# taz.de -- YouTuber im Kino: Minimale Formate, maximaler Ruhm
       
       > YouTuber wie PewDiePie oder das Comedy-Team Smosh sind heute bekannter
       > als Hollywood-Stars. Trotzdem zieht es einige von ihnen ins Kino.
       
 (IMG) Bild: Felix Arvid Ulf Kjellberg aka PewDiePie posiert auf dem roten Teppich, Singapur 2013
       
       Neulich war Sascha Lobo gemeinsam mit Kelly a.k.a. MissesVlog bei Marie
       Meimberg zu Gast. Jemand hatte das auf Facebook verlinkt, klang
       interessant, war interessant, gerade weil mir von den dreien nur Sascha
       Lobo was sagte, der Mann mit dem Iro, der seit Jahr und Tag den digital
       nicht so Nativen das Netz und die Folgen erklärt.
       
       Marie Meimberg, die ich nicht kannte, hat beim YouTube-Vermarkter
       Mediakraft gearbeitet, macht Musik und [1][hat einen recht erfolgreichen
       YouTubekanal]. Unter anderem lädt sie dort unter dem Titel „Maries
       Stammtisch“ im Tresenambiente zu Themen wie „Ehe für alle“ oder
       „Flüchtlinge“ Leute zum Talk, die man außerhalb von YouTube oftmals nicht
       kennt.
       
       Sascha Lobo hatte in der Sendung seinerseits ein offen eingestandenes
       Fremdheitserlebnis: Er hat von den Stars mit ihren
       Millionen-Abonnenten-Accounts – [2][zu denen auch Kelly gehört] – meist
       nicht mehr als den Namen gekannt, den von [3][Superstar Dagi Bee] sprach er
       prompt und zum Amüsement der beiden Anwesenden auch noch falsch aus.
       Umgekehrt gilt das übrigens auch: Lobo war Kelly Vlog nicht wirklich ein
       Begriff. Man kam trotzdem ganz gut ins von Lobo allerdings dominierte
       Gespräch. Wer sich für das Internet von gestern und das von heute
       interessiert, sollte das sehen.
       
       Klar, von Le Floid kann man als Altmediennutzer inzwischen wissen, der
       hatte es schon [4][vor dem Interview mit Angela Merkel] in
       außer-youtubische Aufmerksamkeitssphären geschafft. Was auch daran liegt,
       dass er einer der wenigen ist, die sich im üblichen frontalen
       Single-Kamera-Monolog-Format überhaupt zu Gesellschaft und Politik äußern.
       
       Aber Dagi Bee und Kelly, die Schminktippmädchen und Haulpräsentatorinnen,
       die Let’s-Play-Videospiel-Kommentatoren und die Witzemacher und
       Sketchproduzenten mit ihren oft in die Millionen gehenden Zuschauern und
       Abonnentinnen? Es gibt eben tatsächlich ein Innerhalb und ein Außerhalb von
       YouTube, die meisten YouTuber, die in ihrer Zielgruppe Superstars sind und
       im richtigen Leben Menschenaufläufe von kreischenden Teenies verursachen,
       sind für den Rest der Welt einfach niemand.
       
       Aber für die Zielgruppe sind sie richtige Stars. Eine Umfrage, die das
       Filmbranchenblatt Variety im letzten Jahr in den USA in Auftrag gab, kam
       zum Ergebnis: Unter den 13- bis 18-jährigen sind die YouTuber in so
       ziemlich jeder Hinsicht beliebter und bekannter als die Stars aus Film und
       Fernsehen. Das an der Spitze der Bekanntheit liegende [5][Comedy-Team
       Smosh] übertrifft die Werte von Jennifer Lawrence oder Johnny Depp sehr
       deutlich. Der prominenteste Hollywood-Star auf Platz sechs lebt, böse
       Ironie, schon nicht mehr: Es ist der „Fast and Furious“-Protagonist Paul
       Walker. Kein Zufall, dass die Umfrage von Variety kam: Hollywood macht sich
       Sorgen, es könnte den Anschluss verpassen.
       
       ## Grenzenlose Fragmentierung
       
       Aber auch die Zielgruppe ist in sich differenziert, das versteht sich von
       selbst, die Welten der Let’s-Play-Fans (tendenziell männlich) und die der
       Haul-Guckerinnen (tendenziell weiblich) überschneiden sich wenig. Robert
       Kyncl, der Boss der Google-Tochter YouTube, beschreibt das selbst so: „In
       der vernetzten Welt ist auf den Regalen unbegrenzt Platz, aber auch die
       Fragmentierung ist grenzenlos. Die Superfans wissen alles über die
       Menschen, für die sie sich interessieren.
       
       In der Zukunft wird es weniger Überschneidungen geben, weniger Stars, die
       auch sonst jeder kennt. PewDiePie hat 32 Millionen Abonnenten – aber die
       meisten haben noch nie von ihm gehört.“ PewDiePie ist ein schwedischer
       Let’s-Play- und Gameplay-YouTuber; das Zitat stammt aus einem
       New-Yorker-Artikel vom vergangenen Dezember, die Zahl ist nicht mehr
       aktuell, sie liegt jetzt bei über 38 Millionen.
       
       Bei aller Differenzierung: Jung sind sie fast alle, Teens, Twens, die
       wachsen da auch schnell wieder raus, die meisten YouTuber sind mutmaßlich
       Wegwerfstars, aktuell ist unklar, wie sich eine solche Karriere verstetigen
       ließe. Macht erst einmal nichts, für die Werbung sind diese Stars hoch
       attraktiv. Sie haben meistens nicht die mindesten Berührungsängste mit dem
       Kommerz, beim Haul – also dem Video über Fashion- und andere Einkäufe –
       geht es ja gerade um die Marken, den Style, die Personality, die sich über
       Brands selbst brandet.
       
       ## Direkt ins Lachzentrum von Zwölfjährigen gezielt
       
       Und von der Aufmerksamkeit, vom Geld, von den Distinktionen hätten viele
       gern etwas ab, nicht zuletzt die Filmindustrie. Und auch umgekehrt:
       YouTuber fühlen sich als Upstarts und Underdogs, den Glam des Kinos, von
       Hollywood hätten sie gerne auch. Brittany Furlan ist einer der
       erfolgreichsten Stars auf Vine, aber sie gibt offen zu: „Die ganzen
       Vine-Stars wollen nicht hier versacken. Wir wollen ins Fernsehen, ins Kino
       – obwohl wir ironischerweise doch mehr Zuschauer haben als die.“
       
       Vine ist in Deutschland noch nicht so big, ein Minimalvideoformat, das
       passenderweise zu Twitter gehört: Sechs Sekunden, mehr geht da nicht. In
       den USA ist das trotzdem enorm populär, man kann auch staunen, was an
       Anspielungen und (Eigen-)Bezügen so alles möglich ist in dem Format. Die
       mit insgesamt über 6 Milliarden Abrufen wohl populärste Vinerin Lele Pons
       produziert erstaunlich hoch verdichtete Sketche, die den Vorzug haben, das
       mehrmalige Sehen zu provozieren – nicht umsonst heißen die Abrufe bei Vine
       deshalb „Loops“.
       
       So richtig ins Kino geschafft haben es bislang allerdings die wenigsten.
       Klar, es gibt auf YouTube auch eigenproduzierte Webserien, wiederkehrende
       Figuren, Sketchformate. Besonders berühmt und viel abonniert ist in
       Deutschland etwa Freshtorge (mit bürgerlichem Namen Torge Oelrich), der mit
       einzelnen Sketchvideos um die extrem begriffsstutzige Schülerin Sandra
       (gespielt von Freshtorge) Abrufzahlen von über 12 Millionen hat.
       
       Das ist total albernes Zeug, professionell billig gemacht, jetzt auch nicht
       unbedingt blöder als Bully, aber doch sehr direkt ins Lachzentrum von
       Zwölfjährigen gezielt. Oelreich hatte freilich weiter reichende Ambitionen,
       das Ergebnis lässt sich aktuell unter dem sinnbefreiten Titel
       „Kartoffelsalat“ in deutschen Kinos betrachten.
       
       Es wimmelt in diesem Film von deutschen YouTubern, meist in
       Sprechrollen-Häppchen; als Mann aus ganz anderen Zeiten mischt Otto Waalkes
       mit, seine Firma Transwaal hat sogar koproduziert. Das Genre: Schulkomödie
       meets Zombies, das Ganze wird aus nicht näher genannten Gründen mit einer
       Reihe von Anspielungen auf „Breaking Bad“ serviert. Heraus gekommen ist ein
       jämmerlich witzloser Film, der am ehesten an die zum Glück ziemlich
       vergessenen Tiefpunkte von Didi Hallervordens Kinokarriere oder auch die
       Lümmel-Filme der Siebziger erinnern.
       
       ## Mantel des Schweigens über „Kartoffelsalat“
       
       Was auch größere Teile der Zielgruppe nicht anders sehen. Die
       Besucherzahlen sind mit bislang 240.000 alles andere als übel, aber selbst
       auf YouTube sind die Kommentare teils gar nicht freundlich, und in der
       Internet Movie Database liegt „Kartoffelsalat“ bei genau einem Stern (von
       zehn möglichen): zu recht, man breitet am besten den Mantel des Schweigens
       über dieses Desaster.
       
       Und blickt noch einmal nach Amerika, wo es ein anderer Deutscher mit dem
       Crossover schlauer angestellt hat. Flula Borg heißt der Mann, kommt aus
       Franken, was man seinem Amerikanisch auch anhört. Im Vergleich etwa zum
       coolen Schwulenaktivisten Tyler Oakley, der es bis in die Talkshow von
       Ellen DeGeneres schaffte und mehr als 7 Millionen Abonnenten hat, nehmen
       sich Borgs 600.000 recht kümmerlich aus.
       
       Allerdings hat er sich mit einem eigenwilligen Format die Aufmerksamkeit
       Hollywoods gesichert. Er kapert auf seinem Kanal nämlich das Genre des öden
       Promo-Interviews mit Hollywood-Stars, fordert sie dabei auf, bestimmte
       Worte und Sätze zu sagen und Geräusche zu machen und remixt das dann flott
       und gekonnt zu Spoken-Word-Performances.
       
       Stars wie Susan Sarandon, Amy Schumer und Will Ferrell machen das (mehr
       oder weniger) freiwillig mit. Der Trick hat geklappt: Flula Borg ist
       gelandet, wo viele der YouTuber landen wollen, nämlich im Film. Im extrem
       erfolgreichen Sequel des Comedy-Musicals „Pitch Perfect“ hatte er dieses
       Jahr eine kleine Nebenrolle als ein gewisser Pieter Krämer. Prompt führte
       ihn der Hollywood Reporter kürzlich unter den 25 Top Digital Stars. Da
       passt am besten das Wort, mit dem Borg seine Interviews zum Schrecken der
       Gegenüber stets lautstark beginnt: BOOM!
       
       14 Aug 2015
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/user/mariemeimberg
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/user/MissesVlog
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/user/Dagibeee
 (DIR) [4] /Youtube-Star-trifft-Kanzlerin/!5213065/
 (DIR) [5] https://www.youtube.com/user/smosh
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ekkehard Knörer
       
       ## TAGS
       
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