucherinnen und Besucher
       durch die Moschee geführt, was man auch als Werben um Anerkennung in einer
       aufgeheizten Stimmung verstehen kann. Çetin lud Schwule und Lesben ein, um
       über muslimische Homophobie zu [2][diskutieren]. In einigen türkischen
       Medien sorgte das für einen Aufschrei und bei älteren Mitgliedern seiner
       Gemeinde für Irritation.
       
       Die Şehitlik-Gemeinde wurde einst von ehemaligen Gastarbeitern der ersten
       Generation gegründet, Menschen also, die sich auch selbst als Gäste
       verstanden und stets vorhatten, wieder zurück in die Türkei zu gehen. „Für
       die Älteren war die Moschee ein Stück Heimat und ein Treffpunkt“, sagt
       Ender Çetin. Ihre Kinder und Enkel aber sind, wie Çetin selbst, in
       Deutschland aufgewachsen und verstehen sich als Teil der deutschen
       Gesellschaft.
       
       Wie sehr seine deutsche Sozialisation auf seine Interpretation des Islams
       durchschlage, sagt Çetin, bemerke er etwa daran, dass er Umweltaspekte
       einbeziehe. „Das Umweltbewusstsein ist in der ersten Generation und in der
       türkischen Community allgemein nicht so groß. Für mich gehört der Schutz
       der Umwelt zu den Kernbotschaften des Islam. Wir wollen eine grüne Moschee
       sein.“ Çetin hat sich beraten lassen, wie er die Umweltbilanz der Moschee
       verbessern kann. Bald bekommt er ein Ökostrom-Zertifikat, er will es an
       einer gut sichtbaren Stelle in der Moschee aufhängen. Manchmal höre er
       deswegen jemanden spotten, seine Gemeinde sei so integriert, sagt Çetin –
       „weil wir uns Themen widmen, die zumindest die ältere Generation nicht
       gewohnt ist“.
       
       ## Deutsche Themen in der türkischen Moschee
       
       Was erkennbar ist, ist Bewegung: Traditionen aus dem Herkunftsland münden
       eben nicht einfach in parallele Strukturen. Çetin importiert nicht
       türkische Debatten nach Deutschland. Er integriert in die türkische Moschee
       vielmehr Themen der deutschen Gesellschaft.
       
       Möglich ist das auch deshalb, weil der Moscheeverein, dem Çetin vorsteht,
       nach deutschem Vereinsrecht gegründet wurde. Das Gebetshaus wird deshalb
       von der lokalen Gemeinde getragen. Und die Entscheidungen, die der Verein
       trifft, sind stark mit den Entwicklungen in Neukölln verwoben.
       
       Aus Ankara entsandte Imame sind bisweilen ernüchtert, wenn sie hier
       ankommen. Wenn die Absolventen einer hoch angesehenen islamischen
       Institution aus der Türkei auf Neuköllner Großstadtjugendliche treffen,
       bleiben Reibungen nicht aus. Manche Jugendliche sind im Koranunterricht
       unaufmerksam, reden dazwischen. Die türkischen Imame aber sind Respekt
       gewohnt. Sie kennen die Lebenswelt der Jugendlichen kaum – und diese tun
       sich deshalb manchmal schwer damit, sie als Autoritäten zu akzeptieren. Die
       Lebenswelt prägt das Muslim-Sein ebenso wie die Tradition.
       
       Die Geschichte, die die Modedesignerin Meriem Lebdiri über sich erzählt,
       beginnt, als sie elf war. Damals habe sie begonnen, sich darüber Gedanken
       zu machen, was es heißt, Muslima in Deutschland zu sein. In den
       Sommerferien, bevor sie aufs Gymnasium kam, begann sie, ein Kopftuch zu
       tragen. „Ich war religiös erzogen, so wie christliche Kinder religiös
       erzogen werden. Aber es gab nichts anzuziehen für mich. Ich hatte die Wahl
       zwischen kurzen, fast bauchfreien Blusen und Hüfthosen, wie sie in den
       Neunzigern halt in Deutschland üblich waren. Und der importierten
       traditionellen Kleidung, die an mir wie ein Sack aussah.“ Sie fühlte sich
       nicht zugehörig. „Ich wollte mich bedecken, ja, aber auf meine Art.“
       
       In dieser Phase der Selbstfindung begann Lebdiri zu zeichnen. Sie entwarf
       Schlaghosen, die ein wenig höher gingen, und Blusen, die ein wenig weiter
       nach unten reichten.
       
       Es war Mode für sie selbst, ein in Algerien geborenes Mädchen in der Pfalz,
       das gerade beschlossen hatte, die Religiösität, die ihr im Elternhaus
       vorgelebt wurde, in ihr eigenes Leben zu übersetzen.
       
       Dass ihre Mode sich vom Standard unterscheide, sagt sie, sehe sie daran,
       dass es nur wenige Schneidereien gebe, die verstünden, was sie mache. „Die
       würden manche meiner Kleider eher enger nähen. Die sagen: ‚Das macht man
       nicht so.‘ Und ich sage: ‚Ich weiß, dass man das nicht so macht.‘ “
       
       ## Es bewegt sich was, auf beiden Seiten
       
       Isikali Karayel, der Bestattungsunternehmer, hat sein Büro in
       Berlin-Neukölln, nur wenige Kilometer von der Şehitlik-Moschee entfernt.
       Hinter seinem Schreibtisch hängt ein quadratisches Gemälde, rote Rosen
       vor grauem Hintergrund – Motiv der Trauer und ihrer Bewältigung. Vor
       Karayels Büro steht ein Kawasaki-Motorrad, das seiner Auszubildenden
       gehört. Sie soll Berlins erste muslimische Bestatterin werden. „Das ist
       revolutionär!“, sagt Karayel.
       
       Es tue sich viel. Die Öffnung des evangelischen Zwölf-Apostel-Friedhofs für
       islamische Bestattungen sei für die Berliner Muslime ein großer
       Fortschritt. Früher wurden die meisten auf dem städtischen Friedhof Gatow
       beerdigt; der befindet sich am Stadtrand, jenseits der Havel, 25 Kilometer
       von hier entfernt.
       
       „Die Berliner Standesämter drücken bei der Ausstellung einer
       Bestattungsgenehmigung auch mal beide Augen zu, wenn der Ausweis eines
       Verstorbenen nur in Kopie vorliegt“, sagt Karayel.
       
       Und manchmal dürfen individuelle Entscheidungen getroffen werden, wie bei
       der sarglosen Bestattung. Muslime werden üblicherweise im Leintuch
       beerdigt. In einigen deutschen Bundesländern ist das mittlerweile erlaubt,
       auch in Berlin. Trotzdem entscheiden sich heute viele für die deutsche
       Regel. Auf dem Zwölf-Apostel-Kirchhof ist das Verhältnis etwa fifty-fifty.
       Rechts vom Fußgängerweg liegen die Gräber, in denen muslimische Verstorbene
       mit Sarg, links die, die ohne Sarg beerdigt wurden.
       
       Manchmal aber findet sich kein Kompromiss: Muslimische Tradition ist es,
       Verstorbene innerhalb von 24 Stunden zu beerdigen. „Das hatte damit zu tun,
       dass die mehrheitlich muslimischen Länder eher heiße Länder sind“, sagt
       Karayel. „Und dann hat sich das auch in der Religion verankert.“ In den
       meisten Bundesländern gilt dagegen eine 48-Stunden-Frist, was früher etwa
       damit begründet war, dass man einen Scheintod ausschließen wollte. Man kann
       nur die eine oder die andere Regel befolgen. Also wird diese muslimische
       Tradition in Deutschland meistens gebrochen.
       
       Isikali Karayel sagt, es gebe einen Generationenunterschied. Die ersten
       türkischen Gastarbeiter lassen sich nach ihrem Tod noch eher in ihre
       Heimatländer überführen, um dort die letzte Ruhe zu finden. Aber die
       Tendenz in der zweiten und dritten Generation gehe deutlich dahin, sich in
       Deutschland beerdigen lassen zu wollen. Zu Hause.
       
       „Für die ist das selbstverständlich, sich dort beisetzen zu lassen, wo sie
       gelebt haben“, sagt Karayel. „Erde ist Erde.“
       
       Und alles ist im Fluss.
       
       11 Jul 2016
       
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       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Ditib-Koordinator über deutsche Kritik: „Hysterisch und irrational“
       
       Ist der türkische Moscheenverband Ditib das Sprachrohr der
       Erdoğan-Regierung? Fragen an den Koordinator Murat Kayman.
       
 (DIR) Burkaverbot im europäischen Vergleich: Wahlkampfschlager der Populisten
       
       Viele Länder haben in den vergangenen Jahren das Tragen des
       Ganzkörperschleiers verboten. Damit folgen sie den Rufen von rechts außen.
       
 (DIR) Förderung für muslimische Studierende: Besser spät als nie
       
       Seit 2014 fördert das Avicenna-Studienwerk hochbegabte muslimische
       Studierende. Es geht um Vielfalt – aber nicht um Gesinnung.
       
 (DIR) Türkische Nationalisten in Deutschland: Der lange Arm von Erdogan
       
       Grünen-Parteichef Cem Özdemir warnt vor dem Einfluss türkischer
       Nationalisten in Deutschland. Er fordert ein entschiedeneres
       Entgegentreten.
       
 (DIR) Gutachten zum Kopftuchverbot: Mit Kopftuch programmieren
       
       Ein Gutachten empfiehlt, dass das Tragen eines Kopftuchs kein
       Kündigungsgrund sein darf. Ob der EuGH dieser Position folgt, ist noch
       unklar.
       
 (DIR) Essay Linke und Muslime: Wir sind nicht eure Kuscheltiere
       
       Das linksliberale Spektrum tut sich schwer mit kritischen Muslimen. Es
       erklärt sich zum Beschützer konservativer Muslime und macht sie so zu
       Opfern.
       
 (DIR) Theologe über Grundgesetz und Scharia: „Es braucht keinen deutschen Islam“
       
       Milad Karimi lehrt in Münster islamische Theologie, er kam einst als
       Flüchtling aus Kabul nach Deutschland. Nun fordert er, wir sollten hier
       „mehr Islam wagen“.
       
 (DIR) Hype um das Kopftuch: Denn Mode lehrt Treulosigkeit
       
       Donna Karan, Zara, H & M verkaufen ihn. Dennoch: Die Wette auf den Hidschab
       als so züchtigen wie modischen Klassiker wird kaum aufgehen.
       
 (DIR) Muslimische Mode: Hijab is Punk
       
       Das Kopftuch trendet in High-Fashion und Popkultur. Das fordert westliche
       Vorstellungen über muslimische Kleidungsstile heraus.
       
 (DIR) Gleichstellung der Religionen? Läuft nicht.: Zur Gleichberechtigung ist es weit
       
       Niedersachsens Regierung will islamischen Glaubensgemeinschaften ähnliche
       Rechte einräumen wie christlichen Kirchen – doch die Opposition bremst.