# taz.de -- Journalisten auf Kuba: Warten auf die Freiheit
       
       > Viele kubanische Journalisten hofften auf ein Ende von
       > Menschenrechtsverstößen und Unterdrückung. Bisher vergebens.
       
 (IMG) Bild: Kritische Journalisten haben es schwer auf Kuba – Fernsehteams in Havanna (Archivbild 2011).
       
       Havanna taz | Wenn man mit Roberto Guerra über Pressefreiheit in Kuba
       sprechen will, sagt er erst einmal nichts. Er zeigt einfach ein Foto. Da
       steht der rundliche Enddreißiger, verloren, irgendwo auf einer Straße in
       Havanna. Das rechte Auge blau angeschwollen. Blut rinnt ihm aus der Nase,
       aus dem Mundwinkel. Die Lippen sind aufgeplatzt. Das Bild stammt von Juni
       2014.
       
       Er sei damals auf dem Weg zur tschechischen Botschaft gewesen, erzählt
       Guerra, er wollte Artikel auf sein Nachrichtenportal laden. In der
       tschechischen Botschaft darf er umsonst ins Internet, anderswo ist es zu
       teuer für ihn. In den Texten ging es um Menschenrechtsverstöße der
       kubanischen Behörden. Um Polizisten, die Oppositionelle misshandelten und
       einsperrten. Um Agenten der Staatssicherheit, die kritische Journalisten
       wie ihn bespitzelten und bei der Arbeit behinderten.
       
       Aber an diesem Mittwoch im Juni 2014 wird Guerra seine Artikel nicht
       hochladen können. Kurz vor der Botschaft nähert sich ihm ein groß
       gewachsener Mann. „Bist du Roberto?“ Dann schlägt der Mann zu. Guerra sinkt
       zu Boden. Der Mann tritt ihm gegen den Kopf, in den Bauch. Bis ein anderer
       befiehlt, dass es jetzt genug ist. Er beugt sich über Guerra. „Jetzt siehst
       du, wie es euch Oppositionellen ergeht.“ Die beiden fahren auf einem
       Motorrad weg. Guerra bleibt blutend auf dem Boden liegen. Für ihn war der
       Überfall nichts Neues. „Ich kannte den Täter sogar, er ist ein Agent der
       Staatssicherheit.“
       
       Seit Guerra 2009 sein Nachrichtenportal Hablemos Press (übersetzt so viel
       wie: „Lasst uns reden“) gegründet hat, sei so etwas regelmäßig vorgekommen.
       „Mal haben sie mich in ein Auto gezerrt, mir die Augen verbunden und sind
       stundenlang durch die Gegend gefahren. Mal hielten sie mir eine Pistole an
       den Kopf. Mal sperrten sie mich tagelang ein und zertrümmerten meine
       Kamera.“
       
       ## Wohnung ist gleichzeitig Redaktion
       
       Guerra sitzt in seiner heruntergekommenen Einzimmerwohnung im Zentrum
       Havannas, als er seine Geschichte erzählt. Ein Computer mit
       Flachbildschirm, eine Dose Instant-Kaffee, vier rote Plastikstühle. Die
       Wohnung ist gleichzeitig Sitz seiner Redaktion, obwohl sie dafür eigentlich
       viel zu eng geworden ist. Mittlerweile hat Hablemos Press etwa zwei Dutzend
       Mitarbeiter. Sie berichten auch aus entlegenen Provinzen wie Guantánamo
       oder Holguín, mit Videos, Texten und Tonbandaufnahmen.
       
       „Wir wollen jeden Menschenrechtsverstoß in Kuba dokumentieren“, sagt
       Guerra. „Jeder kann uns anrufen, dann fahren wir los und schauen, ob an der
       Geschichte etwas dran ist. Wenn ja, berichten wir.“ Während des Gesprächs
       klingelt mehrmals das Telefon.
       
       Eigentlich sollte Guerra voller Hoffnung sein. Es ist ein Abend im
       Frühjahr, der 17. Dezember liegt erst ein paar Wochen zurück. Das
       kubanische Staatsfernsehen hatte an dem Tag Reden von Raúl Castro und
       Barack Obama ausgestrahlt. Die Präsidenten kündigten an, Kuba und USA
       wollten sich wieder annähern – nach 53 Jahren diplomatischer Eiszeit. „Wir
       werden uns weiter für Menschenrechte und Demokratie auf Kuba einsetzen“,
       hatte Obama gesagt.
       
       Den Satz zitierte sogar die kommunistische Parteizeitung Granma. Kurz
       darauf ließ die kubanische Führung um Raúl Castro 53 Dissidenten frei,
       darunter einige Journalisten. Viele prophezeiten die Öffnung der Insel und
       den Beginn der Meinungsfreiheit. Aber Guerra ist schon damals skeptisch:
       „Ich denke, die Freilassungen sind nur ein Symbol, ein Täuschungsmanöver“,
       sagt er zum Abschied. „Aber ich bin bereit, mich vom Gegenteil überzeugen
       zu lassen.“
       
       ## Nagelfeile in den Rücken
       
       Sechs Monate später sieht es aus, als hätte Guerra recht behalten.
       Kritische Medien aus Kuba und Menschenrechtsorganisationen berichten, 30
       Journalisten seien seit Anfang des Jahres festgenommen worden, mehr als
       1.700 Dissidenten verhaftet. Das sind mehr, als im gleichen Zeitraum 2014
       festgenommen wurden – vor der Annäherung zwischen Kuba und den USA. Vor dem
       Tag, der alles besser machen sollte.
       
       Der Journalist Lázaro Valle Roca ist einer von ihnen. Eines seiner Videos
       zeigt Polizisten, die in Havanna Lebensmittel von Händlern beschlagnahmen.
       Bürger bleiben spontan auf der Straße stehen und protestieren dagegen. Bei
       YouTube hat das Video mehr als 50.000 Klicks. Den Behörden war das offenbar
       zu viel. Medienberichten zufolge wurde Valle Roca zusammengeschlagen, immer
       wieder nehmen ihn Polizisten bei der Arbeit fest. Sie löschten seine Videos
       und Handyfotos.
       
       Oder Niober García. Der Videojournalist aus Guantánamo wurde der kritischen
       Tageszeitung Diario de Cuba zufolge in einer Aprilnacht auf offener Straße
       überfallen. Ein Mitarbeiter der Staatssicherheit habe ihm mit einer
       Glasflasche auf den Kopf geschlagen und ihn dann mit einer Nagelfeile in
       den Rücken gestochen.
       
       ## Folter und Vergewaltigungen
       
       Tagelang lag García im Krankenhaus. Valle Roca und García sind inzwischen
       wieder frei. Andere können davon nur träumen. Zwei Journalisten und ein
       Buchautor wurden in den letzten Jahren zu Haftstrafen von bis zu 14 Jahren
       verurteilt, die Annäherung an die USA hat daran nichts geändert. Einer der
       Journalisten klagt über Folter und Vergewaltigungen im Gefängnis.
       
       Im März klingelt Roberto Guerras Telefon. Die Stimme am anderen Ende sagt,
       er solle aufhören, kritisch zu berichten. „Sonst musst du sterben.“ Da
       beschließt er, die Repression nicht mehr hinzunehmen. Als Mitte Mai
       François Hollande nach Kuba kommt, sieht Guerra seine Chance. Er glaubt,
       dass der französische Präsident der richtige Mann ist, um den kubanischen
       Journalisten zu helfen. 2003 hatte Hollande, damals Parteivorsitzender der
       Sozialisten, in einer Zeitung die „rücksichtslose Brutalität des
       Castro-Regimes“ angeprangert und Pressefreiheit in Kuba gefordert.
       
       Nun schreibt ihm Guerra einen Protestbrief. Er will, dass Hollande jetzt,
       als mächtiger französischer Präsident, sich daran hält, was er vor Jahren
       geschrieben hat, und die kubanischen Journalisten unterstützt. „Wir sind
       Misshandlungen und Gewalt ausgesetzt. Unsere Texte dürfen wir nicht einmal
       drucken“, heißt es in Guerras Brief. „Helfen Sie uns.“
       
       ## Stundenlang eingesperrt
       
       Am 10. Mai, einem Sonntag, landet die französische Präsidentenmaschine in
       Havanna. Es ist das erste Mal überhaupt seit der Revolution von 1959, dass
       ein französischer Staatschef in Kuba ist. Hollande trifft Raúl und Fidel
       Castro, hält eine Rede an der Universität und eröffnet den neuen Sitz der
       Alliance Française, einer Art französisches Goethe-Institut. Die
       Wirtschaftsvertreter in seinem Gefolge schließen fleißig Verträge ab:
       Transatlantikflüge, Hotels, Logistik. Aber Oppositionelle oder Journalisten
       trifft Hollande nicht. Es gibt nur ein schmallippiges Bekenntnis: Mit Rául
       Castro, sagt der französische Präsident, habe er auch über Menschenrechte
       gesprochen.
       
       Kurz danach fliegt Roberto Guerra auf eine Konferenz nach Argentinien. Als
       er zurückkommt, hat er das Buch einer kubanischen Dissidentin im Gepäck.
       Dafür wird er stundenlang eingesperrt, der Inhalt des Buches sei
       schließlich „konterrevolutionär“. Zu Hause wartet die nächste
       Hiobsbotschaft: Sein Bruder, ebenfalls kritischer Journalist, muss bald zum
       Verhör bei der Staatssicherheit.
       
       23 Jun 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Benedikt Peters
       
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