# taz.de -- Mikroaggressionen und Psyche: Kaum sichtbar, aber sehr toxisch
       
       > Mikroaggressionen können krank machen. Und sie treffen hauptsächlich
       > marginalisierte Gruppen. Das Empfinden von Betroffenen muss anerkannt
       > werden.
       
 (IMG) Bild: Dr. Chester M. Pierce, der Schöpfer des Begriffs „Mikroaggression“ 1972 auf einer Vorlesung
       
       „Unsere Beherrschung der Mikroaggressionen, denen wir tagtäglich ausgesetzt
       sind, härtet ab und sensibilisiert zugleich“, [1][schreibt Kolleg*in
       Michaela Dudley] in Bezug auf die strukturelle Unterdrückung von BIPoC,
       insbesondere von weiblich gelesenen. Dass das Kraft kosten muss und sogar
       krank machen kann, findet in der Mehrheitsgesellschaft kaum Beachtung.
       
       [2][Mikroaggressionen] – geprägt hat den Begriff der US-amerikanische
       Psychiater Chester Pierce, um seine eigenen Erfahrungen als Schwarzer
       Student an der Harvard University in den 70er-Jahren zu beschreiben. Dort
       erlebte er immer wieder abwertende Äußerungen weißer Mitstudent*innen,
       explizit wie implizit. Weitergedacht hat das der Psychologe Derald Wing
       Sue. So betreffen Mikroaggressionen hauptsächlich marginalisierte Gruppen,
       neben BIPoC beispielsweise auch queere Menschen oder jene mit Behinderung.
       
       Wie viele Menschen in Deutschland aufgrund von Rassismus und den damit
       einhergehenden Mikroaggressionen psychisch erkranken, lässt sich nicht
       genau sagen. Dass das deutsche Gesundheitssystem darauf nicht eingestellt
       ist, schon. Das fange bereits mit der Repräsentation in der
       psychotherapeutischen Ausbildung an, wo es meist nur einige wenige BIPoC
       pro Jahrgang gebe, sagt der Psychologe Eben Louw im Interview mit Vogue.
       Louw arbeitet bei Opra, einer Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer,
       rassistischer und antisemitischer Gewalt in Berlin.
       
       Rassismus und Mikroaggressionen, ebenso [3][wie andere Arten der
       Diskriminierung], wirken sich auf den Selbstwert aus. Sie können
       [4][Traumata verursachen], die sich in die Psyche einschreiben und sie
       allmählich zerstören. Durch Stress. Über einen längeren Zeitraum wirkt er
       sich negativ auf die allgemeine Gesundheit aus.
       
       Dem entgegenwirken kann psychotherapeutische Betreuung, indem sie zunächst
       mal Wahrnehmung und Empfinden Betroffener anerkennt. Ich selbst bin immer
       noch erstaunt, wenn mein Therapeut meine Gefühle als legitim erachtet und
       mich nicht, wie ich es als Frau vorher oft erlebt habe, als hysterisch
       wahrnimmt. Das macht viel aus.
       
       Um Menschen ihre Rassismuserfahrungen nicht leichthin abzusprechen oder die
       von außen oft viel schwerer erkennbaren rassistischen Mikroaggressionen
       anzuerkennen, braucht es (mehr) Expert*innen. „Race doesn’t exist, but it
       matters“, so Louw, „eigentlich muss jeder nur gesehen werden.“
       Farbenblindheit und das Leugnen rassistischer Strukturen seien
       kontraproduktiv.
       
       So kommt es nicht selten zu einer Re-Viktimisierung, bei der die
       Betroffenen durch das Bagatellisieren ihrer Wahrnehmung erneut zum Opfer
       von eben jenen Mikroaggressionen werden. Viele trauen sich dann nicht mehr,
       sich Hilfe zu suchen, aus Angst, nicht verstanden zu werden. Das ist
       kontraproduktiv – und im schlimmsten Fall lebensbedrohlich.
       
       10 Aug 2022
       
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