# taz.de -- Pädophile im Chatroom: Wem nützt ein medialer Pranger?
       
       > In der Sendung "Tatort Internet" werden mutmaßliche Pädophile verfolgt.
       > Doch wie gefährlich ist das Internet wirklich für Kinder?
       
 (IMG) Bild: Wird das Thema Kindesmissbrauch für höhere Zuschauerzahlen missbraucht? RTL II widmet sich dem Thema Pädophilie im Netz.
       
       Die einfachen Mittel sind oft die wirkungsvollen: Orchestermusik verkündet
       Unheil; Betroffenheit lässt die Stimme des Moderators belegt klingen; rote
       Buchstaben leuchten auf schwarzem Grund wie auf einem Horrorfilmplakat der
       80er Jahre: "Tatort Internet" heißt die Sendung, zu sehen auf RTL 2, und
       eine entsprechende dramatische Bild- und Tonsprache gehört hier einfach
       dazu.
       
       "Tatort Internet" jagt Pädophile. Im Chat verabredet sich ein Mann Mitte
       zwanzig mit einer angeblich Dreizehnjährigen, und wenn er zum Treffen
       kommt, erwartet ihn bei einer Folge zum Glück kein Mädchen oder Junge,
       sondern eine strenge Journalistin mit schmalem Gesicht. "Was tun Sie
       hier?", verhört sie den Mann. Dessen Gesicht und Körper sind verpixelt; die
       Hautfarbe verschwimmt mit der Farbe des Pullis, den er trägt, aber man kann
       ahnen, wie groß und von welcher Statur der Mann ist.
       
       Die Journalistin fragt weiter. "Was würde Ihre Frau dazu sagen? Haben Sie
       selber Kinder? Warum brechen Sie jetzt zusammen?" Der Mann sagt
       "Katastrophe". Man sieht verschwommen, wie er seine Hände vors Gesicht
       legt, dann schweigt er, Abblende.
       
       RTL 2 bleibt schwammig 
       
       Nachdem der Leiter eines Würzburger Kinderdorfes von der versteckten Kamera
       gefilmt worden war, wurde er von der Caritas entlassen und verschwand. Erst
       warf die Caritas der Redaktion von "Tatort Internet"
       Verantwortungslosigkeit vor. Fünf Monate lang hatten die Macher den
       Arbeitgeber nicht darüber informiert, dass ein mutmaßlich Pädophiler das
       Kinderdorf leitete. Dann wurde befürchtet, der Mann könnte sich etwas
       antun. Inzwischen weiß man über seinen Verbleib; ein Ermittlungsverfahren
       hat begonnen.
       
       Deutschlandweit bekannt wurde "Tatort Internet" vor allem durch den
       Auftritt von Stephanie zu Guttenberg. Die Ehefrau des
       Verteidigungsministers und Umfragenkönigs Karl-Theodor zu Guttenberg
       engagiert sich seit langem gegen Kindesmissbrauch und trat als
       Ko-Moderatorin auf. In der Debatte, die die Sendung seitdem ausgelöst hat,
       gilt "Tatort Internet" vor allem als ein Pranger, an dem Pädokriminelle
       vorgeführt werden.
       
       Die Wirkung der Sendung ist umstritten, was RTL 2 mehr zu nutzen scheint
       als der Verbreitung des Themas. Am Dienstag will die Kommission für
       Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten überprüfen, ob
       Persönlichkeitsrechte und journalistische Standards verletzt werden. Dabei
       geht es nicht nur um die Machart einer Sendung im Boulevardfernsehen. Es
       geht auch darum, ob das Boulevardfernsehen das ernste Thema
       Kindesmissbrauch für höhere Zuschauerzahlen missbraucht. Es geht weniger um
       das Thema an sich.
       
       Wie groß ist die Gefahr tatsächlich, dass pädophil veranlagte Männer ihre
       Opfer im Internet suchen und finden? Eine klare Stütze für eine Aussage
       wären Zahlen. Aber die Einschätzung, welche Aussagekraft diese Zahlen
       haben, ist nicht so einfach.
       
       In der Sendung "Tatort Internet" entscheidet man sich dafür, schwammig
       bleiben. Der Moderator spricht davon, dass "kriminelle Machenschaften" im
       Internet zunähmen. Die Statistik des Bundeskriminalamtes dagegen ist
       konkret, aber kompliziert.
       
       Das Cybergrooming, der Versuch, Kontakt mit einem Kind über das Internet
       aufzubauen mit dem Ziel, es sexuell zu missbrauchen, fällt im
       Strafgesetzbuch unter Paragraf 176, Absatz 4, Nummer 3 und 4. Dabei geht es
       um das "Einwirken auf ein Kind durch Schriften" oder "durch entsprechende
       Reden", um es zu sexuellen Handlungen zu bringen. Ob der Täter einen Brief
       oder eine E-Mail schreibt, im Chat oder auf der Straße das Kind anspricht,
       wird nicht unterschieden.
       
       Jedenfalls zeigt die Statistik einen Anstieg um 4,8 Prozent von solchen
       Handlungen. 2008 waren es 875 Fälle, 2009 zählt das Bundeskriminalamt 913.
       Die Dunkelziffer bleibt per Definition ungewiss; Schätzungen will man im
       Amt nicht abgeben.
       
       Geht der Täterschutz vor? 
       
       Diese konkreten Zahlen sagen nicht unbedingt etwas aus. Einen Trend könne
       man an ihnen jedenfalls nicht ablesen, sagt Rudolf Egg von der
       kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Er beschäftigt sich seit mehr
       als zehn Jahren mit Cybergrooming. Am Anfang, als das Chatten neu war, sei
       die Gefahr höher gewesen, dass ein Pädophiler eine falsche Identität wie
       eine Maske benutzt und im Internet auf Opfer trifft.
       
       "Jugendliche wissen heute, dass sie vorsichtig sein müssen", sagt Rudolf
       Egg, außerdem klärten sie sich über Gefahren häufig selbst auf. In der
       Diskussion um die Sendung "Tatort Internet" werde aber auch übersehen,
       "dass ein Kernpädophiler Kinder vor der Pubertät sucht. Und die sind im
       Internet nicht in dieser Zahl vertreten." "Tatort Internet" verängstige und
       verwirre, anstatt aufzuklären, selbst wenn die Produzenten erklärten, das
       zu wollen.
       
       In Organisationen, die sich für den Kinderschutz einsetzen, gehen die
       Meinungen auseinander, was die tatsächliche Bedrohung durch Cybergroomer
       betrifft. Sie stützen sich auch auf unterschiedliche Daten. Silke Noack
       zählt die E-Mails, die bei den Mitarbeitern des Informationsnetzwerks
       Save-me-online eingehen. Bei jeder Ausstrahlung von "Tatort Internet"
       werden E-Mail-Adresse und Telefonnummer von Save-me-online eingeblendet,
       dann würden sie "zugeschüttet mit Mails", sagt die Geschäftsführerin. Nach
       jeder Sendung erhalten die Mitarbeiter 80 bis 100 E-Mails von Jugendlichen,
       die von "sexuellen Anmachen" im Netz berichten.
       
       Nicht so leicht zählen lassen sich die Nachrichten, die auf den ersten
       Blick nichts Sexuelles ansprechen. "Die Pädophilen sind meistens erst
       verständnisvoll, lieb, geheimnisvoll", sagt Noack. Sie bauen eine Beziehung
       auf, geben sich eine für Jugendliche attraktive Identität, als Rockstar zum
       Beispiel. Die Mädchen und Jungen glaubten oft, das Internet sei real. Sie
       rate Eltern deshalb, ihren Kindern einmal Rollen vorzuspielen, damit sie
       sehen, wie leicht man im Netz vorgeben kann, jemand anderes zu sein.
       
       Wenn die Sendung nur 1.000 Kinder erreicht, dann sei das schon ein Erfolg,
       sagt Noack. Ihre Meinung über den Umgang mit Pädokriminellen in der Sendung
       ist ebenso eindeutig. "Bei der ganzen Aufregung über die Sendung haben wir
       das Gefühl, Täterschutz geht vor Opferschutz."
       
       Paula Honkanen-Schoberth vom Deutschen Kinderschutzbund zählt nicht
       E-Mails, sondern nennt eine aktuelle EU-Studie, "EU-Kids-Online". Hier
       wurden europaweit 23.000 Kinder zwischen 9 und 16 Jahren und Erwachsene zur
       Internetnutzung befragt. 12 Prozent der Kinder geben an, im Internet schon
       unangenehme Erfahrungen gemacht zu haben, wozu auch sexuelle Nachrichten
       zählen, aber nur 3 Prozent empfinden die Erfahrung als "sehr beunruhigend".
       
       In Deutschland sind die Kinder weniger betroffen, denn sie nutzen laut der
       Studie das Internet weniger als im europäischen Durchschnitt.
       
       Das Risiko, Opfer eines Cybergroomers zu werden, sei zwar vorhanden, fasst
       Honkanen-Schoberth zusammen. "Aber man darf nicht vergessen, dass der
       Missbrauch an Kindern häufig in ihrem unmittelbaren Familien- und
       Bekanntenkreis stattfindet." Sie empfiehlt deswegen "besonnene, ruhige
       Gespräche" mit Kindern, dass sie Vertrauen fassten, über ihre Erfahrungen
       zu sprechen. Ein aufgeregter Umgang mit dem Thema verunsichere Kinder nur
       noch mehr. Das Format der Sendung und die Debatte darüber "verbreitet
       dagegen mehr Angst, als dass für Eltern und Kinder hilfreich mit diesem
       schwierigen Thema wäre".
       
       1 Jan 1970
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Carolin Pirich
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Überwachung
       
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