# taz.de -- Kolumne Leuchten der Menschheit: Stalin, Hitler, Syrien
       
       > War Hitler ein Psychopath und ist der Historikerstreit schon 29 Jahre
       > her? Im Körber-Forum werden Diktaturen verglichen.
       
 (IMG) Bild: Und jetzt im Vergleich: Stalin, Hitler und Kim Jon-Il beim Fallas Festival 2015 in Valencia.
       
       Die Angst vor Störern ist spürbar, aber unbegründet. Jörg Baberowski
       diskutiert mit Norbert Frei darüber, ob Stalinismus und Nationalsozialismus
       „verwandte Diktaturen“ sind. Die Gastgeber vom Körber Forum im Schatten der
       Elbphilharmonie mahnen vorab eine „faire Diskussion“ an. Baberowski gilt
       als „streitbar“, weil einer trotzkistischen Studentengruppe an der Berliner
       Humboldt-Universität, wo er lehrt, seinetwegen dauernd die Kapuze hochgeht.
       
       Der Historiker verharmlose den NS, weil er bestreite, dass Hitler ein
       Psychopath gewesen sei. Als würde der Holocaust erst dadurch singulär, dass
       beim Führer irgendwo im Hirn eine Lampe ausgeknipst war.
       
       Nun also Hamburg, und alle bleiben vernünftig. Man steckt den Rahmen weit,
       geht unter Moderation des Potsdamer Zeitgeschichtlers Martin Sabrow zurück
       bis zum Historikerstreit, der sich vor unvordenklichen 29 Jahren ereignet
       hat. Viele im Publikum sind danach geboren.
       
       Ihnen schrieb man in die Lehrpläne, die Debatte durchzunehmen, die 1986,
       mitten im restaurativen Klima der ersten Kohl-Jahre, die Gemüter erhitzte –
       ausgelöst durch Ernst Noltes spekulative These, das Massentöten der
       Stalinisten im Gulag sei eine Art Blaupause für den Holocaust gewesen.
       Inzwischen, da sind sich auf dem Podium alle einig, hat sich die
       Forschungslage durch die Öffnung der sowjetischen Archive verbessert.
       
       ## Unterscheidung ist sinnvoll
       
       Damals tobte mangels Quellen eine Art Glaubenskrieg zwischen denjenigen,
       die schon das Vergleichen für eine Relativierung des organisierten
       Massenmords der Nazis hielten, und allen, die den Vergleich der Systeme
       ergiebig fanden.
       
       Baberowski, der das wegweisende Buch „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft
       der Gewalt“ (C. H. Beck, 2012) geschrieben hat, macht sich heute noch mal
       dafür stark, dass nur das Nebeneinanderstellen der Systeme ihre jeweilige
       Singularität zum Vorschein bringe. NS-Historiker Norbert Frei, eingeladen,
       ihm Paroli zu bieten, geht an dem Punkt d’accord, sieht aber weiter keinen
       Nutzen im Vergleich.
       
       Die Diskussion kreist dann auch um heutige Diktaturen, etwa in Weißrussland
       oder Syrien. Und sie zeigt, dass es sehr wohl im Konkreten sinnvoll ist,
       sich die unterschiedliche Einbindung der Bevölkerung beziehungsweise ihr
       Leiden unter Terrormaßnahmen anzusehen. Sie belegt, wie aufschlussreich es
       ist, zu untersuchen, was im Unterschied zur deutschen Geschichte daraus
       folgte, dass die Sowjetunion durch die Stalin nachfolgenden Autoritäten
       schrittweise reformiert wurde, ohne der Bevölkerung ein Recht auf
       Mitsprache einzuräumen: eine nachhaltige Beschädigung nämlich von
       demokratischen Impulsen.
       
       Und wie die Erzählung vom „Großen Vaterländischen Krieg“ und vom Sieg über
       den Faschismus sogar in den „Bloodlands“ (Timothy Snyder) bis heute für
       viele wirksam die klaffenden Wunden zukleistern konnte, die das eigene
       System geschlagen hatte. Ursache, Wirkung, Weltgeschichte: Weniger
       akademisch geht es kaum.
       
       8 Jun 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christiane Müller-Lobeck
       
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