# taz.de -- Mexikos Vorzeigegefängnis: Wo die Bosse tanzen
       
       > Sexarbeit, Drogen und Rockkonzerte sollen keine Seltenheit im Gefängnis
       > von Ciudad Juárez sein. Banden haben dort das Sagen. Ein Besuch.
       
 (IMG) Bild: Häftlinge errichten eine Kirche für den Besuch von Papst Franziskus Anfang Februar
       
       Ciudad Juárez taz | Der „Hinkende“, ein Häftling im grauen Jogginganzug,
       wird sie nie vergessen, diese Julinacht im Jahre 2011. Als die Angehörigen
       der „Artistas Asesinos“ (“Mordende Künstler“) einen grausamen Rachefeldzug
       gegen die „Aztecas“ im Männergefängnis von Ciudad Juárez vollführten. „Eine
       selbstgebastelte Lanze verfehlte nur knapp meinen Kopf“, erinnert er sich
       und zieht die dichten Augenbrauen zum kahlen Schädel hoch.
       
       Auch wenn er so zusammengekauert wie jetzt auf der Betonbank im Schatten
       einer Mauer sitzt, wirkt er bedrohlich kompakt. Seine Augen jedoch sind
       freundlich und aufmerksam, wie die eines interessierten Kindes. Während er
       erzählt, schweift sein Blick unwillkürlich zum Areal 15, den grauweißen
       Zellblöcken, wo alles geschah. Der Hinkende konnte sich damals außer
       Reichweite der Gitterstäbe flüchten. Diejenigen, zu deren Zellen sich die
       Bewaffneten Zugang verschafften, wurden niedergemetzelt.
       
       Als sich die Gefängnisleitung Stunden später mit Hilfe des Militärs Einlass
       verschaffte, fand sie grauenhafte Szenen vor. Tote, die aus dem zweiten
       Stockwerk geworfen in ihrem eigenen Blut schwammen. Von Kugeln und Stichen
       entstellte Körper, mit Besenstielen geschändet. Und doch war das nur eines
       von einer langen Reihe blutiger Massaker im damaligen Epizentrum des
       sogenannten Drogenkriegs.
       
       Wer ins Innere des Gefängnisses Nr. 3 gelangen will, muss
       Sicherheitskontrollen und Schleusen durchlaufen. Mehrere Ringe hoher Mauern
       und Stacheldrahtzäune fassen den nebeneinander liegenden Frauen- und
       Männerknast von Ciudad Juárez ein, in denen rund 2.800 männliche und 300
       weibliche Gefangene einsitzen. Der Hof zwischen den Wachtürmen ist
       weitläufig betoniert, nachdem unter früheren Kleingärten klandestine
       Waffenarsenale gefunden wurden. „Tanzen gehen“ nennen die Gefangenen den
       Hofgang. Außer „Tanzen“ gibt es nicht viel zu tun, auch wenn ein absurd
       farbenfrohes Video des Bundesstaates Chihuahua mehr Aktivitäten als in
       einer Ferienanlage in der Karibik verspricht.
       
       ## Ein lebensferner Ort in Sepia
       
       Der Hinkende kennt das Gefängnis Nr. 3 des Bundesstaats Chihuahua seit dem
       Tag, als er zu alt für den Jugendknast wurde, die kahlen Betonwände, der
       weite Hof, die hohen Mauern. Alles ist in Grau, Weiß, Braun, Beige
       gehalten. Ein lebensferner Ort in Sepia unter greller Wüstensonne. Mit
       seinen 41 Jahren hat der Hinkende einen Großteil seines Lebens hier
       verbracht. Wegen guter Führung könnte er im September freikommen. Mal
       wieder, nach drei Jahren.
       
       Wäre er ein Manager, würde man ihn als innovativ und wagemutig beschreiben.
       Doch den Hinkenden interessieren nur Geschäfte abseits der Legalität. Wird
       er entlassen, ist er sofort wieder dabei: Autodiebstahl, Grenzschmuggel,
       Überfälle auf Geldtransporter. Er sei vom Pech verfolgt, sagt er, denn nie
       schaffe er es, Weihnachten im Kreise seiner Familie zu verbringen. Vorher
       erfolgt immer schon die nächste Festnahme. Und so wird der stämmige
       Kahlkopf zum unfreiwilligen Chronisten der Knastwelt von Ciudad Juárez.
       
       Im Gefängnis begann der Krieg der Kartelle um die mexikanische Grenzstadt
       schon bevor die Gewalt auf der Straße losbrach und dann von Militär und
       Bundespolizei nochmals potenziert wurde. Während das alteingesessene
       Juárez-Kartell mit dem erstarkten Sinaloa-Kartell um die Vorherrschaft
       rang, bildete der Knast das Operationszentrum der sie unterstützenden
       Drogenbanden – und wurde so auch Austragungsort von Hinrichtungen und
       Vergeltungsmaßnahmen unter denjenigen, die die bewaffneten Arme der
       Kartelle repräsentierten: Soldaten der zwischen Kolumbien und den USA
       agierenden Generalstäbe. 210 Häftlinge starben allein im Jahr 2010, zu
       Hochzeiten der Gewalt in Juárez; daneben fast 30 Gefängnismitarbeiter und
       ein Direktor, der sich getraut hatte, Bandenchefs strafzuverlegen.
       
       ## Das Zertifikat
       
       Die Szenarien der Kriegsjahre seien nicht zu beschönigen, gehörten aber der
       Vergangenheit an, versichert Jorge Bisuett, Staatsanwalt für die Umsetzung
       strafrechtlicher und juristischer Maßnahmen in Chihuahua und in dieser
       Funktion oberste Autorität des Gefängnisses Nr. 3. Im mit dezenter
       Beleuchtung ausgestatteten Verwaltungstrakt bietet er Kaffee und süße
       Brötchen aus der gefängniseigenen Bäckerei an. Die autonome
       Selbstverwaltung der Häftlinge sei seit der Übertragung des Gefängnisses
       von lokaler in bundesstaatliche Verantwortung im Jahr 2011 durchbrochen.
       
       Der Jurist mit feingeschnittenem Gesicht und schwarzen Haaren ist erst seit
       einem halben Jahr im Amt; das Gefängnis Nr. 3 kannte er schon, als er noch
       studierte. „Die Zeiten, in denen die Gefangenen bis an die Zähne bewaffnet
       waren, in denen es einen Tabledance-Club auf dem Gelände gab und der
       Direktor um Einlass bitten musste, gehören der Vergangenheit an.“ Das
       Gefängnis sei im letzten Jahr von der American Correctional Association
       (ACA) zertifiziert und mit Preisen ausgezeichnet worden, sagt Bisuett
       stolz.
       
       Papst Franziskus besuchte das Gefängnis im Rahmen seiner Mexikoreise im
       Februar, insgesamt 36 Millionen Pesos wurden in die Umstrukturierung
       investiert. Ein Pilotprojekt, das Mexiko bitter nötig hat. Starben doch
       zuletzt ebenfalls im Februar bei Kartellkämpfen in einem Gefängnis in
       Monterrey über 50 Menschen. Und erst einen Monat zuvor wurde der im Juli
       2015 aus dem Hochsicherheitstrakt entkommene Drogenboss Joaquín „El Chapo“
       Guzmán erneut gefasst.
       
       ## Im Mittelfeld der „Regierbarkeit“
       
       Die Nationale Menschenrechtskommission (CNDH) spricht in einem aktuellen
       Bericht davon, dass eine „Selbstregierung“ der Häftlinge in Mexikos Knästen
       weit verbreitet sei. Durch den andauernden „Drogenkrieg“ seien die
       Gefängnisse überfüllt; Verwaltung und Wärter korrumpiert. Neben Narcos und
       Killern sitzen Verdächtige ohne Verurteilung, Schuldige wegen
       Bagatelldelikten und Unschuldige, die unter Folter aussagten, hinter
       Gittern. Das investigative Wochenmagazin Proceso stellt die Zertifizierung
       der mexikanischen Knäste deshalb infrage. Und auch im Gefängnis Nr. 3, das
       im CNDH-Bericht in der Bewertung der „Regierbarkeit“ im Mittelfeld liegt,
       scheinen die gleichen Strukturen vorzuherrschen wie jeher: die der Banden.
       
       Mit bloßem Auge sind die „Aztecas“, die „Artistas Asesinos“ und die
       „Mexicles“ kaum voneinander zu unterscheiden. Eine graue Masse bilden die
       Häftlinge, die im Gänsemarsch Richtung Essenssaal ziehen. Nur Körpergröße
       und Turnschuhfarben scheinen zu variieren. Lediglich an verdeckten Tattoos
       und stolzen Handzeichen ist es plötzlich auszumachen, das wichtigste Detail
       im Knastleben.
       
       Die Banden haben Tradition in Juárez, der Grenzstadt mit den ausgedehnten
       Armenvierteln, deren unverputzte Häuser sich im Nordwesten in die Wüste
       fressen und im neuen Süden neben den Weltmarktfabriken stehen, die täglich
       im Schichtrhythmus ein Viertel der Bevölkerung verschlucken. Erst der Krieg
       des Juárez-Kartells der Brüder Carillo Fuentes mit dem fußfassenden
       Sinaloa-Kartell des „Chapo“ machte die Banden zu dem, was sie heute sind:
       Stoßtrupps des organisierten Verbrechens. Die „Aztecas“ nahmen ihren Platz
       als die „Verteidiger von Juárez“ ein. Die „Mexicles“ wurden vom
       Sinaloa-Kartell eingekauft; ebenso die „Mordenden Künstler“, die einst
       tatsächlich Graffitis sprühten.
       
       ## „La jefita“ wird respektiert
       
       Neutral ist im Gefängnis Nr. 3 lediglich der Bereich der Evangelikalen.
       Hier wird nicht „getanzt“, sondern gebetet. Wachen sind nur in diesem
       Bereich zu sehen. In den Bereichen der Banden herrschen strenge
       Hierarchien, Disziplin und Respekt; die Bosse tragen Schusswesten und
       Pistolen. Der Chef der „Aztecas“, Joel Roque Flores alias „Junior“, ein
       bulliger Typ, der wegen Hinrichtungen und der Kontrolle des Drogenhandels
       im Zentrum von Juárez einsitzt, gibt an, im Knast mehr Macht zu haben als
       außerhalb der Gefängnismauern.
       
       „Wenn es eine Struktur im Knast gibt, dann die der Banden“, bestätigt auch
       Gesundheitspromotorin Irma Medina mit blitzenden Augen. „La jefita“ wird
       sie genannt, die kleine Chefin, die aufgrund ihrer ausgesprochenen
       Neutralität von allen respektiert wird. Denn im Gefängnis Nr. 3 bedeutet
       die Bandenzugehörigkeit alles. „Wer keine hat, muss sich den Schutz einer
       Bande erkaufen.“
       
       Die Wände ihres kleinen Hauses sind überfüllt mit im Knast für sie
       angefertigten Holzschnitten und Gemälden. Danksagungen für die Befreiung
       von Hautkrankheiten und die Beschaffung von Chemotherapien. Einige stellen
       aztekische Göttergestalten dar, beliebtestes Motiv der berüchtigten
       „Aztecas“. Seit einem Vierteljahrhundert betreut die resolute Frau
       Gefangene – „ihre Gefangenen“. Warum sie mit Mördern arbeite? Ihre Taten
       seien nicht zu rechtfertigen, sagt Irma Medina. „Doch hinter jedem Häftling
       steht eine Familiengeschichte von Vernachlässigung, Marginalisierung und
       Gewalt.“
       
       ## Sexarbeit und Drogen
       
       Während hinter Medina ein Dutzend Zierkarpfen das Wasser im Aquarium zum
       Schäumen bringen und aus dem Zimmer ihres Sohns Elektrobässe dröhnen, wirkt
       sie vollkommen gelassen. Die Gesundheitspromotorin kommt selbst aus armen
       Verhältnissen. Sie begann mit Streetwork; erst viel später konnte sie
       studieren. Gerade hat sie ein Gesundheitszentrum für Familienangehörige von
       Gefangenen außerhalb der Mauern gegründet. Immer wieder wurde sie vom
       Staatsdienst suspendiert, weil sie Spritzen und Kondome in den Knast
       einschmuggelte. „Offiziell gibt es weder Sex noch Drogen im Gefängnis Nr.
       3“, berichtet Medina und verzieht das Gesicht.
       
       Eine weitere Legende also, so scheint es. Denn erst Mitte Februar sorgte
       der Fall der 21-jährigen Mariana Ibarra für Furore, die ihr Exmann, Eduardo
       „El Lalo“ Soto, Chef der „Mexicles“, in seiner Zelle festhielt und mit dem
       Tod bedrohte. Die junge Frau berichtete lokalen Medien mit aufgeplatzter
       Lippe, dass Soto über sein Handy aus dem Gefängnis illegale Geschäfte
       abwickele, seine Zelle luxuriös ausgestattet sei, dass sämtliche illegalen
       Substanzen frei verfügbar seien und unkontrolliert auf den Gefängnishof
       gelangten. Die Gefängnisleitung dementierte den Vorfall kurz vor dem
       Papstbesuch. Ibarra bat in den USA um Asyl.
       
       Der Sonderstaatsanwalt für Delikte gegen Frauen und geschlechterbedingte
       Gewalt, Ernesto Jáuregui, wird ihren Fall weiterverfolgen. Ihm unterliegt
       auch die Untersuchung von Zeugenaussagen im El-Navajo-Fall, dem bislang
       weitreichendsten Verfahren gegen Frauenmorde in der Grenzstadt, die dafür
       traurige Berühmtheit erlangte. Junge Frauen, die in den Jahren 2009 und
       2010 verschwanden, waren vor ihrer baldigen Ermordung noch im Gefängnis
       gesehen worden, wo man sie zu Prostitution und Drogenverkauf zwang.
       
       Sexarbeit, Rockkonzerte und Boxkämpfe seien auch heute keine Seltenheit im
       Knast von Juárez, sagen Familienangehörige hinter vorgehaltener Hand.
       Dieses Wochenende laden die „Aztecas“, die noch immer mächtigste Bande im
       Gefängnis von Juárez, zu einer Wrestlingshow im Areal 15 ein, die sie
       organisiert haben. Von einem Vorzeigeknast scheint das Gefängnis Nr. 3
       tatsächlich noch weit entfernt zu sein.
       
       11 Apr 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kathrin Zeiske
       
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