# taz.de -- Sonderpädagogik und Nationalsozialismus: Behinderte Aufklärung
       
       > Kinder aus armen Familien müssen häufiger auf die Sonderschule: Liegt das
       > daran, dass die Schulform ein Nazi-Erbe ist? Die Frage sorgt für Streit.
       
 (IMG) Bild: Schwerer Vorwurf: Die Sonderpädagogik soll Wurzeln in der NS-Zeit haben
       
       Ina Schröder schweigt. Sie macht das nach jeder Frage, die man ihr zu ihrem
       Vater stellt. Sie kneift die Augen zu und versucht sich zu erinnern. Über
       ihren Vater zu sprechen fällt ihr schwer, deshalb ist Ihr Name ein
       Pseudonym.
       
       Ihr Vater, Karl Tornow, gilt heute als einer der einflussreichsten
       Sonderpädagogen der NS-Zeit. Er war Propagandachef der Sonderschulen,
       Berater des rassenpolitischen Amts, prägte die Lehre der völkischen
       Sonderpädagogik, die für die Zwangssterilisation von hunderttausenden
       „Behinderten“ mitverantwortlich war.
       
       Bis vor einigen Jahren wusste seine Tochter kaum etwas über seine
       Vergangenheit. Sie ist das jüngste Kind aus zweiter Ehe, wird nach dem
       Krieg geboren. Ihr Vater hat längst ein neues Leben begonnen, sein
       Entnazifizierungsverfahren weist ihn als Benachteiligten des Naziregimes
       aus. Er gilt als unbelastet.
       
       Tornow hat die Sonderpädagogik aufgegeben und eine Ausbildung zum
       Psychotherapeuten gemacht. Seine Tochter erinnert sich an ihn als einen
       Mann, für den die Menschen im Mittelpunkt stehen, bei der Arbeit, privat.
       Daran, wie sie und ihr Bruder als Kinder auf seinem Schoss sitzen. Wie er
       Kasperletheater aufführt, das er noch aus seiner eigenen Kindheit kennt. Er
       bringt ihnen bei, Fliegen mit der Hand zu fangen, um sie in die Freiheit zu
       entlassen.
       
       ## „Warum lebe ich überhaupt?“
       
       1975 beginnt sein öffentlicher Fall. Ein Sonderpädagoge thematisiert in
       einem Fachmagazin sein Unterrichtsbuch „Erbe und Schicksal. Von
       geschädigten Menschen, Erbkrankheiten und deren Bekämpfung“. Tornow hat es
       1934 mit einem Kollegen verfasst. Es richtet sich an „behinderte“ Kinder,
       hetzt gegen „Asoziale“, gegen „blöde Männer mit Spalthänden“, „Idioten“,
       „Trinker“, „Schwachsinnige“.
       
       Die Lektion, die Schüler lernen: Wer „erbkrank“ ist, der muss sich zum
       Volkswohl sterilisieren lassen. Sie bekommen Fragen mit wie: „Warum lebe
       ich überhaupt?“ Die Antwort können sie nachlesen: „Es wäre besser, ich
       hätte niemals das Leben kennengelernt und wäre niemals geboren worden.“
       Tornow wird von den Sonderpädagogen der Nachkriegszeit als skrupelloser
       NS-Funktionär gebrandmarkt.
       
       Seine Tochter liest das Buch zum ersten Mal nach seinem Tod in den 1980er
       Jahren. Sie und ihr Bruder räumen sein Haus aus, tragen den Nachlass
       zusammen. Sie finden Schriften von ihm aus der NS-Zeit. „Erbe und
       Schicksal“, Aufsätze über die völkische Sonderpädagogik, politische
       Dokumente, Fibeln, Elternbroschüren. Es dauert fast zwanzig weitere Jahre,
       bis Schröder mehr über die Vergangenheit ihres Vaters erfährt.
       
       Die Erziehungswissenschaftlerin Dagmar Hänsel kontaktiert sie. Sie will den
       Nachlass sichten. Hänsel forscht seit Jahren zur Geschichte der
       Sonderpädagogik in der NS-Zeit, auch zu Karl Tornow. Sie hat Quellen über
       ihn zusammengetragen, einige davon galten als verschollen, andere wurden
       versteckt. Für sie ist klar, Tornow war mehr als bloß ein einfacher
       NS-Funktionär. 2008 veröffentlicht sie ein Buch über ihn: „Karl Tornow als
       Wegbereiter der sonderpädagogischen Profession. Die Grundlegung des
       Bestehenden in der NS-Zeit“.
       
       Es ist ein schwerer Vorwurf: Die Sonderpädagogik soll Wurzeln in der
       NS-Zeit haben, die bis heute wirken. Und nicht nur das: Hänsel sagt auch,
       dass sich die Sonderpädagogik bis heute nicht ausreichend mit dieser
       Vergangenheit beschäftigt habe. Der Verband der Sonderpädagogik und
       zahlreiche Forscher weisen das zurück. Sie werfen Hänsel vor, die
       Geschichte für ihre Kritik an der Sonderschulpädagogik zu
       instrumentalisieren.
       
       ## Sozial schwach ist gleich behindert
       
       Dagmar Hänsel sagt, das deutsche Sonderschulsystem sei international
       einzigartig. Diese Bedeutung habe es durch den Nationalsozialismus erlangt.
       Die Hilfsschule als die Sonderschulform, die Lernschwache unterrichtet,
       oder wie es damals hieß, „Geistigschwache“ und „angeboren Schwachsinnige“,
       sei im Nationalsozialismus zum Zentrum des deutschen Sonderschulsystems
       geworden. Und bis heute geblieben.
       
       Ihre Nachfolgerin, die Förderschule mit Schwerpunkt Lernen, stellt heute
       fast die Hälfte aller Sonderschulen in Deutschland. Ihre Vertreter sind in
       Wissenschaft und Politik die wichtigsten Stimmen unter Sonderpädagogen.
       Dabei ist die Förderschule mit Schwerpunkt Lernen höchst umstritten. Die
       meisten Kinder, die sie besuchen, stammen aus armen Familien, haben häufig
       einen Migrationshintergrund. Weniger als ein Viertel erlangt einen
       Hauptschlussabschluss. „Kinder aus sozial schwachen Familien werden in
       Deutschland bis heute für behindert erklärt und aus der allgemeinen Schule
       ausgewiesen“, sagt Hänsel. Einer der Leute, der diese Entwicklung massiv
       vorantrieb, war Karl Tornow.
       
       Die Hilfsschule steckt zu Beginn der NS-Zeit in einem Dilemma. Sie
       definiert ihre Schülerschaft als „angeboren schwachsinnig“, was die
       Nationalsozialisten in ihren Vorstellungen mit „erbkrank“ gleichsetzen.
       Wenn aber alle Schüler der Hilfsschule „erbkrank“ sind, wozu soll man die
       Hilfsschule dann erhalten? Welche Eltern würden ihr Kind freiwillig auf
       diese Schule schicken? Karl Tornow löst dieses Problem.
       
       Er führt den Begriff der „Behinderung“ ein. Er definiert Hilfsschulkinder
       als Kinder, „die ein bisschen zurück sind“. „Beim einen ist es das Lesen,
       beim anderen das Schreiben, beim dritten das Erzählen, beim vierten das
       Diktat oder das Auswendiglernen. Der fünfte ist unruhig, passt nicht auf,
       er kann nicht stillsitzen. Der sechste ist langsam und pomadig, nichts kann
       ihn aus der Ruhe bringen.“
       
       Tornow betont, dass diese Hilfsschüler nicht zwangsweise „erbkrank“ seien.
       Er grenzt sie von „Schwachsinnigen“ ab, die in die Anstalt gehörten. Den
       Nationalsozialisten gegenüber legitimiert er die Hilfsschule, weil sie die
       „schwachen Kinder“ aus der Volksschule fernhalte und gleichzeitig ein
       Sammelbecken für „potenziell erbkranke Kinder“ sei, die man sterilisieren
       könne.
       
       Heutige Schätzungen gehen davon aus, dass die Hälfte der Hilfsschüler im
       Dritten Reich sterilisiert wird.
       
       ## Problematische Aufarbeitung
       
       1934 führt Tornow erstmals in Deutschland den Begriff Sonderpädagogik als
       zentralen Fachbegriff ein. In einer Rede erklärt er, dass es bei der Arbeit
       der Sonderpädagogen nicht auf die einzelne Schädigung eines Kindes ankomme,
       ob es blind, taub oder langsam sei, sondern darauf, ob die Gefahr bestehe,
       dass jemand „behindert“ sei, sich unter „Benutzung der üblichen Bildungs-
       und Erziehungseinrichtungen“ zum „vollwertigen und lebenstüchtigen Mitglied
       des deutschen Staates“ zu entwickeln. „Der Begriff der Besonderung“,
       erklärt Tornow, habe den Vorteil, dass eine Abweichung vom Üblichen
       mitgedacht werde, „ohne daß sich wie beim Heilen eine Sinngebung auf
       Krankes, Anormales, Defekthaftes, und wie die gefühltsbetonten Dinge alle
       heißen, einschleicht.“
       
       Für Hänsel begründet Tornow damit das berufliche Selbstverständnis der
       Sonderpädagogen, das bis heute gilt. Doch davon wolle man heute nichts
       wissen: „In kaum einer Überblicksdarstellung der Sonderpädagogik und in
       keiner Begriffsgeschichte finden sie auf diese Ursprünge einen Hinweis.“
       Auch zu anderen zentralen NS-Sonderpädagogen läge bis heute keine
       nennenswerte Forschung vor.
       
       Das Problem mit der Aufarbeitung sei, dass die offizielle
       Geschichtsschreibung der Sonderpädagogik seit der Nachkriegszeit vom
       Verband Sonderpädagogik und ihm nahestehenden Sonderpädagogen bestimmt
       werde, behauptet Hänsel. „Kein Historiker oder Erziehungswissenschaftler
       hat sich bisher eingehend mit dem Thema beschäftigt. Es ist eine komplett
       interne Sache.“ Bis jetzt.
       
       Der Verband Sonderpädagogik gründet sich nach 1945, zunächst unter dem
       Namen Verband deutscher Hilfsschulen. Er hat das erklärte Ziel, das
       Hilfsschulsystem in Deutschland auszubauen und das Sonderschulsystem
       auszudifferenzieren. Zwar bezieht sich der neue Verband auf den 1933
       aufgelösten Hilfsschulverband der Weimarer Republik, doch viele seiner
       führenden Vertreter waren in den Nationalsozialismus verstrickt.
       
       Gustav Lesemann, der bis zu seinem Tod 1973 als „Vater der Sonderpädagogik“
       gilt und Ehrenvorsitzender des Verbands ist, äußert sich 1931: „Solange man
       sich nicht entschließen kann, zur Zwangsuntersuchung vor der Ehe, zur
       Sterilisierung tiefstehender Schwachsinniger zu greifen, bleibt die
       Erziehung so ziemlich der einzige Weg der Fruchtbarkeitsauslese.“
       
       Während des Nationalsozialismus kritisiert er sogar die angeblich zu lasche
       Anwendung des Gesetzes zur Verhütung „erbkranken“ Nachwuchses: „Ich
       persönlich stehe auf dem Standpunkt, daß man hier und da ruhig einmal einen
       Zweifelsfall mehr sterilisieren soll, anstatt etwa (…) viele durchrutschen
       zu lassen, die in Wirklichkeit sterilisiert werden müßten.“ Noch heute ist
       eine Förderschule in Baden-Württemberg nach ihm benannt.
       
       ## Er machte sich zum Anwalt dieser Kinder
       
       Es sind nicht nur personelle Kontinuitäten, die den Verband Sonderpädagogik
       in der Nachkriegszeit prägen. Man baut auch auf den Ideen aus der NS-Zeit
       auf. Man orientiert sich an den Unterrichtsrichtlinien, die Tornow 1942 für
       das Dritte Reich entwickelt hat, man nutzt die Ausbildungskonzepte für
       Sonderschullehrer, Unterrichtmaterialien, Elternbroschüren.
       
       1960 plant die Kultusministerkonferenz die Zukunft der Sonderpädagogik.
       Zwei Jahre lang wird beraten, verschiedene Mitglieder des Verbands
       Sonderpädagogik sind beteiligt. Ein Gutachten legt die spätere,
       international beinahe einzigartige Struktur der deutschen Sonderpädagogik
       vor: Insgesamt dreizehn verschiedene Sonderschultypen werden aufgelistet.
       
       In der Einführung zum Gutachten heißt es: „Das Ansehen der Sonderschulen in
       der Öffentlichkeit muss gehoben werden. Das deutsche Volk hat gegenüber den
       Menschen, die durch Leiden oder Gebrechen benachteiligt sind, eine
       geschichtliche Schuld abzutragen.“ Das diese geschichtliche Schuld die
       Sonderschulen selbst mittragen, bleibt unbekannt. Hilfsschullehrer
       schweigen entweder, oder sie behaupten, dass die Hilfsschule in der NS-Zeit
       bedroht gewesen sei, dass sie versucht hätten, sie zu retten. Wie Karl
       Tornow.
       
       Noch 1943 notiert er: „Wohl kaum eine Schulart hat durch die
       nationalsozialistische Revolution eine solche innere und äußere
       Umgestaltung erfahren wie die deutschen Sonderschulen.“ In seiner
       Entnazifizierungsakte klingt das anders: „Die Partei war ein
       ausgesprochener Gegner der Heilpädagogik.“ Sie habe nicht nur die
       „behinderten“ Kinder sterilisieren und vernichten wollen, sondern auch die
       Hilfsschule selbst. „Ich machte mich zum Anwalt dieser Kinder“, schreibt
       Tornow.
       
       „Sonderpädagogen legitimieren sich bis heute moralisch als Anwälte für das
       Lebensrecht behinderter Menschen“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin
       Hänsel. „Aber die Sonderpädagogik – besonders die Lernbehindertenpädagogik
       – hat sich ihren fundamentalen Ausbau in der Nachkriegszeit auf dem Rücken
       ihrer NS-Opfer erschlichen.“
       
       ## Keine Hinweise auf der Webseite des Verbands
       
       Der Verband hält sich mit Informationen zu seiner NS-Geschichte eher
       bedeckt. Auf der Internetseite findet man keinerlei Hinweise. Wer auf
       Wikipedia nachschaut, findet lediglich einen kurzen Passus, in dem steht:
       „Der Verband gründete sich 1898 als Verband deutscher Hilfsschulen. 1955
       erfolgte die Umbenennung in Verband deutscher Sonderschulen, im Jahre 2008
       in Verband Sonderpädagogik.“ Auf Nachfrage wird man auf die zwanzig Jahre
       alte Verbandschronik verwiesen. Der NS-Geschichte widmen sich die Chronik
       knapp dreißig von fast dreihundert Seiten. Tornow wird kurz abgehandelt.
       Selbst seine biografischen Daten sind falsch.
       
       Eine der Autorinnen ist die ehemalige Hilfsschullehrerin und
       Sonderpädagogin Sieglind Ellger-Rüttgardt. Sie unterrichtete jahrelang an
       der Humboldt-Universität in Berlin und gilt als Koryphäe der
       sonderpädagogischen Geschichtsschreibung. Dass es keine tiefgehende
       Beschäftigung mit Tornow gab, erklärt Ellger-Rüttgardt damit, dass dieser
       nach 1945 keine Rolle mehr gespielt habe. Den Vorwurf der mangelnden
       Aufarbeitung weist sie zurück.
       
       „In den 70er Jahren haben Sonderpädagogen angefangen, sich kritisch mit der
       NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen“, sagt sie. Man habe den Mythos von
       der „Rettung der Hilfsschule“ widerlegt, Verstrickungen von Sonderpädagogen
       wie Gustav Lesemann und die Verbrechen an „Behinderten“ aufgedeckt. Dabei
       seien auch Kontinuitäten in der Vor- und der Nachkriegszeit thematisiert
       worden. Hänsel gehe zu weit, wenn sie diese bis in die Gegenwart ziehe.
       „Sie instrumentalisiert die Geschichte, um damit die Sonderpädagogik
       anzugreifen.“
       
       Hänsel hält dagegen. Bereits in den 1980er Jahren hätte man kritische
       Sonderpädagogen auf ähnliche Weise abgespeist. Einer forderte damals, dass
       die Erfahrung der jüngeren Vergangenheit, eine nichtaussondernde Erziehung
       notwendig mache. Ellger-Rüttgardts Antwort darauf lautete: Geschichte sei
       kein Steinbruch, den man für passende Argumente in der Gegenwart
       missbrauchen dürfe. Eine wissenschaftliche Karriere machte aber keiner der
       Kritiker.
       
       „Die heutigen, angeblich kritischen Darstellungen der offiziellen
       Geschichtsschreibung haben sich nur geringfügig verändert“, sagt Hänsel.
       Die Sonderpädagogen werden weiterhin oft als Opfer des Nationalsozialismus
       dargestellt, ein Text spricht gar von der „Opferqualität auch der Täter.“
       Auch Ellger-Rüttgardt behaupte immer noch, die Hilfsschule sei bis 1935
       bedroht gewesen. Dafür gäbe es keinerlei aussagekräftige Beweise. Leute wie
       Tornow deute sie zu NS-Funktionären um und stelle sie außerhalb der
       Hilfsschullehrerschaft. „Das ist keine kritische Aufarbeitung, das ist
       Geschichtsfälschung“, sagt Hänsel. „Mit Quellen wird nur selektiv, oft gar
       nicht gearbeitet.“
       
       ## Eugenische Ideen des NS-Staates propagieren
       
       Ähnlich sieht das auch der Sonderpädagoge Werner Brill, der jahrelang
       Ellger-Rüttgardts Assistent war. 2010 legt er eine Habilitation über die
       NS-Zeit vor. Er greift seine Kollegen scharf an: „Vieles ist geprägt durch
       ideologische Denkmuster, durch standespolitische Interessen, durch
       Rücksichtnahmen und durch politische Lagerbildung.
       
       Noch immer kann z. B. keine Monographie zum Thema ‚Sonderschule im
       NS-Staat‘ mit gutem Gewissen empfohlen werden.“ Ein durchgängiges Phänomen
       sei die „unkritische Übernahme von Positionen anderer“, ohne dass „deren
       Darstellungen hinterfragt werden. Aus Meinungen werden Fakten.“ Oft werde
       auf Nachweise verzichtet. Besonders problematisch sei, dass die Geschichte
       der NS-Zeit beinahe ausschließlich von ehemaligen Hilfsschullehrern und
       nicht von Externen geschrieben werde.
       
       Brill zeigt durch eine umfassende Recherche in regionalen Archiven und im
       Bundesarchiv in Berlin, dass Hilfs- und Sonderschullehrer massiv die
       eugenischen Ideen des NS-Staates stützen, propagieren und umsetzen – und
       das aus freien Stücken. Der Verband der Sonderschulen in Berlin und
       Brandenburg richtet sich, im Namen des Verbandes der Hilfsschulen
       Deutschlands, bereits im Januar 1933 an das Ministerium für Wissenschaft,
       Kunst und Volksbildung und bittet, die Durchführung einer Befragungsaktion
       über die „Vererbung des Schwachsinns“ zu genehmigen. Personenbezogene Daten
       über ehemalige Hilfsschüler und ihre Eltern sollen erhoben werden, über
       vermeintliche Krankheiten und Schädigungen ihrer Eltern, Großeltern,
       Kinder. Die Nationalsozialisten lehnen dieses Vorhaben ab.
       
       Brills Habilitation fällt beinahe durch. Von drei Gutachtern stimmt einer
       dagegen. Brill hat vor einigen Monaten Akteneinsicht genommen und gesehen,
       dass das Veto vom Sonderpädagoge Clemens Hillenbrand stammt, der
       Schriftleiter des Verbands ist. Brill berichtet, er sei Hillenbrand vorher
       im Rahmen einer Probevorlesung für eine Professur begegnet. Brill hatte in
       seiner Probevorlesung die Forschungspraxis von sonderpädagogischen
       Historikern wie Ellger-Rüttgardt kritisiert. Hillenbrand habe ihm zu
       verstehen gegeben, dass man diese Personen aufgrund ihrer großen Verdienste
       für die Sonderpädagogik nicht auf solche Weise kritisieren dürfe. Auf
       Nachfrage der taz erklärte Hillenbrand, er dürfe sich zu den Vorwürfen aus
       juristischen Gründen nicht äußern.
       
       ## Ein AfDler ist Referent des Verbands
       
       Ein externes Gutachten rettet Brills Habilitation. Es würdigt die Arbeit
       als wichtige Pionierleistung. Besprochen wird die Studie von fast
       niemandem, obwohl Brill Exemplare an alle wichtigen Sonderpädagogen
       schickt. „Man versucht, es unter den Teppich zu kehren“, sagt er.
       
       Kritischen Nachwuchs gebe es heute nur noch wenig, die Geschichte der
       Sonderpädagogik sei kein verbindliches Fach im Studium. Viele angehende
       Sonderpädagogen wüssten kaum etwas über die Vergangenheit ihrer Disziplin.
       Brill biete jedes Semester ein Seminar zum Nationalsozialismus an. Seine
       Studenten seien oft entsetzt über die Situation in der Forschung. „Ich
       erkläre ihnen jedes Jahr aufs Neue: Was in unserer Disziplin gefordert
       wird, um erfolgreich zu sein, ist ein Papageientum des Geistes, das den
       Stillstand manifestiert.“
       
       Der Verband Sonderpädagogik reagiert nun auf die Kritik. Er hat
       angekündigt, auf seinem nächsten Bundeskongress auch die Rolle der
       Sonderpädagogik im Dritten Reich zu diskutieren, er findet am kommenden
       Wochenende in Weimar statt. Als Vortragende hat man Dagmar Hänsel
       eingeladen. Sie ist gespannt, aber auch skeptisch: „Ich publiziere seit
       Jahren, und es ist nie etwas passiert. Wahrscheinlich will man sich den
       Anschein geben, als setze man sich mit der Kritik auseinander – und dann
       weitermachen wie bisher.“
       
       Hänsel hat Gründe für ihre Skepsis. Als einziger Nachwuchswissenschaftler
       wurde Frank Brodehl eingeladen. Brodehl ist Taubstummenlehrer und im
       Landesvorstand der AfD in Schleswig-Holstein. Er ist vor Kurzem zum
       stellvertretenden Referenten des Verbands für den Schwerpunkt Hören ernannt
       worden, nachdem er letztes Jahr eine Dissertation zur NS-Geschichte
       vorgelegt hat. Sie trägt den Titel: „Widerstand, Anpassung,
       Pflichterfüllung? Zur Konfrontation der Taubstummenpädagogik mit dem Gesetz
       zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933.“ Doktorvater ist
       der Verbandsschriftleiter Clemens Hillenbrand.
       
       ## Schmale und einseitige Quellenbasis
       
       Brodehl analysiert drei Taubstummenschulen in Schleswig-Holstein und nimmt
       die Taubstummenlehrer in Schutz: „Dem (…) verführerischen Gedanken, dass
       fortan kein Kind mehr mit einer Erbkrankheit geboren werden sollte, konnte
       nach der Gleichschaltung des Berufsverbandes kein Widerspruch mehr
       entgegengebracht werden; das enge Netz der Propaganda hätte – wenn
       überhaupt – nur durch einen organisierten Widerstand auf breiter Basis
       zerrissen werden können.“
       
       Brodehl stellt sich damit gegen das Werk von Horst Biesold. Dieser hatte in
       „Klagende Hände“ in den 1980er Jahren ein Tabuthema, die Sterilisierung und
       Ermordung von Taubstummen im Nationalsozialismus, als Erster öffentlich
       gemacht – gegen den Widerstand seiner Kollegen, die ihm Quellenmaterial
       verweigerten und sich öffentlich von ihm distanzierten. Biesold führte mit
       über 1.200 sterilisierten Taubstummen Interviews, sein Werk wurde vom
       United States Holocaust Museum in den USA gewürdigt.
       
       Brodehl wirft Biesold vor, aus „Entrüstung und Zorn“ die
       Taubstummenpädagogik pauschal anzuklagen: Seine Quellenbasis sei „schmal“
       und „einseitig“, es gebe „Spekulationen“, „Fehlinterpretationen“ und
       „Übertreibungen“.
       
       Brodehls Studie wird vom Verband hochgelobt. Auch Ellger-Rüttgardt nennt
       sie auf der Verbandsseite einen „wichtigen Beitrag zur sonderpädagogischen
       Geschichtsschreibung“, gestützt auf „umfangreiches Quellenmaterial“. Es
       verbiete sich ein „pauschalierender, Gewissheit vortäuschender
       Schwarz-Weiß-Blick auf die Geschichte“.
       
       Die Debatte am nächsten Wochenende dürfte hitzig werden.
       
       17 Apr 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Giacomo Maihofer
       
       ## TAGS
       
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