# taz.de -- Die Wahrheit: Wunderbunker
       
       > Tagebuch einer Erkunderin: Hinter den Betonmauern von Hamburgs
       > berühmtestem Nazirelikt lernt die Besucherin Churchills noch berühmtere
       > Rede schätzen.
       
       Was macht man, wenn man in Hamburg Freunde bespaßen will? Erst mal das
       Kulturangebot studieren. Die Ausstellung „This is the Modern World.
       Durchbrüche in der Kunst 1900–1960“ klingt verlockend, doch wir wollen in
       unserer Welt von heute lieber bei einer Führung „den urbanen Spirit im
       Bunker auf St. Pauli“ erleben. Wir besitzen ja nicht wie Mark Zuckerberg
       ein Grundstück auf Hawaii und genügend Bares für private Schutzräume
       inklusive Kino, Pool und eigener Wasserversorgung; da kann es also nicht
       schaden, beizeiten mal zu prüfen, was einen in einem Zufluchtsort für die
       Massen erwarten würde.
       
       Frei nach den „Hängenden Gärten der Semiramis“ ist Deutschlands größter
       Nazibunker mit draufgepfropftem Hotel und reichlich Begrünung inzwischen
       ein eigenes Hamburger Weltwunder. Unser Bunkerexperte überrascht uns
       aufgekratzt mit der Frage, wer von den Anwesenden denn „gedient“ habe. Zu
       seiner Enttäuschung erweisen sich die Männer entweder als zeitlebens
       Untaugliche oder verweichlichte Zivis, dabei hätte er sich doch sehr über
       etwas mehr „Grundwissen“ gefreut.
       
       Beim historischen Teil im Innern dürfen wir dann unser Grundwissen über
       Bauliches testen. Der Experte schwelgt in anschaulichen Schilderungen
       panischer Schutzsuchender, die sich auf Treppen ohne Geländer drängen und
       dabei – „Naaa? Was passierte da wohl? Richtig!“ – Absturzopfer zu beklagen
       hatten.
       
       Das Betonprachtstück selbst, freut sich unser fideler Bunkerführer draußen
       beim Anstieg zum Gipfel, war jedoch unkaputtbar! Abertonnen von Stahl
       mitverbaut! Randvoll mit Munition! Vier Flaktürme! Bollwerk gegen die
       englischen „Heavy Bombers“! Für den, der jetzt noch nicht genug hat,
       breitet er die Arme aus und macht Absturzgeräusche: „Fiiiiiiiuuuuu …
       Prchchch!!!“.
       
       ## Churchill in Dauerschleife
       
       Ich fürchte, ich kann die Performance nicht genügend würdigen und begreife
       langsam, wie süß die Rache war, die John Cleese in der „The
       Germans“-Episode von „Fawlty Towers“ mit seinem „Don’t mention the war!“
       genossen hat. Mir fällt noch das Männerklo eines Londoner Traditionshotels
       ein, in das mich ein englischer Freund mal schleppte, damit ich dort
       Churchills in Dauerschleife laufende „Blood, Sweat and Tears“-Rede hören
       konnte. Bei den Ladies gab’s die milder kämpferische „Coronation Speech“
       der Queen.
       
       Weiter oben bei den Kräuterbeeten der örtlichen Pflanzinitiative schicke
       ich eine stumme Abbitte über den Channel, bevor wir, begleitet von
       Lounge-Musik, vorbei an Ex-Munitionslager, Gift Shop und Gastroangebot am
       Hoteleingang vorbeiwandern. Hotellerie an Schreckensorten scheint im Trend
       zu liegen, in Berlin zum Beispiel darf man gepflegt in einem ehemaligen
       Frauenknast nächtigen.
       
       Auf dem Dach wartet endlich der versprochene „urbane Spirit“: Kinder
       schlagen Rad auf englischem Rasen, unten im Stadion trainiert Pauli,
       dahinter glitzert die Elbe. Und am Horizont crasht in Zeitlupe nur die
       Sonne.
       
       5 Nov 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pia Frankenberg
       
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