# taz.de -- Linke fordert Rücktritt von Vanessa Emde: „Jetzt reicht’s!“
> Die Linke-Bundestagsabgeordnete Katalin Gennburg will, dass Vanessa Emde
> ihr Mandat zurückgibt. Es brauche Klarheit gegen Terrorverherrlichung.
(IMG) Bild: Katalin Gennburg fordert, dass Vanessa Emde ihr Mandat zurückgibt
taz: Die Linke steht seit Wochen unter Beschuss. Auch intern hagelt es
Kritik, etwa in der Nahostfrage. Wie sollte die Berliner Linke damit
umgehen?
Katalin Gennburg: Für mich ist ein Punkt erreicht, an dem ich denke, jetzt
reicht’s. Wir müssen einen Schlussstrich unter diese unsägliche Debatte
ziehen und so selbst die Kampagne gegen unsere Partei beenden. Wenn Linke
sich mit Leuten wie [1][Ibrahim Ibrahim] solidarisieren, so wie es Vanessa
Emde tut, überschreiten sie eine Grenze. Vedi (Vanessa Emde; Anm. d.
Redaktion) verweigert eine Distanzierung von Ibrahim, deshalb bin ich der
Auffassung, dass sie ihr Mandat zurückgeben sollte. Dieser Ibrahim
verherrlicht die Hamas. Wir können nicht akzeptieren, wegen solch
vereinzelter Aussagen als gesamte Partei in die Nähe von
Terrorverherrlichern gestellt zu werden.
taz: Die Berliner Abgeordnete Emde stand dafür schon häufiger in der
Kritik, etwa nach der Wahlparty im September. Warum fordern Sie ihren
Ausschluss erst jetzt?
Gennburg: Wenn Genossinnen sagen, sie haben Angst, nehme ich das sehr
ernst. Das ist spätestens letzte Woche durch das Spiegel-Interview von Elif
Eralp klar geworden. Das hat etwas verändert, auch für mich persönlich.
taz: Inwiefern?
Gennburg: Ich weiß, wie es ist, als Politikerin Angst zu haben. Auch ich
musste als Politikerin wegen Bedrohungen Schutzmaßnahmen ergreifen, als
dazu aufgerufen wurde, meine Adresse in rechten Chats zu veröffentlichen.
Auch als ich mich mit den größten Baulöwen angelegt habe, dachte ich: „Oh
Gott, oh Gott, begebe ich mich eigentlich in Gefahr, wenn ich so mächtigen
Leuten das Handwerk lege?“ Zu hören, dass Elif sich fürchtet, auch um ihre
Familie, hat mich zutiefst erschüttert.
taz: Sie selbst haben sich früher im Landesvorstand und im Abgeordnetenhaus
oft aufgelehnt, etwa gegen Ihren Genossen Klaus Lederer. Gehört Widerspruch
nicht zur DNA Ihrer Partei?
Gennburg: Ja klar, ich bin total für eine rebellische, basisdemokratische
Politik. Aber auch ich habe die gemeinsamen Beschlüsse am Ende immer
mitgetragen. Es ist die verdammte Aufgabe von PolitikerInnen, genau das zu
tun, wir sind nun mal gewählte Vertreter*innen. Wenn es für eine Genossin
nicht möglich ist, sich an die Mehrheitsbeschlüsse unserer wunderbaren
Partei zu halten, muss sie eben raus. Gerade wir vom linken Flügel haben
immer gesagt: Ein Mandat ist kein Privateigentum, sondern es wird immer in
Kooperation mit der Partei gewonnen, die von vielen Aktiven getragen wird.
Aber Emde geht es doch gar nicht mehr um [2][Sachfragen], sondern nur noch
um Selbstprofilierung und Spaltung.
taz: Womit hat Emde gegen Beschlüsse der Linken verstoßen?
Gennburg: Mit ihrer Solidarität zu Ibrahim Ibrahim hat sie die Grenze
endgültig überschritten. Auch dass sie das Existenzrecht Israels verneint,
geht nicht. Sie könnte so etwas sagen wie: „Natürlich stehen wir zum
Existenzrecht Israels. Im Übrigen bin ich der Auffassung, dass linke
Staatskritik wichtig ist.“ Das wäre völlig in Ordnung. Aber das hat sie
nicht getan. Sie zieht keine Grenze zu Ibrahim Ibrahim und
terrorverherrlichenden Organisationen. Da muss man ein Stoppzeichen setzen.
taz: Fordern Sie auch einen Parteiausschluss von Emde?
Gennburg: Das ist die Aufgabe anderer Leute.
taz: Aber Sie würden es unterstützen?
Gennburg: Ich habe damals den Parteiausschluss von Sahra Wagenknecht mit
beantragt, weil es nicht mehr anders ging. Dabei bin ich wirklich nicht
scharf darauf, ständig [3][Parteiausschlüsse] zu beantragen.
taz: Viele sagen, die Linke hat Wahlkreise wie Neukölln gerade wegen
Positionen wie denen von Emde gewonnen. Wie wollen Sie den Wählenden
erklären, wenn ihre Kandidatin nicht mitmachen darf?
Gennburg: Wir haben noch keine solide Wahlauswertung, das heißt, es ist
überhaupt nicht belegt, ob die Linke, etwa in Neukölln, für ihre
Solidarität mit Gaza gewählt wurde. In dem Wahlkreis, in dem Vedi
angetreten ist, war die Linke schon lange vor ihrer Kandidatur stark, da
hatten wir bei der vorherigen Wahl schon fast 30 Prozent. Sie ist also
nicht angetreten und war auf einmal die Geilste, sondern in Neukölln,
übrigens lange vor dem 7. Oktober und auch vor der Kandidatur von Ferat
Kocak, haben Linke schon vor Jahren angefangen, Haustürwahlkämpfe und
Organizing in der Nachbarschaft zu machen. Es gab in Berlin insgesamt eine
Wechselstimmung. Da finde ich es anmaßend und vermessen, sich hinzustellen
und zu sagen, weil ich so palästinasolidarisch bin, haben wir Neukölln
gewonnen. Nee, wir haben nicht, der Erfolg in Neukölln ist über ein
Jahrzehnt hart erarbeitet worden – und das nicht von Vedi Emde.
taz: Wenn Emde wirklich ausgeschlossen wird, würde sie bestimmt einige
Solidarität erhalten. Würde das die Spaltung der Partei nicht sogar
zementieren?
Gennburg: Ich kenne meine Partei sehr gut. Wir haben 130.000 Mitglieder.
Ich weiß, dass es ganz viele Mitglieder gibt, die darauf warten, dass diese
Querelen aufhören und dass der berechtigte Anspruch vieler Mitglieder
eingelöst wird, dass man sich jetzt zusammenstellt und die Wahlversprechen
umsetzt. Und ich möchte noch einmal betonen: Unsere Beschlüsse erlauben zu
Nahost ja einen breiten Meinungskorridor. Aber außer Emde gibt es in der
aktuellen Fraktion im Abgeordnetenhaus wirklich niemanden, [4][der solche
Positionen vertritt]. Auch nicht bei sehr palästinasolidarischen
Genossinnen wie zum Beispiel Martha Kleedörfer. Die hat ja auch streitbare
Positionen, zum Beispiel hat sie mal einen Antrag eingebracht, eine
Palästina-Fahne vorm Rathaus Mitte zu hissen. Aber so was hat sie immer in
einem demokratischen Diskurs und immer im Rahmen der Partei getan. Es gibt
in der Linken viele Leute, die sagen: Palästinasolidarität, ja.
Terrorverherrlichung? Nein. Darüber müssen wir als Linke jetzt einfach
Klarheit herstellen.
4 Nov 2026
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(DIR) 7. Oktober 2023
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