# taz.de -- Absturz der türkischen Lira: Erdoğans Schwiegersohn tritt ab
       
       > Nach dem Zentralbankchef tritt auch der türkische Finanzminister zurück.
       > Grund ist der Verfall der Lira. Dem Land droht der Bankrott.
       
 (IMG) Bild: Traurig traurig: Berat Albayrak, türkischer Finanzminister, tritt von seinem Posten zurück
       
       Istanbul taz | Überraschend hat Berat [1][Albayrak], Finanzminister und
       Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, am Sonntagabend per
       Instagram seinen Rücktritt erklärt. Der 42-jährige Albayrak machte
       gesundheitliche Gründe für seinen Rücktritt geltend. Tatsächlich dürfte
       aber der Grund in der sich ständig verschlechternden wirtschaftlichen
       Situation des Landes zu suchen sein.
       
       Obwohl Albayrak fast wöchentlich irgendwelche imaginären Erfolgsmeldungen
       verkündet hatte, verlor [2][die türkische Lira dramatisch an Wert], während
       die Inflationsrate ständig in die Höhe ging. Ausländische Investoren hatten
       längst jedes Vertrauen in Albayrak verloren.
       
       Unmittelbar vor der Ankündigung von Berat Albayrak, seinen Posten nach fünf
       Jahren aufzugeben, hatte Präsident Erdoğan den Chef der türkischen
       Zentralbank Murat Uysal ohne Angabe von Gründen fristlos gefeuert und noch
       am Wochenende durch einen früheren Finanzminister, Naci Agbal, ersetzt.
       
       Dieser kündigte am Montagmorgen an, er werde alles daransetzen, den Kurs
       der türkischen Lira wieder zu stabilisieren. Allein der Rücktritt von
       Albayrak hatte bereits dazu geführt, dass die Lira wieder zwei Prozent auf
       den Dollar zulegen konnte. Am Freitag hatte die Lira einen neuen Tiefstand
       erreicht. Für einen Euro musste man 10 Lira bezahlen, vor wenigen Jahren
       waren es noch 3 Lira.
       
       ## Wachsende Verzweiflung der türkischen Regierung
       
       Albayrak Rücktritt, so er denn von Präsident Erdoğan akzeptiert wird, ist
       ein unmissverständliches Zeichen für die wachsende Verzweiflung der
       türkischen Regierung, die offenbar nicht mehr weiß, wie sie das Land noch
       vor dem Bankrott retten soll.
       
       Nach Angaben der amerikanischen Investmentbank Goldmann-Sachs hat die
       türkische Zentralbank in den letzten zwei Jahren rund 100 Milliarden Dollar
       verbrannt, bei dem vergeblichen Versuch den Währungsverfall der Lira zu
       stoppen. [3][Jetzt sind die Devisenreserven offenbar aufgebraucht.] Nach
       gängiger ökonomischer Lehrmeinung müsste die Zentralbank die Zinsen
       drastisch erhöhen, um Anleger zu bewegen, in die Lira zu investieren, doch
       das verhinderte bislang Präsident Erdoğan, der ein erklärter Zinsgegner
       ist.
       
       Der Rücktritt von Albayrak hat aber auch eine weitreichende politische
       Dimension. Albayrak war drei Jahre lang Energieminister und wurde von
       Erdoğan nach den letzten Präsidentschaftswahlen zum Finanzminister und
       neuen Wirtschaftszar der Regierung ernannt. Als Schwiegersohn des
       Präsidenten stieg er so zum Kronprinzen auf, der Erdoğan einmal beerben
       sollte.
       
       Erdoğan stützte sich nach dem Putschversuch 2016 mehr und mehr auf einen
       kleinen Kreis ihm loyal ergebener Anhänger, zu denen auch seine Söhne,
       Töchter und vor allem Schwiegersohn Berat Albayrak gehören. Sein Abgang
       wäre deshalb ein schwerer Verlust, der die Machtarchitektur innerhalb der
       regierenden AKP ins Wanken bringen könnte. Albayrak war in weiten Teilen
       der Partei als Günstling Erdoğans verhasst.
       
       Für viele war er Ausdruck des Nepotismus des Regimes. Frühere Mitstreiter
       Erdoğans wie Ali Babacan, der zehn Jahre lang die Wirtschaft der Türkei
       erfolgreich gesteuert hatte, hat die AKP verlassen und eine eigene Partei
       gegründet. Er gehört jetzt genauso wie der frühere Ministerpräsident Ahmet
       Davutoglu zur Opposition. Mit dem Abgang Albayraks wird die
       Wirtschaftskrise mehr und mehr auch zu einer politischen Krise der
       Regierung Erdoğans.
       
       9 Nov 2020
       
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