# taz.de -- Die Wahrheit: Nationalgedöns
       
       > Tagebuch einer Speisenden: Im gefährdeten Schlaraffenkiez präsentiert ein
       > neues Lokal befremdlich altdeutsche Beschriftungen.
       
       In meiner Straße konnte man bis vor Kurzem bei einem Italiener zu
       bezahlbaren Preisen Mittag essen. Es gab dort Pasta und allerlei
       Köstliches, das in der Todeszone deutscher Schweinenacken-Kulinarik keinen
       Platz hat; eine Bereicherung der Nachbarschaft, sollte man meinen. Der
       Vermieter sah das anders und quälte das Lokal mit fruchtlosen
       Mieterhöhungsverhandlungen, bevor es den Freitod wählte.
       
       Die hinterbliebenen Dönerläden und Spätis, der Thai, die Vietnamesen,
       Japaner, Chinesen und das arabische Zuckerwaren-Schlaraffenland dürfen noch
       friedlich weiter koexistieren, ein von Russen betriebener Laden mit sexy
       Ärztinnenkitteln ging dagegen pleite, die Fetischszene versorgt sich wohl
       woanders.
       
       Inzwischen kann man in den Räumen des Ex-Italieners wieder essen und auch
       einkaufen, und zwar – so wird stolz geworben – ausschließlich deutsche
       Produkte, sogar „aus allen sechzehn Bundesländern“! Die Etiketten vieler
       Gläser und Dosen tragen befremdlich altdeutsche Beschriftungen, anscheinend
       halten Produzenten von deutschen Erbsensuppen sowas für eine
       vertrauensbildende Maßnahme. Ich wähnte mich trotz des farbenfrohen
       Mobiliars eher in der düsteren Szenerie von „Babylon Berlin“, aus der
       urplötzlich Lars Eidinger hinterm Regal hervorspringen und mir mit
       diabolischem Blick rein deutsches Eingemachtes vors Gesicht drücken würde.
       
       ## Heimatliche Traditionsküche
       
       Mein Stammlokal serviert seiner diversen Kundschaft schon seit hundert
       Jahren ganz ohne Nationalgedöns aus der heimatlichen Traditionsküche
       hervorgegangene Königsberger Klopse, Senfeier und Matjes nach
       Hausfrauenart. Es gibt Kölsch und Schultheiss, ergänzt um härtere Getränke
       aus aller Herren und Damen Länder, die Speisekarte ist weder in Fraktur
       noch Sütterlin gedruckt, die Inhaberin ist Polin und die Angestellten sind
       Deutsche. Dafür hat sich, soweit ich weiß, aber noch nie jemand
       interessiert.
       
       Sollte sich der neue Trend zur altdeutsch etikettierten Heimatkonserve beim
       gut verdienenden bürgerlichen Mittelstand durchsetzen, was kommt als
       Nächstes? Das Deutsche-Eiche-Kneipen-Revival? „Deutsche, esst nicht bei
       Dingsda!“? Wobei Dingsda durch die zu Anfang genannten nichtdeutschen
       Küchen zu ersetzen wäre, jedenfalls solange der jeweilige „Mir doch egal,
       ob ihr pleite geht“-Vermieter noch nicht seine letale Mieterhöhung auf die
       Restauranttische geknallt hat.
       
       Neulich habe ich mir einen mehr als dreistündigen Podcast gegeben. Zwei
       Journalisten sprachen mit Wolfgang Weimer, unserem aktuellen Kulturverweser
       für alle sechzehn Bundesländer. Ich lernte dabei, dass das Lieblingswort
       des Staatsministers für Kultur „krass“ und er beim Antworten auf heikle
       Fragen deutscher Meister am Herumeiern ist. Berlinale, linke
       Buchhandlungen, Antisemitismus, Gendern, alles krasse Themen! Was immer wir
       noch von ihm erwarten dürfen, sein Wortschatz könnte tatsächlich etwas mehr
       Deutsch vertragen.
       
       1 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pia Frankenberg
       
       ## TAGS
       
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