# taz.de -- 1.548 Tage Krieg in der Ukraine: Die Kinder des Krieges
       
       > Alljährlich finden in der ganzen Ukraine militärisch-patriotische Spiele
       > für Jugendliche statt. Ein Besuch bei einem Camp im westukrainischen
       > Dubno.
       
 (IMG) Bild: Kinder im Park des Schlosses Dubno bei den patriotisch-militärischen „Dzhury“-Spielen, Mai 2025
       
       Auf einer Rasenfläche im Park von Dubno, einer [1][kleinen Stadt in der
       Westukraine], haben Jugendliche ein Zeltlager errichtet. Sie tragen
       Militäruniformen. Neben den Zelten sehe ich Waffenattrappen. Es sind
       hölzerne Kalaschnikows. Einige singen, andere hören den Kommandeuren zu,
       wieder andere verfolgen mit Tourniquets in der Hand den Unterricht in
       taktischer Medizin. Als sie mich, in der Uniform der Nationalgarde,
       bemerken, grüßen sie mich respektvoll nach militärischer Art.
       
       Es ist der letzte Tag der „Dzhury“-Spiele in Dubno, einem landesweit
       jährlich stattfindenden Spiel, das ukrainische Jugendliche im Sinne der
       Kosakentraditionen und des Patriotismus erzieht. Verschiedene Klassen aus
       Schulen eines Ortes treten dabei gegeneinander an. Die Teilnehmer erwerben
       Fähigkeiten in der militärischen Ausbildung, sie lernen, wie man richtig
       ein Lager aufschlägt und nehmen an Sportwettkämpfen und Quizspielen teil.
       
       Die „Dzhury“ waren einst junge Gehilfen der Kosaken – ukrainische Ritter,
       die ihre Heimat verteidigten. Ihre Nachfahren tun dreihundert, vierhundert
       Jahre später dasselbe: Sie bereiten sich darauf vor, ihr Land gegen den
       Feind zu verteidigen. Diesmal sind es die Russen.
       
       ## Leben im Krieg von Geburt an
       
       Die jungen Teenager, die ich in dem Zeltlager kennenlernen konnte, sind in
       einer Zeit geboren und aufgewachsen, in der die [2][Ukraine um ihre
       Unabhängigkeit] kämpft. Sie haben noch keinen einzigen Tag in einem Land im
       Frieden erlebt. Dabei möchte man an diesem schönen Maientag im Park vor den
       Mauern des imposanten mittelalterlichen Schlosses Dubno über nichts weniger
       gern mit ihnen sprechen als über den Krieg.
       
       „Woher kommen Sie gerade? Von der Front?“, fragt mich Maksym. Er ist elf
       Jahre alt, sein Vater dient in einem Sturmregiment. Seine Familie hat er
       das letzte Mal kurz vor Neujahr besucht. Maksym schläft während der Spiele
       in einem Schlafsack, den sein Vater aus dem Krieg mitgebracht hat.
       
       „Diese Generation wächst unter Bedingungen ständiger Gefahr und Verluste
       auf. Sie werden mit Informationen überflutet und viel zu früh erwachsen“,
       sagt Maksyms Mentorin Maryna. Sie kam im Februar 2022 auf der Flucht aus
       dem russisch besetzten Cherson nach Dubno. In der neuen Stadt gründete sie
       mit ihrem Mann Vasyl eine „Plast“-Gruppe, ukrainische Pfadfinder.
       
       ## Ukrainische Kinder sind jetzt anders
       
       Maryna ist oft bei Pfadfindertreffen in Europa und hat dort festgestellt,
       dass junge Ukrainer oft Eigenschaften haben, die man bei Gleichaltrigen in
       friedlichen Ländern nicht in diesem Maße findet: eine hohe
       Anpassungsfähigkeit, einen ausgeprägten Realitätssinn und frühe Erfahrungen
       mit einem Leben in Unsicherheit.
       
       „[3][Mit 10, 12 Jahren wissen sie schon, was Tod, Front, Evakuierung],
       Verantwortung, Militärdienst und Freiwilligenarbeit bedeuten. Für sie sind
       Worte wie Alarm, Schutzraum, Drohne oder Luftangriff keine abstrakten
       Begriffe, sondern ein Teil ihres Alltags“, sagt Maryna.
       
       Ein Junge aus ihrer Plast-Gruppe hört ihre Worte und erzählt sofort: „In
       unserer Straße ist letzte Woche eine Shahed-Drohne runtergekommen. Mein
       Bruder und ich haben gerade Fußball gespielt, wir hatten nicht mal Zeit,
       uns zu fürchten. Wir haben uns ins Gras gelegt und dann einfach
       weitergespielt. Nur Mama hat geschimpft, dass wir nicht in den Schutzraum
       der Schule gegangen sind.“
       
       ## Keine „verlorene“ Generation
       
       Maryna und ich lächeln traurig. Die Kinder gehen jetzt los, um das letzte
       Lagerfeuer in diesem Camp anzuzünden. Sie sieht ihnen bekümmert nach.
       
       „Diese Kinder des Krieges merken ganz schnell, wenn etwas nicht ehrlich,
       nicht aufrichtig ist. Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, in der Worte
       ständig an der Realität gemessen werden: Wenn jemand von Patriotismus
       spricht, muss er auch etwas tun. Dabei sind nicht alle ihre Väter in der
       Armee. Manche verstecken sich in den Wäldern oder in verlassenen Dörfer“,
       meint Maryna.
       
       „Ruhm der Ukraine! Den Helden Ruhm!“, rufen die Kinder im Park von Dubno im
       Chor. Und ganz sicher sind das nicht die Stimmen einer weiteren „verlorenen
       Generation“, sondern vielmehr die einer Generation, die schon sehr früh den
       wahren Wert der Freiheit erkannt hat.
       
       Aus dem Ukrainischen: Gaby Coldewey
       
       21 May 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Juri Konkewitsch
       
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