# taz.de -- Gewinner des Filmfestivals DOK Leipzig: Nachrichten aus der Welt in multipler Dauerkrise
> Das 69. Filmfestival DOK Leipzig war geprägt von Konflikten der
> Gegenwart. Dieser Jahrgang war einer seiner stärksten bisher.
(IMG) Bild: Gewinner der Goldenen Taube bei DOK Leipzig: der Dokumentarfilm „Letters from the Silenced Country“ von Andrei Kutsila
„Komm, Badrya, lass uns weggehen von diesem verrückten Mann.“ Gemächlich
zockeln Schaf und Halterin zwischen Olivenbäumen den Weg in Richtung
einiger vereinzelter Häuser entlang. In der Szene zuvor haben Schaf und
Halterin auf einer Wiese gerastet, bis zwei Männer angefangen haben, sie zu
umwuseln und zu fragen, ob das Schaf zum Züchten taugt. Schaf und Halterin
waren gleichermaßen wenig begeistert von der Aufdringlichkeit.
Asmahan Bkerats erster Dokumentarfilm „Concrete Land“ gewann bei der
diesjährigen Ausgabe des [1][Internationalen Leipziger Festivals für
Dokumentar- und Animationsfilm] die Silberne Taube für den besten Langfilm.
Weltpremiere hatte der Film im Rahmen der Semaine de la critique auf dem
Filmfestival in Locarno im August.
Bkerats Film zeigt das Leben einer afropalästinensischen Familie von
Beduinen in Jordanien. Bulldozer entwurzeln die Olivenbäume, um das Land
für Bauvorhaben vorzubereiten, im Fernseher laufen Bilder aus dem
Gazastreifen und Israel – und doch sind es zuallererst Konflikte um Land,
der Rassismus vor Ort und die Konflikte der Generationen, die den Alltag
der Familie bestimmen.
Wenig überraschend war die diesjährige Ausgabe geprägt von den Konflikten
der Gegenwart. Beeindruckend war, wie allgegenwärtig gute Filme in diesem
Jahr waren. Die Dokumentarfilme im internationalen Wettbewerb fast ohne
Ausnahme beeindruckend gut und die durchformatierten
Fernsehdokumentarfilme, die sich sonst oft in den Wettbewerb verirrt
hatten, fehlten in diesem Jahr vollkommen.
Die Goldene Taube für den besten dokumentarischen Langfilm ging Andrei
Kutsila für „Letters from the Silenced Country“, einen Dokumentarfilm über
einige der unzähligen Inhaftierten in Belarus, Repression und die
Beharrlichkeit des Widerstands. Die Goldene Taube Kurzfilm ging an „They’re
Here“ von Laura Poitras und Rachel Lauren Mueller, die den Widerstand gegen
die Gewalt der Schergen der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis
zeigt.
## Kluge und behutsame Erinnerung an Thomas Heise
„Xiangzidian Village: The Stage“ zeigt zu Beginn die Arbeiten an einer
Autobahn, deren Verlauf Xiangzidian, das Heimatdorf von Regisseur Hu
Sanshou, durchteilen wird. Im Laufe der Jahre beginnen die
Dorfbewohner_innen die entstehende Straße für sich zu nutzen, als Orte für
Picknicks, zum Ausruhen und Verweilen. Hus Film wird zu einem berührenden
Dokument von Zwischennutzungen, die den Abschied von einer Ära des Dorfes
begleiten.
Auffällig war in diesem Jahr auch die Qualität des Deutschen Wettbewerbs.
Die Auszeichnung für „Übergang“ von Peter Badel und [2][Chris Wright] mit
der Goldenen Taube Langfilm erscheint da fast schon wie eine Entscheidung
für Bewährtes. Badel und Wrights Film, der im August in Locarno
Weltpremiere feierte, setzt die Arbeit an einem Filmprojekt fort, das
[3][Thomas Heise bis zu seinem Tod im Mai 2024] vorantrieb.
Klug und behutsam arbeiten Badel und Wright Heise selbst und die Erinnerung
an ihn in dessen Projekt zu einem Film über die Schönhauser Allee ein.
Momente aus Heises Filmografie verbinden sich mit Familiengeschichte und
einem Leben in der DDR und dem Deutschland nach 1990. Ein beeindruckender
Film, der jeden der Preise verdient, die er bekommt, und der im November
endlich auch regulär in die Kinos kommt.
## Präziser Blick für Selbstlügen und Machtstrukturen
Doch fast der gesamte Jahrgang deutscher Dokumentarfilme war beeindruckend
und zeugt gemeinsam mit einer ganzen Reihe von Filmen, die schon auf
anderen Festivals Premiere feierten von der Vielfalt und Lebendigkeit des
deutschen Dokumentarfilms. Julia Groteclaes arbeitet in „Hotel Utopia“ an
einem Ko-Living-Space in den bulgarischen Bergen mit präzisem Blick
Selbstlügen und Machtstrukturen heraus.
Konrad Schlaich porträtierte in „Kindesmutter“ in gleichermaßen intimen wie
empathischen Bildern den langwierigen Kampf von Anne und ihrer Tochter
Leonie für ein Leben jenseits der Drogenabhängigkeit und mit mehr
Verantwortung für das eigene Leben. Jasmine Alakari Abtin in „Free Zone“
begleitete ein Jahr lang einen jungen Anarchisten aus Iran durch sein Leben
im Athener Stadteil Exarchia. Aus der Begegnung entwickeln sich neue
Perspektiven auf das eigene Tun als Filmemacherin. Für „Free Zone“ gab es
erfreulicherweise den Verdi-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und
Fairness.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Leipziger Festival gerade jetzt
einen seiner stärksten Jahrgänge erlebte. Eine Welt in multipler Dauerkrise
mit einer Vielfalt von teils akuten und existenziellen Bedrohungen wie
Kriegen, Repression und einem Erstarken des Autoritären scheinen
erfreulicherweise dokumentarische Einsprüche gegen die Zustände der Welt,
aber auch gegen unterkomplexe Wahrnehmungen hervorzurufen.
Es steht zu hoffen, dass auch die deutsche und Leipziger Kulturpolitik
diese Lebendigkeit würdigt, statt – wie letztes Jahr geschehen – die
Vielfalt der Stimmen zum Anlass zu nehmen, das Festival zur Disposition zu
stellen. Diese Gegenwart braucht mehr und nicht weniger Foren für die
Sichtbarkeit der Welt.
4 Nov 2026
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## AUTOREN
(DIR) Fabian Tietke
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