# taz.de -- Debatte Mord in Dubai: Eine Leiche im Hotel
       
       > Der Missbrauch europäischer Pässe im Mordfall in Dubai macht klar: Europa
       > muss sich stärker im israelisch-palästinensischen Konflikt engagieren.
       
 (IMG) Bild: Israelische Botschaft in London
       
       Sofern der Mord in Dubai tatsächlich vom israelischen Auslandsgeheimdienst
       Mossad begangen wurde, wäre er nur ein weiteres Symptom des politisch nicht
       lösbaren Konflikts zwischen der gegenwärtigen israelischen Regierung und
       der palästinensischen Hamas. Da mag der unentwegte Friedenskämpfer Uri
       Avnery noch so oft darauf hinweisen, dass man nicht mit Freunden, sondern
       mit Feinden verhandeln müsse. Indes: Es gibt Freund-Feind-Konstellationen,
       die das nicht zulassen.
       
       Im Konflikt zwischen der gegenwärtigen Regierung Israels und der
       Hamas-Bewegung liegt das daran, dass beide Parteien dasselbe wollen: die
       ausschließliche Kontrolle über das ganze Territorium sowohl der
       Westjordanlands als auch Israels. Das ist nicht nur der Charta der Hamas zu
       entnehmen, sondern auch der israelischen Siedlungspolitik. Kürzlich hat
       Israels rechte Regierung zudem zwei auf palästinensischem Autonomiegebiet
       gelegene, von orthodoxen Juden verehrte Gräber von Erzmüttern und -vätern
       völkerrechtswidrig dem nationalen Kulturerbe zugeschlagen und mit
       Unterstützung des Verteidigungsministeriums in Ariel, einer Hochburg
       fundamentalistischer Siedler, ein unbedeutendes College zu einer
       Universität erklärt - ein Vorgang, der auf schärfsten Protest der
       bestehenden israelischen Universitäten gestoßen ist.
       
       Die gegenwärtige, von einer Mehrheit der jüdischen Israelis gewählte
       Regierung Israels hält unbeirrt und unausgesprochen an der Absicht fest,
       das ganze Westjordanland zu annektieren. Die Hamas hofft umgekehrt darauf,
       mithilfe der Hisbollah und des Iran den Staat Israel eines Tages zu
       vernichten, um dessen Territorium dem "Haus des Islam" zuschlagen zu
       können. In antagonistischen Konflikten wie diesen gelten weder das
       bürgerliche noch das Völkerrecht, sondern schlicht unverhandelbare
       Selbstbehauptungsmaximen, die im Extremfall den Tod des Feindes anstreben
       müssen. Die israelische Gesellschaft ist gleichwohl, verwirrend genug, eine
       offene, pluralistische Demokratie, weshalb die dortige Öffentlichkeit,
       Presse und Fernsehen die ganze Angelegenheit in einer Offenheit und Schärfe
       verhandeln, die auch hierzulande ihresgleichen sucht.
       
       Die Reaktion der EU auf den Mord in Dubai ist hilflos. Dabei sollten die
       Europäer verstanden haben, dass sich Israel seit seiner Gründung zu
       derartigen Vorgängen grundsätzlich nicht äußert, so wenig wie zu eigenen
       Nuklearwaffen. Daher ist von noch so vielen Gesprächen mit dem israelischen
       Außenminister nichts zu erhoffen. Sollte wirklich Interesse an einer
       Aufklärung der Affäre bestehen und daran, deutlich zu machen, dass diese
       Form einer letalen Politik nicht hinnehmbar ist, werden blasse Andeutungen
       von Protest so wenig genügen wie das vermeintlich das Gesicht wahrende
       Übertragen der Strafverfolgung auf die Kölner Staatsanwaltschaft.
       
       Tatsache ist: Durch die Benutzung eines deutschen Passes bei dem
       Mordanschlag in Dubai sind Ansehen und Sicherheit der Bundesrepublik
       Deutschland aufs Schwerste gefährdet worden. Die Bundesregierung wird
       erklären müssen, ob sie die Souveränität Deutschlands gemäß ihrem Amtseid
       auch in diesem Fall wahren will. Dann aber darf sie die Aufklärung nicht an
       untergeordneter Stelle - in Köln - belassen. Sie muss vielmehr die
       Generalbundesanwältin anweisen, den Fall an sich zu ziehen, eine
       Sonderkommission zu bilden und vorbehaltlos in alle Richtungen - auch in
       Richtung von Hamas und Fatah - zu ermitteln. Die Bundesanwaltschaft käme
       auch nicht umhin, Hinweisen aus Israel, die in der deutschen Presse
       wiedergegeben wurden, nachzugehen und sie strafrechtlich zu bewerten: So
       sollen sich Präsident Peres und Verteidigungsminister Barak auf der
       privaten Geburtstagsfeier eines israelischen Regierungsmitglieds bei
       angeschalteten Mikrofonen darüber gestritten haben, ob die Tötung des
       Hamasfunktionärs in Dubai nun als "Mord" oder "nur" als "Liquidation" zu
       bezeichnen sei.
       
       In jedem Fall wären die EU und ihre Regierungen gut beraten, den Missbrauch
       ihrer Pässe bei dem Mord in Dubai als Anlass zu nutzen, europäische
       Interessen im Nahen Osten wieder stärker wahrzunehmen. Der Nahe Osten liegt
       vor der Haustür der EU, und es entspricht weder den Interessen der EU noch
       Deutschlands, auf Jahrzehnte hinaus im Westjordanland eine Situation zu
       dulden, die, ohne damit identisch zu sein, am ehesten mit dem
       südafrikanischen Apartheidregime zu vergleichen ist.
       
       Vor allem aber sollten sich die EU-Außenpolitiker endlich eingestehen, dass
       die schöne Forderung nach einer "Zweistaatenlösung" nur noch Makulatur sein
       wird, wenn dort so weitergesiedelt wird wie bisher. Gefordert ist ein
       Abschied von Illusionen. Keine "Realpolitik", die oft genug für
       opportunistische Kompromisse steht, sondern die Rückkehr des
       Realitätsprinzips - also die ungetrübte Wahrnehmung dessen, was der Fall
       ist.
       
       Genaues Hinsehen: darauf kommt es nicht nur im Fall des Hotelmords von
       Dubai an, sondern auch im Blick auf die Siedlungspolitik im ganzen
       Westjordanland und in Ostjerusalem. Mittel und Wege zur spürbaren
       Beeinflussung der israelischen Politik gibt es durchaus: Das Europäische
       Parlament müsste nur ernsthaft das mit Israel geschlossene
       Assoziationsabkommen überprüfen. Das jüngste Urteil des EU-Gerichtshofs,
       wonach das Westjordanland von israelischen Firmen produzierte Waren nicht
       mehr zollbegünstigt einführen darf, weist den richtigen Weg. Was aber die
       Hamas und die Hisbollah betrifft, so sind ihre in Staaten der EU wirkenden
       Ideologen und Aktivisten unter verstärkten Beobachtungs- und
       Strafverfolgungsdruck zu setzen. Dem Hamas-Regime in Gaza wiederum ist
       unmissverständlich mitzuteilen, dass es ohne eine Änderung seiner
       antisemitischen Charta künftig weder Gesprächspartner noch Adressat
       irgendwelcher Unterstützung sein kann.
       
       Ob der noch ungeklärte Mord von Dubai der Beginn einer politischen
       Trendwende oder nur der Anfang einer weiteren Spirale der Gewalt ist, liegt
       jetzt auch in den Händen der europäischen Regierungen. Noch ist zu
       bezweifeln, dass sie dieser Verantwortung gerecht werden.
       
       27 Feb 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Micha Brumlik
       
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