# taz.de -- Beobachtung der AfD: Die Angst vor dem Verfassungsschutz
       
       > Die AfD geht gegen ihre eigenen Mitglieder vor, um nicht ins Visier des
       > Geheimdienstes zu geraten. Das sorgt für Unruhe in der Partei.
       
 (IMG) Bild: Die AfD will nicht so genau beobachtet werden – vor allem nicht vom Verfassungsschutz
       
       BERLIN taz | Nun hat die bayerische AfD doch die Reißleine gezogen: Uli
       Henkel, [1][einer der drei neuen AfD-Landtagsabgeordneten], die vom
       Verfassungsschutz beobachtet werden, wird nicht als Landtagsvizepräsident
       kandidieren. An seiner Stelle tritt nun Raimund Swoboda an, ein
       Polizeidirektor im Ruhestand aus Mittelfranken. Das erfuhr die taz aus
       Fraktionskreisen.
       
       Noch am Wochenende hatte Fraktionschefin Katrin Ebner-Steiner angekündigt,
       an Henkel festhalten zu wollen: „In einer konzertierten Aktion von SPD,
       Grünen und CSU wird aus ganz offensichtlich taktischen Gründen versucht,
       unseren Kandidaten zu diskreditieren, um seine Wahl zum Vize zu
       verhindern.“
       
       Die anderen sind schuld, das ist bei der AfD eine gern genutzte
       Verteidigungshaltung. Sie kam am Montag auch in Berlin zum Einsatz, wo die
       Parteispitze zu einer Pressekonferenz unter dem Titel „Die AfD, der
       Verfassungsschutz und die Meinungsfreiheit in Deutschland“ geladen hatte.
       
       Gleich zur Einleitung gab Parteichef Jörg Meuthen sein Bestes, um den Spieß
       umzudrehen: Eine Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz sei
       „komplett absurd“. Nicht die AfD, sondern die anderen Parteien,
       insbesondere die Regierungskoalition, gefährdeten Demokratie und
       Meinungsfreiheit. Eine mögliche Beobachtung der AfD sei allein politisch
       motiviert.
       
       ## Von „Stasi“ und „Großinquisitoren“ ist die Rede
       
       Und auch das führte Meuthen aus: Bei der Beurteilung, was in der Partei
       gehe und was nicht, werde man nicht vom eigenen Kurs abweichen: „Unsere
       Maßstäbe sind unsere Maßstäbe.“ Die Grenze sei allein das Grundgesetz.
       Ähnlich äußerte sich auch sein Co-Chef Alexander Gauland.
       
       Der Hintergrund: Im Bundesamt für Verfassungsschutz werden derzeit mit
       Blick auf eine mögliche Beobachtung Berichte aus den Ländern ausgewertet,
       das thüringische Landesamt prüft eine Beobachtung des Landesverbands schon
       ganz konkret.
       
       Man darf diese Einlassungen getrost auch als Signal in die eigene Partei
       hinein verstehen: Dort macht sich nämlich Unruhe breit, seit dem der
       Parteivorstand eine fünfköpfige Arbeitsgruppe eingesetzt hat, um eine
       Beobachtung durch den Verfassungsschutz zu verhindern – durch rechtliche
       Schritte, aber auch durch bessere Kontrolle des Verhaltens von
       Parteimitglieder. In der AfD ist bereits von „Stasi“ und „Großinquisitoren“
       die Rede. Eine Erklärung „gegen alle Denk- und Sprechverbote“ hat großen
       Zulauf.
       
       Am Wochenende schlugen die Wellen besonders hoch: Da wurde bekannt, dass
       ein [2][Gutachten der Partei zwecks Vermeidung einer Beobachtung]
       empfiehlt, vieles zu unterlassen, was in der Partei zum guten Ton gehört:
       Die „pauschale Diffamierung“ von Flüchtlingen oder Muslimen zum Beispiel
       oder die Verwendung „extremistischer Reizwörter“ wie „Umvolkung“ oder
       „Überfremdung“.
       
       ## AfD will vor Menschenrechtsgericht ziehen
       
       Auch von der Pflege von Kontakten zu Organisationen, die vom
       Verfassungsschutz beobachtet werden, rät der Gutachter ab. Ebenso von dem
       Infragestellen der Religionsfreiheit der in Deutschland lebenden Muslime.
       All das ist bei der AfD an der Tagesordnung.
       
       Trotz Meuthens harscher Worte präsentierte die AfD auch bereits vollzogene
       Maßnahmen: So seien in den vergangenen Wochen mehrere problematische
       Mitglieder dazu bewegt worden, die Partei zu verlassen. Die Bürgerbewegung
       Pro Chemnitz habe man auf die „Unvereinbarkeitsliste“ gesetzt.
       
       Auch soll neben der Arbeitsgruppe ein unabhängiges Gremium mit bis zu drei
       Mitgliedern berufen werden, die nicht der Partei angehören. Zudem will die
       AfD vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte dagegen klagen,
       dass die Prüfung einer möglichen Beobachtung öffentlich bekannt wurde. Das
       schade der Partei.
       
       Am Sonntag hatte sich die Junge Alternative, die AfD-Jugendorganisation,
       [3][von ihrem niedersächsischen Landesverband getrennt], der vom
       Verfassungsschutz beobachtet wird. Gauland befürwortete die Loslösung: „Da
       sind Dinge gesagt und geteilt worden, die unerträglich sind.“
       
       Meuthen wurde auf Nachfrage grundsätzlicher. „In unserer Partei darf nicht
       alles gesagt werden“, so der Parteichef. Das wird vielen AfDlern nicht
       gefallen. Für die Partei, zu deren Gründungsmythos die absolute
       Meinungsfreiheit gehört, könnte die Angst vor dem Verfassungsschutz zu
       einer Zerreißprobe werden.
       
       5 Nov 2018
       
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