# taz.de -- Schülerproteste in Frankreich: Religiöse Privatschulen schließen sich der Jugendrevolte an
> Mit weiteren Schulblockaden und Sit-ins vor Universitäten protestieren
> französische Jugendliche weiter. Premier Lecornu macht keine
> Zugeständnisse.
(IMG) Bild: Die Schüler*innenproteste weiten sich aus, hier vor dem Lycée Hélène Boucher in Paris
Auch am Donnerstag waren Hunderte von Mittelschulen und Dutzende von
Hochschulfakultäten in Frankreich geschlossen oder von Streikenden
blockiert. In Paris und allen größeren Städten des Landes fanden
Demonstrationen statt.
Der französischen Staatsführung gelingt es nicht, die Schülerbewegung zu
beruhigen oder zu stoppen. Premierminister Sébastien Lecornu hätte die
Chance dazu gehabt, als er sich Mittwochabend in einer als feierlich
angekündigten Rede aus seinem Regierungspalast Matignon an die Nation – vor
allem aber an die aufbegehrenden Jugendlichen – gewandt hatte. Sie hätten
in einer Demokratie wie Frankreich das Recht, sich zu beschweren und
Forderungen zu stellen, beschied er ihnen. Doch nun müssten sie wieder in
ihre Klassenräume [1][und Hörsäle zurückkehren].
Dass Lecornu auf keine einzige der konkreten Forderungen einging, um
irgendwelche Zugeständnisse in Aussicht zu stellen, sondern lediglich
versprach, die Regierung werde innerhalb eines Monats Vorschläge machen,
wirkte auf die Schülerbewegung wie eine Provokation. Lecornu wolle bloß auf
Zeit spielen, meinte Ryad Rani, einer der Sprecher der Mittelschüler*innen,
im Fernsehen.
## Erinnerungen an die Revolte von 1968
Er nutzte die Gelegenheit seines Live-Auftritts, um die Jugendlichen und
auch alle, die sich mit diesen solidarisieren wollten, aufzufordern, bei
den Aktionen und Kundgebungen des „vierten Akts“ der Bewegung am Donnerstag
teilzunehmen.
Tatsächlich geht die von den Mittelschüler*innen ins Rollen gebrachte
Bewegung nun immer mehr in die Breite. Studierende zusätzlicher
Universitäten haben sich angeschlossen. Am Mittwoch wurde die Eliteschule
für politische Wissenschaften SciencesPo in Paris besetzt, auf dem
benachbarten Boulevard Saint-Germain kam der Verkehr zeitweilig durch eine
Barrikade – die an Bilder der Jugendrevolte des Mai 1968 erinnern – zum
Erliegen.
## „Katholisch, aber nicht faschistisch“
Aufsehen erregte aber am Donnerstag eine Demonstration vor dem Institut
catholique de Paris. Die Studierende dieser bestens ausgestatteten privaten
Fakultät, die sich bislang nie an solchen Mobilisierungen beteiligt hatte,
erklären sich solidarisch mit ihren Gleichaltrigen in den öffentlichen
Schulen, die wegen ihrer verschlechterten Studienbedingungen rebellieren.
Auch sie sagen, sie wollten es nicht hinnehmen, dass die Staatsführung die
Minderjährigen nicht ernst nehme.
Auf ihren Schildern stand unter anderem „Catho, mais pas facho!“ Nur, weil
ihre Universität eine katholische Privatschule ist, seien sie noch lange
keine Faschisten, möchten sie damit klarstellen. Damit distanzierten sie
sich auch von einer extremen Rechte, die auf harte Repressionen zur
Wiederherstellung der Ordnung drängt.
Antifa-Slogans wie „Faché, mais pas facho“ sind in dieser Jugendbewegung
besonders populär. Die Solidarität einer Generation ist in Opposition zur
Autorität der Behörden am Entstehen. Dass mittlerweile mehr als 6.600
Jugendliche bei den Protestaktionen festgenommen und [2][mindestens 5 bei
Polizeieinsätzen schwer verletzt wurden], fördert diese Dynamik einer
Revolte.
## Konfrontation mit einer ganzen Generation
Bezeichnend für die wachsende Breite der Bewegung war auch die starke
Mobilisierung vor der juristischen Fakultät an der Rue d’Assas, wo Hunderte
von Studierenden ein Sit-in organisierten, bei dem sie unter anderen der
anfeuernden Rede des 26-jährigen Abgeordneten Louis Boyard von der
Linkspartei La France insoumise applaudierten. Diese Universität war lange
Zeit eine politische Hochburg der Rechten. Die Regierung ist von Tag zu Tag
stärker mit einer ganzen Generation konfrontiert.
Um zu verhindern, dass sich die Jugendrevolte ausweitet, namentlich auf die
um ihre Kaufkraft bangenden Verbraucher, hat Regierungschef Lecornu eine
Senkung der Dieselpreise um 12 bis 18 Cents angekündigt, weil der Staat auf
seine Lagerbestände zurückgreife. Seit Wochen zirkuliert für den 17.
Oktober ein Aufruf zu einem „Aufstand“ gegen die zu hohen Energie- und
Treibstoffpreise. Eine solche namentlich von LFI gewünschte „Konvergenz der
Wut“ ist Lecornus Katastrophenszenario.
8 Oct 2026
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(DIR) Rudolf Balmer
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