# taz.de -- Schulden und Abhängigkeit in Malawi: Wenn die Devisen fehlen
       
       > Malawi ist politisch seit Jahrzehnten souverän – aber stark auf
       > internationale Kreditgeber angewiesen. Die Folgen sind bis zur Ladentheke
       > spürbar.
       
 (IMG) Bild: Der Händler Edward Mbeleko in seinem Geschäft in Blantyre, Malawi
       
       Jeden Morgen, wenn Edward Mbeleko seinen Laden im [1][Zentrum von Malawis]
       Metropole Blantyre aufschließt, beschäftigt ihn eine Frage: Wird er
       genügend Devisen bekommen, um seine Lagerbestände aufzufüllen?
       
       Mbeleko verkauft Elektrogeräte und Sanitärbedarf. Den Großteil der Waren
       importiert er selbst. Doch US-Dollar sind knapp geworden. Mbeleko zufolge
       erhöhen die Lieferanten deshalb immer wieder ihre Preise, manche Waren
       lassen sich nur mit langer Wartezeit nachbestellen. Die Folgen bekommen die
       Kunden zu spüren. Wer früher größere Mengen einkaufte, kann sich heute oft
       nur noch wenig leisten. Andere gehen ganz ohne Einkauf wieder nach Hause.
       
       „Wenn wir bei der Bank Devisen beantragen, müssen wir immer länger warten –
       und bekommen am Ende trotzdem nichts“, sagt Mbeleko. Deshalb seien er und
       andere Händler gezwungen, Dollar auf dem Schwarzmarkt zu kaufen – zu völlig
       überhöhten Kursen. Diese Kosten schlagen auf die Preise der Waren durch,
       sagt der Händler. Seit einigen Jahren sei es deshalb schwierig, das
       Geschäft zu führen. Die Preise schwankten ständig, während viele Kunden
       zunehmend Schwierigkeiten hätten, sich die Waren überhaupt noch leisten zu
       können.
       
       Die Verhandlungen [2][zwischen der Regierung] und internationalen
       Kreditgebern hat Mbeleko nach eigenen Angaben nie verfolgt. Doch die
       Verhandlungen bestimmen seinen Alltag: Sie zeigen sich in verspäteten
       Lieferungen, steigenden Preisen und Kunden, die Waren wieder ins Regal
       legen, sobald sie ihr Budget übersteigen.
       
       Mbelekos Lage zeigt ein Problem, mit dem Malawi und [3][viele andere
       afrikanische Länder] konfrontiert sind: Was bedeutet wirtschaftliche
       Souveränität, wenn die Entscheidungen über die eigene Wirtschaft zunehmend
       von globalen Finanzsystemen geprägt werden?
       
       ## Reihenweise Verschuldung
       
       Malawi erlangte 1964 politische Unabhängigkeit. Wirtschaftlich kämpft das
       Land jedoch bis heute um größere Eigenständigkeit. Devisenknappheit und
       schwaches Wirtschaftswachstum haben Regierungen reihenweise dazu gezwungen,
       sich im In- und Ausland stark zu verschulden, um Entwicklungsprojekte und
       laufende Staatsausgaben zu finanzieren. Heute liegt die öffentliche
       Verschuldung bei rund 75 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der finanzielle
       Spielraum der Regierung ist dadurch stark eingeschränkt.
       
       Der malawische Staatshaushalt für das Jahr 2026/2027 beläuft sich auf
       insgesamt etwa elf Billionen Malawische Kwacha, umgerechnet 6,8 Milliarden
       US-Dollar. Gleichzeitig klafft ein Haushaltsdefizit von fast 3 Billionen
       Kwacha, was rund einem Zehntel des BIP entspricht. Und so wachsen allein
       die öffentlichen Zinszahlungen Schätzungen zufolge auf geschätzt rund 2,8
       Billionen Kwacha – fast ein Viertel mehr als im Vorjahr. Der malawische
       Staat muss wohl auch in diesem Jahr neue Kredite aufnehmen, um das
       Haushaltsdefizit zu finanzieren und Schulden bedienen zu können.
       
       Der malawische Ökonom Marvin Banda hält eine Kreditaufnahme an sich nicht
       für ungewöhnlich. Jedes Land mache Schulden. „Die entscheidende Frage ist,
       wie effizient wir die Mittel einsetzen und ob die Investitionen genügend
       Wirtschaftswachstum erzeugen, um die Kredite zurückzahlen zu können“, sagt
       Banda.
       
       Bertha Bangara Chikadza, Dozentin für Volkswirtschaftslehre an der
       University of Malawi und Präsidentin der Economics Association Malawi,
       sieht das ähnlich. Für einkommensschwache Länder, deren eigene Einnahmen
       nicht ausreichen, um den wachsenden Investitionsbedarf zu decken, bleibe
       die Kreditaufnahme eine wichtige Finanzierungsquelle. „Die Frage ist, ob
       die Verschuldung langfristig tragfähig bleibt und ob sie eine nachhaltige
       Entwicklung ermöglicht“, sagt sie.
       
       ## Balanceakt Staatshaushalt
       
       Beide Ökonom:innen sind sich einig: Ausländische Finanzierung verschafft
       Ländern Zugang zu Kapital, das ihnen andernfalls nicht zur Verfügung
       stünde. Doch solche Partnerschaften sind an Bedingungen geknüpft. Dazu
       gehören Haushaltskonsolidierung, Reformen im öffentlichen Finanzmanagement
       und Maßnahmen zur Stabilisierung der Gesamtwirtschaft. Sie sind
       mittlerweile feste Bestandteile von Programmen internationaler
       Institutionen wie des Internationalen Währungsfonds (IWF).
       
       So muss Malawis Haushaltsdefizit von 9 Prozent des BIP reduziert und das
       Steuersystem reformiert werden. „Wenn die Regierung diese Ziele nicht
       erreicht, könnten Kapitalzuflüsse ausbleiben und die Wirtschaft in eine
       Zahlungsunfähigkeit geraten“, sagt Chikadza.
       
       Jeder Staatshaushalt werde damit zu einem Balanceakt: Einerseits müssten
       dringend benötigte Investitionen in soziale und wirtschaftliche Entwicklung
       finanziert werden. Andererseits müssen die öffentlichen Finanzen so solide
       bleiben, dass auch künftig Zugang zu Finanzierung besteht.
       
       Die Entscheidungen, die in Ministerien, Finanzinstitutionen und
       Hauptstädten getroffen werden, kommen übersetzt in Wechselkurse und
       Kaufkraft auch an der Ladentheke des Händlers Mbeleko in Blantyre an. Läuft
       es schlecht, fragen sich immer mehr Kunden: Kann ich mir das noch leisten?
       
       ## Muss die Währung abgewertet werden?
       
       Malawi verhandelt derzeit mit dem IWF über ein Programm, das dem Land
       dringend benötigte Devisen zuführen und zugleich anderen internationalen
       Kreditgebern und Entwicklungspartnern signalisieren soll, dass Malawi auf
       einem tragfähigen finanzpolitischen Kurs ist. Es wäre eine wichtige
       finanzielle Stütze für Malawi. Doch zugleich wächst die Sorge, dass das
       Land dadurch wie schon 2012, 2022 und 2023 erneut zu einer Abwertung seiner
       Währung gedrängt werden könnte. Steigende Importpreise wären die direkte
       Folge.
       
       Kritiker fürchten, dass dies die ohnehin fragile Wirtschaft weiter
       schwächen und die Inflation zusätzlich anheizen würde. Finanzminister
       Joseph Mwanamvekha hatte im Juni Befürchtungen, eine Währungsabwertung
       könne Teil der neuen IWF-Programmauflagen sein, zurückgewiesen. Die
       Regierung setze auf eine Konsolidierung der Staatsfinanzen, um ein vom
       Privatsektor getragenes Wachstum anzustoßen.
       
       Ökonomen wie Banda betonen unterdessen, wirtschaftliche Souveränität lasse
       sich nicht dadurch erreichen, dass ein externer Partner durch einen anderen
       ersetzt werde. „Sie entsteht vielmehr durch starke Institutionen,
       produktive Industrien und eine Wirtschaft, die genügend eigenen Wohlstand
       erwirtschaften kann, um ihre eigenen Ziele zu finanzieren“, sagt er.
       
       Dieser Text entstand im Rahmen der 5. Afrika-Workshops der taz
       panterstiftung 2026 (März-Dezember).
       
       22 Sep 2026
       
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