# taz.de -- Aussteigerprogramm für Nazis: Exitus für Exit?
       
       > Seit Jahren verhilft Exit Nazis zum Ausstieg. Nun droht das Ende: In
       > einer Förderrunde des Familienministeriums geht der Verein bisher leer
       > aus.
       
 (IMG) Bild: Teilnehmer einer rechten Demo unter dem Motto „Wir für Deutschland“ im Regierungsviertel 2016
       
       Berlin taz | Wer dieser Tage mit Bernd Wagner spricht, erlebt einen
       wütenden Mann. Eine „Schande“ sei es, wie mit seinem Projekt, der
       Aussteigerhilfe Exit, umgegangen werde. Man werde völlig hängengelassen,
       stehe „mit den Aussteigenden wie Deppen im Regen“, poltert Wagner. „Hier
       wird jahrelange Arbeit kaputtgemacht.“
       
       Tatsächlich steht die wohl bekannteste Aussteigerhilfe für
       [1][Rechtsextremisten] momentan vor dem Aus. Im Jahr 2000 von Wagner
       gegründet, verhalf Exit seitdem nach eigenen Angaben 750 Neonazis zum
       Rückzug aus der Szene. Gefördert wurde dies zuletzt maßgeblich durch das
       Bundesprogramm „Demokratie leben“, angesiedelt beim
       Bundesfamilienministerium. Dort entschied man nun, welche Projekte für die
       neue, vierjährige Förderperiode ab 2020 Gelder erhalten. Und: Exit ist nach
       eigener Auskunft nicht dabei.
       
       Bis Ende September wurden die Träger, die auch künftig als „Modellprojekte“
       finanziert werden sollen, vom verantwortlichen Bundesfamilienministerium
       informiert und dürfen nun ihre finalen Konzepte einreichen. Exit habe dabei
       keine Rückmeldung erhalten, sagt Bernd Wagner. „Das ist eine Katastrophe.“
       Man sei nun dabei, alle 115 AussteigerInnen, die man aktuell betreue,
       „abzuwickeln“, so Wagner. „Die verstehen die Welt nicht mehr. Und ich auch
       nicht.“
       
       Im Familienministerium gibt man sich bedeckt. Man befinde sich im laufenden
       Verfahren, Informationen zu einzelnen Bewerbern könne man deshalb nicht
       mitteilen, erklärt ein Sprecher der taz. Er verweist aber auf die große
       Menge der Antragsteller: Für die neue Förderperiode von „Demokratie leben“
       hätten sich mehr als 1.000 Projekte beworben, die sich gegen Extremismus
       und für Demokratiearbeit engagieren wollen. Nach eine Prüfung durch 60
       GutachterInnen seien schließlich rund 100 Initiativen als Modellprojekte
       ausgewählt worden. „Wir haben eine hohe Nachfrage und begrenzte Mittel“, so
       der Sprecher. [2][„Dies erfordert eine Auswahl.“]
       
       ## Alles nur noch Verarsche
       
       Tatsächlich wurde anderen Aussteiger-Projekten bereits die Aussicht auf
       eine Förderung mitgeteilt. So soll die Bundesarbeitsgemeinschaft „Ausstieg
       zum Einstieg“, die mehrere kleinere Aussteiger-Projekte im Bereich
       Rechtsextremismus bündelt, künftig als Modellprojekt gefördert werden –
       auch dort hatte man um eine Weiterfinanzierung gebangt. Giffey nennt die
       Bundesarbeitsgemeinschaft einen „zentralen Baustein des Bundesprogramms“.
       
       Exit-Chef Wagner indes verweist darauf, dass kein Name in der
       rechtsextremen Szene bekannter sei als Exit und kein Projekt mehr
       Aussteiger betreut habe, darunter etliche „Hochkaräter“. „Das jetzt alles,
       in diesen Zeiten, zu zerschlagen, ist Irrsinn.“ Zumal es, so Wagner, auch
       den Bereich Islamismus betreffe, wo derzeit 22 AussteigerInnen mitbetreut
       würden. Auch deren Sicherheit werde nun gefährdet, genauso wie die von
       potentiellen Opfern.
       
       Auch Teile der Politik reagieren mit Unverständnis. Kaum ein Tag vergehe
       derzeit ohne rassistische Gewalt und neue Erkenntnisse über rechtsextreme
       Netzwerke, sagt die Grünen-Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth.
       „Ausgerechnet jetzt nimmt die Bundesfamilienministerin in Kauf, dass
       zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsradikalismus und für die
       Demokratie erschwert wird. Das ist verheerend.“ Roths Forderung: „Das
       Gegenteil müssen wir tun: Etablierte Initiativen mit ihren gewachsenen
       Netzwerken stärker unterstützen, die Finanzierung verstetigen und mehr
       Planbarkeit schaffen.“
       
       Im Familienministerium wird indes betont, dass das Vergabeverfahren noch
       nicht beendet sei. Eine Förderung von Bewerbern sei auch jenseits der
       Modellprojekte möglich, so ein Sprecher. Etwa als Teil eines der 14
       neugeschaffenen „Bundeskompetenzzentren“. Exit-Gründer Wagner sagt, auch
       dazu habe er aber bisher nichts gehört. „Das ist alles offensichtlich nur
       noch Verarsche.“
       
       3 Oct 2019
       
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