# taz.de -- Mörder der britischen Abgeordneten Cox: In der Bibliothek radikalisiert
       
       > In London steht der Mörder der Labour-Abgeordneten Jo Cox vor Gericht. Im
       > Prozess wird dessen Lieblingslektüre enthüllt – Neonazi-Internetseiten.
       
 (IMG) Bild: Blumen im Gedenken an die Labour-Abgeordnete Jo Cox am Parliament Square in London
       
       LONDON taz | Die Staatsanwaltschaft hat sich gut vorbereitet. Auf den
       Tischen stehen große Aktenordner. Alle möglichen Mediendateien, zum
       Beispiel von Überwachungskameras, stehen zur Verfügung. Für drei Wochen ist
       am Londoner Old Bailey der Prozess gegen Thomas Mair angesetzt, den Mörder
       der Labour-Abgeordneten Jo Cox, die eine Woche vor dem Brexit-Referendum im
       Juni in ihrem Wahlkreis ermordet wurde: erst wurde auf sie geschossen, dann
       zusätzlich 15-mal eingestochen.
       
       Vor Gericht schweigt der 53-jährige Mair, an dessen Täterschaft kein
       Zweifel besteht: er wurde noch am Tatort überwältigt. „Britain First!“ soll
       er gerufen haben, den Namen einer rechtsextremistischen Gruppe.
       
       In der ersten Woche des Prozesses, der am 14. November begann, ging es um
       den Tathergang. Augenzeugen berichteten, wie die 42-jährige Cox auf die
       ersten Schüsse reagierte: „Lasst ihn mir weh tun, ihr lauft weg“, rief sie,
       um ihre Mitarbeiterinnen zu schützen, die ihr zu Hilfe eilten.
       
       In der zweiten Prozesswoche geht es um den Angeklagten selbst. Mit Fotos
       beschreibt einer der beiden Staatsanwälte, was man in Mairs Wohnung bei der
       Hausdurchsuchung vorfand. In einem Schlafzimmer prangen Bilder mit
       Hakenkreuzen, über einem Bücherregal ein deutscher Adler. In einer Ecke des
       Zimmers liegt eine weiße Baseballmütze mit der Aufschrift „Deutschland“
       neben einer in Tarnfarben.
       
       ## Gedankengut von Nazis
       
       Die eng geordneten Bücher im Regal beweisen eine klare Faszination Mairs
       mit dem Gedankengut von Neonazis: ein Lexikon der „weißen Rasse“, und
       Bücher über die Politik des Holocausts, Werke über die SS.
       
       In einem Aktenordner: Internetausdrucke über den rechtsextremistischen
       norwegischen Massenmörder Breivik sowie Neonazis in den USA und Südafrika.
       Mitten drin: ein Ausdruck eines Artikels von Jo Cox aus dem Lokalblatt, in
       dem sie sich für die EU ausspricht, als patriotische Wahl.
       
       Mair ist eine schmächtige, ergraute und leicht nach vorne gebeugte Gestalt,
       mit grauer Teilglatze und gestutztem Vollbart. Er verfolgt den Fall von der
       Anklagebank hinter dickem Sicherheitsglas in dunkelblauem Anzug mit
       dunkelblauer Krawatte und polierten Schuhen.
       
       Mal blättert er in den Akten, mal blickt er wach und hellhörig auf den in
       roter Robe gekleideten Richter mit englischer Perücke. Als die Anklage über
       Mairs Sammlungen berichtet, verkrampft sich seine Haltung etwas, er kreuzt
       die Beine und verschränkt die Arme.
       
       ## Internet in der Bibliothek
       
       Computerexperten konnten den Internetzugang Mairs in den Monaten vor dem
       Mord zurückverfolgen. Mair hatte dies nicht etwa von zu Hause getan,
       sondern aus vier verschiedenen lokalen Stadtbüchereien, darunter auch
       jener, vor welcher er später Cox ermorden sollte. Der häufig arbeitslose
       Mair besuchte die Bücherei oft bereits morgens. Mit seiner
       Bibliothekskartennummer buchte er seinen Internetzugang.
       
       Zwei Monate vor dem Mord las er ein US-Neonazi-Internet-Magazin und
       informierte sich über Dylan Roof, der in Charleston in einer Kirche neun
       Menschen ermordet hatte. Danach suchte er nach [1][Reinhard Heydrich]. An
       anderen Tagen ging es um Neonazis in Belgien, um britische Neonazis sowie
       um „extreme Linke und Zionisten“.
       
       Am 6. Juni, zehn Tage vor der Mordtat, sucht Mair zum ersten Mal im
       Internet nach Jo Cox. Gleichzeitig will er herausfinden, wie man mit einer
       22-Kaliber-Waffe umgeht. Nebenbei schlägt er die britischen Waffengesetze
       nach und die Definition von „Landesverrat“.
       
       Er findet ein YouTube-Video darüber, wie man mit einer 22-Kaliber-Waffe
       schießt, und beschäftigt sich mit der Frage, ob so eine Waffe tödlich ist,
       wenn man mit ihr auf einen Kopf zielt. Drei Tage vor dem Mord guckt er
       nach, wie im Jahr 1990 der Politiker Ian Gow von der IRA ermordet wurde.
       
       ## Informationen über Särge
       
       Am Tag vor dem Mord stärkt sich Mair mit Seiten zur Waffen-SS, KKK-Morden
       an US-Bürgerrechtlern und Einzelheiten seiner Waffe. Er sucht Informationen
       über Särge, Israel, Palästina und Südafrikas Neonazis. Als diese
       Präsentation der Staatsanwaltschaft vorüber ist, gibt Richter Alan Wilkie
       der Verteidigung zu verstehen, dass er den Prozess möglicherweise
       frühzeitig beendet.
       
       Zwölf Geschworene – acht Männer und vier Frauen – müssen das Urteil fällen.
       
       22 Nov 2016
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhard_Heydrich
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Zylbersztajn
       
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