# taz.de -- Prozess im Hannibal-Komplex: Waffenexperte vor Gericht
       
       > In Schwerin beginnt der Prozess gegen Marko G., einen ehemaligen
       > Elitepolizisten. Er soll massenhaft Munition gestohlen und gehortet
       > haben.
       
 (IMG) Bild: Polizisten einer Spezialeinheit beim Einsatz auf dem Grundstück in Banzkow August 2017
       
       Am Mittwoch beginnt vor dem Landgericht Schwerin einer der bisher größten
       Prozesse zum [1][Hannibal-Netzwerk] mit rechtsextremen Mitgliedern in
       Polizei, Militär und anderen Behörden. Die Staatsanwaltschaft hat Marko G.,
       einen ehemaligen Beamten des Spezialeinsatzkommandos
       Mecklenburg-Vorpommern, angeklagt, gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz,
       das Waffengesetz und das Sprengstoffgesetz verstoßen zu haben.
       
       Bei zwei Durchsuchungen auf dem Grundstück, im Fahrzeug und in Häusern von
       Marko G. fanden Polizist*innen unter anderem über 55.000 Schuss Munition
       und eine Maschinenpistole der Marke Uzi aus Bundeswehrbeständen.
       
       Marko G. ist eine der Schlüsselfiguren des von der taz und anderen Medien
       aufgedeckten Hannibal-Netzwerks. Der Begriff steht für mehrere Chatgruppen
       beim Messenger-Dienst Telegram, die von einem ehemaligen Elitesoldaten des
       Kommandos Spezialkräfte (KSK) ins Leben gerufen worden sind. Er gab sich
       selbst den Decknamen Hannibal.
       
       Die Mitglieder der von „Hannibal“ gegründeten Gruppen bereiteten sich als
       [2][sogenannte Prepper] auf einen „Tag X“ vor. Für manche war dieser Tag X
       eine Naturkatastrophe, auf die sich mit dem Einlagern von Konserven und
       Batterien vorbereiten wollten, andere jedoch sahen die Gefahr einer
       muslimischen Invasion und horteten deswegen Waffen. Einer dieser
       Waffenbeschaffer soll Marko G. gewesen sein, die Staatsanwaltschaft
       Schwerin schreibt dazu in einer Mitteilung: „Dabei fiel dem Angeschuldigten
       als Waffenexperte unter anderem die Aufgabe zu, Munition und Waffen für die
       Gruppe zu beschaffen und zu horten.“
       
       Zwei Mitgliedern der vom in Schwerin angeklagten Marko G. administrierten
       „Nordkreuz“-Gruppe sollen [3][Feindeslisten angelegt und die Tötung
       politischer Gegner geplant haben], das wirft ihnen der Generalbundesanwalt
       vor.
       
       Viele Männer des Hannibal-Netzwerks radikalisierten sich nach der Ankunft
       von über einer Million Geflüchteten 2015 und 2016 in Deutschland. Gegen
       mehrere Männer, die sich in Telegram-Chats und bei realen Treffen
       austauschten, laufen Ermittlungen. Das Hannibal-Netzwerk hatte Ableger im
       Norden, Süden, Westen und Osten Deutschlands.
       
       So war beispielsweise auch der Bundesoffizier Franco A., der laut
       Bundesanwaltschaft mit gefälschter syrischer Identität Terroranschläge
       geplant hat, Teil des Netzwerks, und zwar in Süddeutschland. [4][Der
       mutmaßliche Rechtsextremist muss sich wegen Vorbereitung einer schweren
       staatsgefährdenden Gewalttat, also Terror,] vor Gericht verantworten. Der
       Bundesgerichtshof hob eine anderslautende Entscheidung des
       Oberlandesgerichts Frankfurt am Main auf, wie am Dienstag bekannt wurde.
       
       ## Angeklagter war Administrator von Chatgruppen
       
       Der in Schwerin ab Mittwoch vor Gericht stehende ehemalige Elite-Polizist
       Marko G. war nach Erkenntnissen der Ermittler*innen der Administrator von
       mindestens zwei Chatgruppen im Nordteil des Netzwerks: Nordkreuz und
       Nord.com.
       
       Marko G. wurde bereits im September in Schwerin angeklagt, weil er mit
       Hilfe von mindestens drei weiteren aktiven und ehemaligen Polizisten ab
       April 2012 widerrechtlich Munition aus den Beständen des Landeskriminalamts
       Mecklenburg-Vorpommern gestohlen haben soll. Dabei geht es um insgesamt
       55.000 Schuss, die zusammen mit zahlreichen Waffen und Sprengkörpern bei
       zwei Durchsuchungen gefunden wurden, die knapp zwei Jahre
       auseinanderliegen.
       
       Zum ersten Mal durchsuchten Einheiten des Bundeskriminalamts das Wohnhaus
       und das Auto des Angeklagten im 20 Kilometer südöstlich von Schwerin
       gelegenen Ort Banzkow am 28. August 2017. Die lokalen Polizeibehörden
       wurden damals nicht eingebunden, unter anderem deshalb, weil Marko G.
       selbst Polizist im Landeskriminalamt ist.
       
       Die Ermittler*innen des Bundeskriminalamts fanden bei G. unter anderem
       23.800 Schuss Munition, zahlreiche Waffen und Blendgranaten. Was Marko G.
       zu diesem Zeitpunkt legal besaß und was nicht, soll der Prozess in Schwerin
       unter anderem klären. Der Ex-Elitepolizist besaß zu diesem Zeitpunkt
       mehrere Waffenbesitzkarten.
       
       Noch am Tag der Durchsuchung entzog die zuständige Behörde Marko G.
       sämtliche Waffenbesitzkarten. Die Bundesanwaltschaft gab ihre Erkenntnisse
       über G. an die Ermittlungsbehörden in Mecklenburg-Vorpommern weiter. Sieben
       Beamt*innen des Landeskriminalamts ermittelten fortan in einer speziellen
       Ermittlungsgruppe, abgeschottet von ihren Kolleg*innen.
       
       In Schwerin fürchtete man offenbar einen Maulwurf in den eigenen Reihen.
       Die Staatsanwalt Schwerin schreibt in einer Mitteilung, man habe „zum
       Schutz der Ermittlungen auch die Unterstützung von Polizeidienststellen
       anderer Bundesländer in Anspruch genommen“.
       
       Am 12. Juni dieses Jahres, zwei Jahre nach der ersten Durchsuchung, ließ
       die Staatsanwaltschaft Schwerin das Wohnhaus von Marko G. noch einmal
       durchsuchen, dazu einen von ihm genutzten Bungalow. Die Beamt*innen fanden
       dieses Mal Waffen, Sprengkörper und etwa 31.500 Schuss Munition.
       
       Darunter auch etwa 1.400 Schuss Gewehrmunition, die dem
       Kriegswaffenkontrollgesetz unterliegen. Laut der Staatsanwaltschaft
       Schwerin verkaufen die Hersteller diese Munition ausschließlich an
       Polizeibehörden und Streitkräfte.
       
       Die gestohlene Maschinenpistole 
       
       Die Beamt*innen fanden auch eine Maschinenpistole des israelischen
       Fabrikanten Israel Weapon Industries mit Schalldämpfer, weltweit bekannt
       als „Uzi“. Laut den Ermittler*innen wurde die Maschinenpistole im Dezember
       1993 aus Räumlichkeiten der Bundeswehr in Brandenburg gestohlen.
       
       Das Amtsgericht Schwerin erließ noch am selben Tag Haftbefehle gegen Marko
       G. und die drei Männer, die ihm geholfen haben sollen, Munition aus
       Beständen des Landeskriminalamts Mecklenburg-Vorpommern zu stehlen.
       
       Am Tag der ersten Durchsuchung bei Marko G., damals im August 2017, nahmen
       sich BKA-Beamt*innen neben dem Haus von Marko G. auch die Wohn- und
       Geschäftsräume von fünf weiteren Männern vor. Durch diese Razzia erfuhr die
       Öffentlichkeit, dass die Bundesanwaltschaft in Nordeutschland eine
       potenzielle rechtsextreme Terrorzelle vermutet.
       
       Oder wie es auf Juristendeutsch heißt: Sie verdächtigt zwei der insgesamt
       sechs Männer der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.
       Ein Verdächtiger ist Rechtsanwalt und Lokalpolitiker, ein anderer ist
       Polizist wie Marko G., ein Kriminaloberkommissar aus Ludwigslust. Marko G.
       selbst ist für die Bundesanwaltschaft bis heute kein Tatverdächtiger.
       
       Deswegen steht G. in Schwerin auch nur wegen der Vorwürfe des illegalen
       Besitzes von Waffen und Munition beziehungsweise der unsachgemäßen Lagerung
       derselben vor Gericht, sagt eine Sprecherin der dortigen
       Staatsanwaltschaft. Ihre Behörde stütze sich bei der Frage des
       Terrorverdachts auf die Erkenntnisse der Bundesanwaltschaft. Wenn diese
       Marko G. nicht als Terrorverdächtigen führe, werde er in
       Mecklenburg-Vorpommern auch nicht als solcher angeklagt. Ein Sprecher der
       Bundesanwaltschaft sagte am Dienstag dazu lediglich, die Ermittlungen
       dauerten noch an.
       
       Bleibt noch die Frage, warum ab Mittwoch nur Marko G. vor Gericht steht und
       nicht die drei ehemaligen SEK-Beamten, die ihm beim Munitionsklau geholfen
       haben sollen. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte am Dienstag, die
       Ermittlungen gegen die drei anderen mutmaßlichen Munitionsdiebe dauerten
       noch an.
       
       19 Nov 2019
       
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