# taz.de -- Vor den Wahlen in Brasilien: Gott, steh uns bei!
       
       > Wer in Brasilien Präsident werden möchte, muss auch die evangelikalen
       > Christen von sich überzeugen. Wie Amtsinhaber „Lula“ und Flávio Bolsonaro
       > um sie buhlen.
       
 (IMG) Bild: September 2026 in der Favela Vidigal in Rio de Janeiro: AktivistInnen demonstrieren für Präsident Luiz Inácio „Lula“ da Silva
       
       An Gott führt vor den Präsidentschaftswahlen in Brasilien kein Weg mehr
       vorbei. Flávio Bolsonaro, aussichtsreichster Herausforderer von Amtsinhaber
       Luiz Inácio „Lula“ da Silva, stilisiert sich zum Kämpfer in einem
       „spirituellen Krieg“. Regelmäßig verkündet er, ihm sei von Gott eine
       Mission übertragen worden.
       
       Dabei gibt der 45-jährige Senator sich beinahe selbst als Priester, übt
       sich in andächtigen Posen, öffnet die Hände, um den himmlischen Segen zu
       empfangen, senkt demütig den Kopf oder betet vor Massen evangelikaler
       Gläubiger darum, das Land „vor dem Geist des Bösen“ zu retten. Gemeint ist
       unverkennbar der politische Gegner.
       
       Und bei einem Wahlsieg, so kündigte der Kandidat der extremen Rechten an,
       habe er mit denjenigen zu reden, die nicht an Gott glauben. Denn er werde
       als einen seiner ersten Staatsakte per Dekret verfügen, dass das Land „dem
       Herrn Jesus Christus“ gehöre. Dass das gegen die Verfassung verstoßen
       würde, verschweigt der studierte Jurist.
       
       Das Buhlen um die Gunst der Gläubigen ist strategisch motiviert: Die
       Stimmen der Evangelikalen – etwa 30 Prozent der Wahlberechtigten – könnten
       entscheidend sein beim Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Sohn des
       verurteilten Putschisten Jair Bolsonaro und dem aktuellen Präsidenten Lula.
       Eine aktuelle Umfrage sieht Lula im ersten Wahlgang mit 35 Prozent der
       Stimmen nur knapp vor Flávio Bolsonaro.
       
       An diesem Sonntag wählen die BrasilianerInnen ein neues Staatsoberhaupt. 13
       KandidatInnen stehen zur Wahl. Wirkliche Chancen haben aber nur ebenjener
       Bolsonaro und Amtsinhaber Lula. Erreicht keiner der beiden im ersten
       Wahlgang eine absolute Mehrheit, müssen sie am 25. Oktober in die
       Stichwahl. Für dieses Szenario sehen die Demoskopen sie noch knapper
       beieinander. Dementsprechend verbittert ist der Kampf um die 21 Prozent der
       noch nicht entschiedenen WählerInnen, darunter viele Anhänger von
       Pfingstkirchen, die Evangelikalen.
       
       ## Wenn Kirchen zu politischen Bühnen werden
       
       Flávio Bolsonaro geht dabei so offensiv vor, dass so mancher Gottesdienst,
       an dem er teilnimmt, wie eine Wahlkampfveranstaltung anmutet. Zum Beispiel
       jener am 7. September, der Igreja Mundial do Poder de Deus, in São Paulo.
       Die 12.000 Zuhörer jubelten bei einem Gebet, das vom selbsternannten
       Apostel Valdemiro Santiago mit vor Emotion zitternder Stimme vorgetragen
       wurde. Die Tatsache, dass die Bundespolizei gegen Bolsonaro wegen des
       Verdachts der Korruption, Geldwäsche und illegalen Devisenausfuhr
       ermittelt, schien dabei nebensächlich. Ebenso, dass Apostel Valdemiro
       während der Covid-Pandemie Bohnensamen als Wunderheilmittel gegen die
       Krankheit verkauft hatte.
       
       Dass Kirchen in politische Bühnen verwandelt werden, gefällt längst nicht
       allen Gläubigen. „Sie sind müde davon, dass ihnen bei jedem Gottesdienst
       politische Botschaften aufgedrängt werden“, sagt die
       Politikwissenschaftlerin Ana Carolina Evangelista vom brasilianischen
       Religionsforschungsinstitut ISER.
       
       Dass ihr Präsident an Gott glaubt, ist allerdings 86 Prozent der
       BrasilianerInnen wichtig. So erklärt sich vermutlich, warum Lula das Wort
       „Gott“ in seiner Eröffnungsrede des Wahlkampfs im August gleich elfmal
       aussprach. CNN Brasil zufolge gebrauchte der bisher eher diskret
       praktizierende Katholik das G-Wort auch bei weiteren Wahlkampf-Auftritten
       jeweils mindestens dreimal.
       
       Der Staatschef stellt sich zwar nicht als gottgesandt dar wie sein
       politischer Gegenspieler. Jedoch deutet er sein Leben, insbesondere seinen
       Aufstieg vom armen Flüchtling aus dem Nordosten bis zum höchsten Staatsamt,
       als Beweis für die Güte Gottes. Ehefrau Janja Lula da Silva nahm im Duett
       mit dem Gospelstar Kleber Lucas sogar einen Jingle über die
       Aufstiegsgeschichte des einfachen Mannes auf.
       
       ## Progressive Evangelikale unterstützen Lula
       
       Während Bolsonaro sich also als extrem gläubig, aber gemäßigt rechts
       darstellt, [1][versucht Lula als extrem sozial und gemäßigt religiös zu
       punkten]. Der Politikveteran hat nie Kirchen oder Gottesdienste aufgesucht,
       um gläubige Wähler zu überzeugen, und lehnt das auch kategorisch ab. „Wenn
       mich jemand bittet, in einer Kirche Wahlkampf zu machen, gehe ich nicht
       hin! Ich mache Politik und Wahlkampf auf der Straße“, sagte Lula kürzlich
       in Brasiliens Hauptstadt Brasília. First Lady Janja vermittelte dort ein
       Treffen des Präsidenten mit evangelikalen Pastoren aus dem ganzen Land.
       
       Mit vor Ort waren auch VertreterInnen der 2016 gegründeten Organisation
       Frente de Evangélicos para o Estado de Direito (deutsch: Front der
       Evangelikalen für den Rechtsstaat), einem Zusammenschluss progressiver
       Evangelikaler, der Lula bereits 2022 in der Stichwahl gegen Jair Bolsonaro
       unterstützt hatte.
       
       Auch in diesem Jahr stehen sie auf Lulas Seite, versuchen WählerInnen für
       ihn zu gewinnen. „Wir diskutieren mit den Leuten auf der Straße, hören uns
       an, warum sie unseren Kandidaten nicht wählen wollen, und bringen unsere
       Argumente vor. Anschließend hören wir uns ihre Argumente an“, erklärt die
       Vorsitzende der Frente, Nilza Valéria. Manchmal gelänge es so, die
       Wählerstimme zu gewinnen. Manchmal aber auch nicht.
       
       Persönliche Begegnungen sind im Wahlkampf von Lulas Regierungspartei, der
       Partido dos Trabalhadores (PT, deutsch: Arbeiterpartei), neben sozialen
       Medien und TV-Auftritten zentral. In den letzten Tagen vor dem Urnengang
       will die PT mehr als zehn Millionen Flyer verteilen. Darauf sollen
       zurückliegende Maßnahmen der Regierung mit Bibelzitaten verbunden stehen,
       um aufzuzeigen, dass ihr Programm im Einklang mit der Heiligen Schrift
       steht. Viele evangelikale Gläubige verstehen staatliche Programme heute
       kaum mehr als mögliche Ursache für wachsenden Wohlstand. Gemäß der unter
       ihnen weit verbreiteten Theologie des Wohlstands deuten sie individuellen
       finanziellen Erfolg eher als direkte Folge der Verbindung des Gläubigen mit
       Gott.
       
       Noch bis zu den Wahlen im Jahr 2006 hatten mehr als 60 Prozent der
       Evangelikalen die PT unterstützt. Doch dann gerieten vor allem mit Gender-
       und Reproduktionsfragen Themen ins politische Rampenlicht, die nicht zur
       konservativen Haltung vieler evangelikaler Kirchen passten. Jair Bolsonaro
       nutzte das geschickt aus und positionierte sich 2018 als derjenige, der die
       Bedürfnisse, Werte und Probleme der Pfingstkirchler ernst nahm.
       
       „Es entstand so etwas wie eine Brandmauer zwischen der Linken und der
       Bolsonaro-Familie innerhalb der Evangelikalen“, sagt die
       Politikwissenschaftlerin Ana Carolina Evangelista. „Wer auch immer aus der
       Bolsonaro-Familie seitdem kandidierte, hatte das Erbe von Jair sicher.“
       Jairs Ehefrau Michelle, selbst aktive Pfingstkirchlerin und damit religiös
       glaubwürdig, hätte dieses Erbe sicher besonders effektiv angetreten. Doch
       Jair Bolsonaro bestimmte seinen ihm loyalen Sohn aus der Haft heraus als
       seinen Nachfolger.
       
       Dessen Zustimmungswerte in der Bevölkerung stiegen zunächst stark an,
       fielen jedoch ab, nachdem er zuerst seine beliebte Stiefmutter verprellte
       und dann mehrfach über seine Beziehung zu dem inhaftierten Banker Daniel
       Vorcaro log. Seit Mitte September erlebt Bolsonaro Junior nun wieder einen
       Aufschwung. Grund dafür ist die aktuelle Krise am Supremo Tribunal Federal
       (STF), dem Obersten Gerichtshof des Landes. [2][[Link auf Beitrag 8734913]]
       
       [3][Der Oberste Richter Alexandre de Morães geriet vor wenigen Wochen unter
       Korruptionsverdacht.] Das schockierte viele BrasilianerInnen, weil Morães
       sich wegen seiner unnachgiebigen Haltung in Korruptionsfragen über Jahre
       hinweg als moralische Instanz etabliert hatte. Maßgeblich war er auch an
       der Verurteilung Jair Bolsonaros beteiligt und gilt seither unter den
       BrasilianerInnen als „Lula-freundlich“.
       
       Beauftragt hatte die Ermittlung gegen Morães ausgerechnet der von Jair
       Bolsonaro an den STF berufene evangelikale Pastor André Mendonça. Nun sucht
       jener Mann, der sich selbst als „schrecklich evangelikal“ bezeichnet, sich
       als eine Art religiöses Bollwerk gegen Korruption darzustellen.
       
       Die PT versucht derweil, die öffentliche Debatte weg von Fragen der Moral
       und hin zu konkreten Alltagsthemen wie Löhnen, öffentlicher
       Gesundheitsversorgung, Ernährungssicherheit und Arbeit zu lenken. Allesamt
       Themen, die auch viele Evangelikale interessieren dürften. Die Mitglieder
       von Pfingstkirchen sind überwiegend Schwarze Menschen aus der Peripherie,
       darunter viele Frauen.
       
       Trotzdem wollen aktuellen Umfragen zufolge nur 28 Prozent von ihnen Lula
       wählen, während Bolsonaro 51 Prozent ihrer Stimmen erwarten kann. Für Nilza
       Valéria bleibt es ein Widerspruch. „Wie kann es sein, dass Lula unter
       Armen, Frauen und Schwarzen vorne liegt, aber nicht unter Evangelikalen? Da
       ist doch irgendwo ein Widerspruch.“ Ihre Organisation setzt nun auf ein
       Lied. In den sozialen Medien verbreiten sie einen Jingle in dem es heißt:
       „Es ist keine Sünde, Lula zu wählen!“
       
       4 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Armutsbekaempfung-in-Brasilien/!6214741
 (DIR) [2] /Vor-den-Wahlen-in-Brasilien/!6212651
 (DIR) [3] /Vor-den-Wahlen-in-Brasilien/!6212651
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christine Wollowski
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Brasilien
 (DIR) Wahlen
 (DIR) Luiz Inácio Lula da Silva
 (DIR) Flávio Bolsonaro
 (DIR) Jair Bolsonaro
 (DIR) GNS
 (DIR) Podcast „Fernverbindung“
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Erster Gang der Präsidentschaftswahl: Brasilien drohen dunkle Jahre
       
       Bei der Präsidentschaftswahl in Brasilien war der Etappensieg von Bolsonaro
       Junior auch ein Votum gegen Amtsinhaber Lula. Ihm bleiben drei Wochen, um
       die Katastrophe abzuwenden.
       
 (DIR) Rechtsruck in Brasilien: Flávio Bolsonaro liegt knapp vor Lula
       
       Brasiliens Linksregierung erleidet eine schwere Schlappe, der rechte Flávio
       Bolsonaro triumphiert. Nun entscheidet die Stichwahl, wer Präsident wird.
       
 (DIR) Lula und Bolsonaro in Brasilien: Kontrahenten wollten nicht streiten
       
       Kurz vor der Wahl platzt das TV-Duell zwischen Präsident Lula und seinem
       Herausforderer Bolsonaro. Woran das lag und was stattdessen lief.
       
 (DIR) Wahlen in Brasilien: Rechts gegen Links, Jung gegen Alt
       
       Brasilien wählt, und der Linke Lula und Kontrahent Flávio Bolsonaro kämpfen
       erbittert um Stimmen. Droht der nächste Rechtsruck in Lateinamerika?
       
 (DIR) Armutsbekämpfung in Brasilien: Geld für die Armen, Herzen fürs Volk
       
       Kurz vor den Präsidentschaftswahlen in Brasilien erhöht Lula da Silva die
       Sozialhilfe. Die Opposition klagt dagegen – und würde sie doch beibehalten.
       
 (DIR) Kirchen in Rio de Janeiro: Gott ist queer
       
       Viele Menschen in Brasilien sind in Freikirchen organisiert. Häufig sind
       sie homophob. Eine queere Gemeinde versucht, dem etwas entgegenzusetzen.